Saiten: Die Stadt Bern hat 2014 eine «Velooffensive» gestartet mit dem Ziel, den Veloanteil bis 2030 auf 20 Prozent erhöhen. Eine klare Ansage.
Michael Liebi: Ja, der Begriff «Offensive» hat etwas Angriffiges. Dafür haben wir uns aber ganz bewusst entschieden, weil wir beim Velo einfach einen riesigen Nachholbedarf hatten. Wir wollten uns explizit um das Thema kümmern, darum sind auch alle Teile der Stadtverwaltung, die irgendwie damit zu tun haben, involviert: Verkehr bzw. Tiefbau, Schule und Sport und natürlich das Amt für Umwelt.
Eines der Umsetzungsinstrumente dieser Offensive ist der «Masterplan Veloinfrastruktur», den Sie mit erarbeitet haben. Welches sind die Kernprojekte?
Es gibt einen langfristigen und einen kurzfristigen Horizont. Bei den kurzfristigen Projekten geht es vor allem ums Umsetzen. Zuerst einmal heisst das, die ganze Stadt zu scannen und nach Potenzialen abzusuchen. Vieles kann mit einfachen Mitteln, etwa mit Markierungen und Signalen, rasch und günstig verbessert werden: Radstreifen schaffen oder verbreitern, Abbiegemöglichkeiten verbessern, Signalisationen vereinfachen, Abstellplätze schaffen und so weiter. Ausserdem haben wir das Velohauptroutennetz festgelegt, das tranchenweise ausgebaut wird. Wir sind gut vorangekommen und konnten seit 2015 fast jedes Jahr längere Abschnitte dieser Hauptrouten umsetzen. Trotzdem: Eine Stadt velofreundlich umzubauen, ist eine langfristige Aufgabe.
Welches sind die langfristigen Punkte des Masterplans?
Sie betreffen vor allem die neuen Planungsgrundsätze und -standards. Diese sind recht ambitioniert. Auf unseren Velohauptrouten soll man zum Beispiel nebeneinander fahren können, andere überholen können, sozial interagieren können. Bei den anderen Verkehrsarten, sprich im Auto und im öV, kann man ja miteinander reden, nebeneinander sitzen, nur auf dem schmalen Velostreifen ist das nicht möglich. Das wollen wir ändern. Dieses Miteinander-Fahren, wie es etwa in Holland normal ist, ist uns sehr wichtig.
Michael Liebi, 1980, ist Fachexperte Veloverkehr bei der Fachstelle für Fuss- und Veloverkehr der Stadt Bern und Dozent an der FH Ost in Rapperswil.
Sie planen «nach nordischem Vorbild». Was heisst das konkret?
Der Begriff ist vielleicht etwas unpräzis. Uns war schnell klar, dass wir ausserhalb der Schweiz nach Vorbildern suchen müssen, wenn wir diesen Quantensprung machen wollen. Und Holland und Dänemark sind ja die Veloländer schlechthin, daran haben wir uns orientiert und von daher kommt auch der Begriff. Das Wichtigste, was man von diesen Ländern lernen kann, ist, dass der Veloverkehr viel stärker abgetrennt ist vom Autoverkehr. Man baut viel mehr eigene Radwege, dadurch erhöht sich das Sicherheitsgefühl. «Von Acht bis Achtzig» ist das Stichwort – alle sollen Velo fahren können und sich sicher fühlen, vom achtjährigen Mädchen bis zur 80-jährigen Oma.
Bern verfolgt ausserdem den Ansatz der «lernenden Planung». Was ist damit gemeint?
Dass wir bei kleinen und mittleren Projekten möglichst schnell möglichst viel auf die Strasse bringen – aber sie dann auch korrigieren, wenn etwas nicht taugt. Man probiert mal etwas aus und passt es dann flexibel an.
Also weniger Konzepte schreiben und mehr machen.
Unser Stichwort, ja. Das war uns auch politisch sehr wichtig: Nicht dutzende Konzepte unterbreiten und endlose theoretische Diskussionen führen, sondern ins Machen kommen.
Andere Städte brauchen Jahrzehnte für kleine Veränderungen. Warum geht es in Bern so viel schneller?
