Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Berg der Schande»

Hans Fässler gibt auf. Das Agassizhorn wird nicht zum Rentyhorn. Die dafür zuständigen Berner und Walliser Gemeinden seien in Sachen Rassismus unbelehrbar, heisst es in einer Medienmitteilung.
Von  Peter Surber

Die Liste der Unterzeichnenden birgt Überraschungen. Darauf figurieren so unterschiedliche Kaliber wie etwa FDP-Ständerat Andrea Caroni und die alt SP-Nationalräte Andrea Hämmerle und Hilde Fässler, der ehemalige Bundesgerichtspräsident Giusep Nay und die Südtiroler Historikerin Ingrid Runggaldier, der ehemalige Tagblatt-Chefredaktor Gottlieb F.Höpli oder Heinz Imhasly, Geschäftsführer der Luftseilbahnen Fiesch-Eggishorn, die Schriftsteller Franz Hohler und Emil Zopfi, die Philosophin Patricia Purtschert, der Ausserrhoder Landammann Matthias Weishaupt und sein früherer Amtsvorgänger Hans Höhener, aber auch Palliativmediziner, ein Sagenerzähler oder Theologinnen. Absender des Briefs mit der illustren Unterzeichnerliste ist der aus dem Wallis stammende Rektor der Kantonsschule Trogen, Michael Zurwerra.

Der gemeinsame Nenner, neben der auffälligen Achse Wallis-Ausserrhoden: Alle Unterzeichnenden sind Berggänger oder Bergfreunde. Und alle haben sich mit ihrer Unterschrift dafür stark gemacht, dass ein inzwischen legendärer Berg des Anstosses in den Walliser bzw. Berner Oberländer Alpen umbenannt wird: das Agassizhorn.

«Nicht lernfähig»

Dazu wird es aber aller Voraussicht nach nicht kommen. Mit einer Medienmitteilung vom 24. August teilt das Komitee «Démonter Louis Agassiz» mit, dass es seine Bemühungen um eine Umbenennung des Bergs einstellt. Der Grund: Die drei Gemeinden, auf deren Gebiet der nach dem Gletscherforscher und Rassisten Louis Agassiz benannten Berg seien offensichtlich «nicht lernfähig».

In einer vorläufigen Schlusserklärung zur Debatte um das Agassizhorn zieht das Komitee die Bilanz der Jahre 2007-2016. Sie fällt für die Gemeindebehörden von Grindelwald BE, Guttannen BE und Fieschertal VS «vernichtend» aus, schreibt Komitee-Initiant Hans Fässler: «Obwohl wir in aufwändiger Recherchierarbeit und in einer viel beachteten Ausstellung (Grindelwald 2012, Eggishorn VS 2013, Grimsel Hospiz und Teufen AR 2014 und St.Gallen 2015) nachgewiesen haben, dass der Namensgeber des Agassizhorns (3’946 m ü. M.) einer der bedeutendsten Rassisten des 19. Jahrhunderts und ein Vordenker des Rassenwahns der Nazis war, haben sich die drei Berggemeinden keinen Zentimeter bewegt.»

Kein Gehör für Kompromisse

Daran konnte auch der oben genannte Brief trotz prominenter Unterzeichner nichts ändern. Geschrieben worden war er, nachdem selbst der Bundesrat in der Antwort auf eine Interpellation im Nationalrat erklärt hatte, er würde es begrüssen, «wenn sich die zuständigen Gemeinden zu weiterführenden Schritten bewegen liessen».

Das Komitee habe immer wieder Kompromissbereitschaft gezeigt, heisst es in der Erklärung weiter. So sei neben der Umbenennung in Rentyhorn (nach dem Namen eines kongolesischen Sklaven, der Agassiz zur «Beweisführung» seiner Rassentheorie diente) auch der Name Perraudinhorn vorgeschlagen worden, zu Ehren eines Walliser Gletscherforschers. Und sogar als Kleines Finsteraarhorn, wie der ominöse Berg inoffiziell auch heisst, wäre er akzeptiert worden.

Die Gemeinden blieben stur. Sie verwiesen auf hohe Kosten einer Umbenennung – das Komitee fand heraus, dass eine Umbenennung bei der Landestopographie «innert Sekunden» und ohne Kosten möglich wäre. Die Gemeinden fürchteten weiter «eine allgemeine Verunsicherung» etwa in Bergführer- und Hüttenbüchern und verwahrten sich grundsätzlich dagegen, «das Denken vor 200 Jahren aus heutiger Sicht zu beurteilen und zu korrigieren».

renty

Für das Komitee ein eklatanter Widerspruch zur Position der Schweiz, welche die Erklärung der Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängende Intoleranz (2011) mitunterzeichnet hat. «Was für die zivilisierte Welt und für die weltoffene Schweiz gilt, gilt offenbar noch lange nicht für die Gemeindebehörden von Guttannen, Grindelwald und Fieschertal», schreibt das Komitee.

Die Forderung bleibt

Man werde die Forderung «Agassizhorn wird Rentyhorn» jedoch aufrechterhalten und an Orten weiter arbeiten, «die Gewähr  für eine gewisse Lernfähigkeit und Humanität» bieten, heisst es im Text bissig. Die drei Gemeinden aber «werden damit leben müssen, dass mitten in der herrlichen, Unesco-zertifizierten Bergwelt ein ‚Berg der Schande‘ steht, der jetzt nicht nur an einen furchtbaren Naturforscher erinnert, sondern auch daran, dass ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts drei Gemeindebehörden weigerten, den Sklaverei-Rassismus zu verurteilen und ein klares Zeichen für Menschlichkeit zu setzen».

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Schönberg Ruth,  

Für mich ist klar: diese drei Gemeinden werde ich als Feriendestination meiden.

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler