Die Liste der Unterzeichnenden birgt Überraschungen. Darauf figurieren so unterschiedliche Kaliber wie etwa FDP-Ständerat Andrea Caroni und die alt SP-Nationalräte Andrea Hämmerle und Hilde Fässler, der ehemalige Bundesgerichtspräsident Giusep Nay und die Südtiroler Historikerin Ingrid Runggaldier, der ehemalige Tagblatt-Chefredaktor Gottlieb F.Höpli oder Heinz Imhasly, Geschäftsführer der Luftseilbahnen Fiesch-Eggishorn, die Schriftsteller Franz Hohler und Emil Zopfi, die Philosophin Patricia Purtschert, der Ausserrhoder Landammann Matthias Weishaupt und sein früherer Amtsvorgänger Hans Höhener, aber auch Palliativmediziner, ein Sagenerzähler oder Theologinnen. Absender des Briefs mit der illustren Unterzeichnerliste ist der aus dem Wallis stammende Rektor der Kantonsschule Trogen, Michael Zurwerra.
Der gemeinsame Nenner, neben der auffälligen Achse Wallis-Ausserrhoden: Alle Unterzeichnenden sind Berggänger oder Bergfreunde. Und alle haben sich mit ihrer Unterschrift dafür stark gemacht, dass ein inzwischen legendärer Berg des Anstosses in den Walliser bzw. Berner Oberländer Alpen umbenannt wird: das Agassizhorn.
«Nicht lernfähig»
Dazu wird es aber aller Voraussicht nach nicht kommen. Mit einer Medienmitteilung vom 24. August teilt das Komitee «Démonter Louis Agassiz» mit, dass es seine Bemühungen um eine Umbenennung des Bergs einstellt. Der Grund: Die drei Gemeinden, auf deren Gebiet der nach dem Gletscherforscher und Rassisten Louis Agassiz benannten Berg seien offensichtlich «nicht lernfähig».
In einer vorläufigen Schlusserklärung zur Debatte um das Agassizhorn zieht das Komitee die Bilanz der Jahre 2007-2016. Sie fällt für die Gemeindebehörden von Grindelwald BE, Guttannen BE und Fieschertal VS «vernichtend» aus, schreibt Komitee-Initiant Hans Fässler: «Obwohl wir in aufwändiger Recherchierarbeit und in einer viel beachteten Ausstellung (Grindelwald 2012, Eggishorn VS 2013, Grimsel Hospiz und Teufen AR 2014 und St.Gallen 2015) nachgewiesen haben, dass der Namensgeber des Agassizhorns (3’946 m ü. M.) einer der bedeutendsten Rassisten des 19. Jahrhunderts und ein Vordenker des Rassenwahns der Nazis war, haben sich die drei Berggemeinden keinen Zentimeter bewegt.»
Kein Gehör für Kompromisse
Daran konnte auch der oben genannte Brief trotz prominenter Unterzeichner nichts ändern. Geschrieben worden war er, nachdem selbst der Bundesrat in der Antwort auf eine Interpellation im Nationalrat erklärt hatte, er würde es begrüssen, «wenn sich die zuständigen Gemeinden zu weiterführenden Schritten bewegen liessen».
Das Komitee habe immer wieder Kompromissbereitschaft gezeigt, heisst es in der Erklärung weiter. So sei neben der Umbenennung in Rentyhorn (nach dem Namen eines kongolesischen Sklaven, der Agassiz zur «Beweisführung» seiner Rassentheorie diente) auch der Name Perraudinhorn vorgeschlagen worden, zu Ehren eines Walliser Gletscherforschers. Und sogar als Kleines Finsteraarhorn, wie der ominöse Berg inoffiziell auch heisst, wäre er akzeptiert worden.
Die Gemeinden blieben stur. Sie verwiesen auf hohe Kosten einer Umbenennung – das Komitee fand heraus, dass eine Umbenennung bei der Landestopographie «innert Sekunden» und ohne Kosten möglich wäre. Die Gemeinden fürchteten weiter «eine allgemeine Verunsicherung» etwa in Bergführer- und Hüttenbüchern und verwahrten sich grundsätzlich dagegen, «das Denken vor 200 Jahren aus heutiger Sicht zu beurteilen und zu korrigieren».
Für das Komitee ein eklatanter Widerspruch zur Position der Schweiz, welche die Erklärung der Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängende Intoleranz (2011) mitunterzeichnet hat. «Was für die zivilisierte Welt und für die weltoffene Schweiz gilt, gilt offenbar noch lange nicht für die Gemeindebehörden von Guttannen, Grindelwald und Fieschertal», schreibt das Komitee.
Die Forderung bleibt
Man werde die Forderung «Agassizhorn wird Rentyhorn» jedoch aufrechterhalten und an Orten weiter arbeiten, «die Gewähr für eine gewisse Lernfähigkeit und Humanität» bieten, heisst es im Text bissig. Die drei Gemeinden aber «werden damit leben müssen, dass mitten in der herrlichen, Unesco-zertifizierten Bergwelt ein ‚Berg der Schande‘ steht, der jetzt nicht nur an einen furchtbaren Naturforscher erinnert, sondern auch daran, dass ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts drei Gemeindebehörden weigerten, den Sklaverei-Rassismus zu verurteilen und ein klares Zeichen für Menschlichkeit zu setzen».
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