Das hat viel mit politischer Führung zu tun. Der Gemeinderat hat die entsprechenden Ziele beschlossen und die zuständige Gemeinderätin Ursula Wyss, die mittlerweile abgetreten ist, hat die Führung übernommen. Sie hat sich den Velowandel auf die Fahne geschrieben, der Verwaltung eine ganz klare Stossrichtung vorgegeben und das Projekt mit viel Durchsetzungskraft vorangetrieben. Ohne wäre es nicht gegangen. Hilfreich war dabei natürlich auch, dass das Stadtparlament der Veloförderung grundsätzlich wohlgesonnen war und ist und sich entsprechend eine deutliche Mehrheit dafür ausgesprochen hat.
Mehr zur St.Galler Velopolitik: hier und hier – oder im Aprilheft von Saiten.
Wir verschenken unser Aprilheft und schicken es Interessierten gratis ins Haus. Ganz einfach, Adresse melden, Heft kommt: saiten.ch/strom
Gab es auch Stolpersteine?
Natürlich. Das Verkehrssystem einer Stadt zu ändern, ist wie gesagt ein langfristiges Projekt, das viel Durchsetzungskraft erfordert. Da gilt es einiges aus dem Weg zu räumen. Schwierig wird es zum Beispiel, wenn die kantonale oder nationale Gesetzgebung weniger weit geht als die eigenen Pläne. Wir hätten gerne mehr 30er-Zonen auf Hauptstrassen eingeführt, werden diesbezüglich aber eher gebremst. Auch «velointern» gibt es potenzielle Interessenskonflikte: Wenn man beispielsweise eine Kreuzung velofreundlicher für alle Nutzergruppen gestalten will, kann es sein, dass sich gewisse Wege verlängern. Dann muss man zwischen den «Geübten» und den «Unsicheren» vermitteln. Ähnliches gilt für das Verhältnis von Velo und öV. Letztlich sind der Austausch und die Kommunikation entscheidend, damit man nicht ins Straucheln kommt.
Bern hat viel in die Öffentlichkeitsarbeit gesteckt. Wie gestaltet man eine kluge Kommunikationsoffensive?
Kommunikation ist wichtig, sollte aber nur begleiten. Als wir die Velooffensive gestartet haben, wurde gleichzeitig die erste Route umgesetzt. Wir wollten nicht kommunizieren, während die Infrastruktur immer noch gleich schlecht ist. Elementar ist auch, dass man verschiedene Kanäle nutzt, um die ganze Bevölkerung zu erreichen. Ausserdem bauten wir ein Verzeichnis mit allen Anspruchsgruppen zum Thema Velo auf, die wir dann regelmässig zu Workshops, Diskussionen, Mittagstischen und anderen Partizipationsformaten eingeladen haben. Erst kürzlich haben wir zum Beispiel eine Umfrage zum Thema Helmpflicht auf langsamen E-Bikes gemacht. Diese kommunikativen Anstrengungen werden, so habe ich den Eindruck, geschätzt, aber durchaus auch kritisch begleitet.
Was kostet dieser Umbau zur Velostadt?
Das ist nur schwer zu eruieren. Unsere Fachstelle für Fuss- und Veloverkehr ist mit einem eigenen Budget ausgestattet, mit dem wir Kleinmassnahmen, Planungsinstrumente und einen Teil der Kommunikation eigenständig finanzieren können. Das ist ein wichtiger Punkt, denn damit kann man schon viel erreichen. Die grossen Umbauten werden im Rahmen von Projekten budgetiert. Da vertreten wir die Meinung, dass diese nicht mehr oder weniger kosten, wenn man sie velofreundlich macht. Zudem weiss man, dass sich Investitionen in die Veloinfrastruktur volkswirtschaftlich gesehen langfristig auszahlen.
Das einstige Ziel war ein Veloanteil von 20 Prozent. Wie hoch ist er mittlerweile?
Unsere Messstellen liefern sehr erfreuliche Zahlen. Er nimmt kontinuierlich zu: Seit dem Start der Offensive haben wir 50 Prozent mehr Veloverkehr. Das ist sicht- und spürbar, wenn man in der Stadt unterwegs ist. Allerdings hatte Bern bereits 2015 einen Anteil von 15 Prozent, daher werden wir unsere Ziele wohl bald höher setzen – was mich natürlich sehr freut.
Das Velo geniesst in St. Gallen keinen hohen Stellenwert. Die Wunschliste ist lang: eine bessere Verkehrsführung, mehr Veloparkplätze und allgemein mehr Rücksicht auf den Langsamverkehr. Was unternimmt die Stadt, um diesen Forderungen gerecht zu werden? Ein Beitrag von Marc Sieger.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.