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Best of Fred

Nicht weniger als sechzig Jahre, 1956 – 2016, umspannt das jüngste Buch des St.Galler Autors Fred Kurer. Der Titel: «ich möchte nicht nur vogel sein». Am Sonntag ist Buchvernissage.
Von  Peter Surber , 

Der Blues-Ton, die heitere Melancholie, der Sprutz Vergänglichkeitstrauer: Das gehört zu vielen Gedichten von Fred Kurer. Und dies seit jeher: Nicht weniger als sechzig Jahre lyrischer Produktion versammelt seine jüngste Publikation. Der Titel: ich möchte nicht nur vogel sein. Der Untertitel: Gedichte 1956 – 2016. Der Übertitel: Best of Fred.

fredkurer1

(Bild: Tine Edel)

Mit 80 ist man legitimiert, anderen gute Ratschläge zu geben. Fred Kurer tut es in einer Gedichtreihe unter dem verwinkelten Titel «Aufgabensammlung für angehende Lyriker System Craig Szury, neu bearbeitet und herausgegeben von Fred Kurer (2016)». Die Gedichte sind nummeriert, alle fangen mit der Handlungsanweisung «schreib ein gedicht» an, und Kurer wäre nicht Kurer, wenn das Ganze todernst gemeint wäre. Nummer 404 zum Beispiel, unverkennbar autobiografisch eingefärbt, lautet:

404

schreib ein zutiefst tragisches gedicht
dein ewiges fernweg betreffend und
deine geworfenheit
schreib wie ausgerechnet du
geboren werden musstest
inmitten einer von bergen umstandenen welt
ausgerechnet du
mit deiner seefahrenden seele
geh in die klosterkirche st.gallen
schäme dich deiner lächerlichen wehleidigkeit.

Das ist das Beglückende an der Kurer-Lyrik, über sechs Jahrzehnte hinweg: Sie ist genau nie wehleidig, sie verfügt souverän über das Handwerk des Verseschmiedens, ob im freien Gedicht oder in «epigonalen strofen». Und sie ist bei allem Witz und aller Leichtigkeit dennoch immer dem richtigen, dem brauchbaren, dem zufriedenstellenden Leben auf der Spur. Und den letzten Fragen.

WEBB DESERT

Der Grad von Nichtsein
Ist wichtig

Leer dazusitzen
In der Wüste
In der Sonne

Das Feuer empfangen

Das ist der Weg
Noch einmal
Eine aussergewöhnliche Welt zu
Reparieren

Sitzen

Ganz still
Ganz still sitzen

Nur ganz
Entfernt noch
Mensch

(Für Christian Mägerle)

Bernecker Grossvater (letztes Bild)

Nie etwas für sich in Anspruch genommen
ausser der Hilfe seines Pferdes

die Hände verschrammt von Hacke und Pflug

sein Gesicht kantig geschnitten
die fast geschlossenen Augen grau
die Stirn umwölkt

den Atem zieht er
immer kürzer und
schleimig rasselt’s in der
eng gewordnen Brust

ich spüre seine Scham:
bald beginnt der Wimmet und
er stirbt
ohne dabei zu sein
einfach weg

So ernst wie hier ist Kurer auch, wenn er in einem Gedicht-«Brief an Werner Bucher» über Syrien, die «zweite Heimat» schreibt und über die Katastrophe des Bürgerkriegs in Aleppo. Das Gedicht endet mit den Zeilen:

Drei flüchtige Stunden entfernt vom einst mir heilen Aleppo
hock ich, lieber Werner, an meinem Schreibtisch,

ohnmächtig, machtlos – und über die Schreibtischplatte
breitet sich das Blut abgerissener Glieder.

Die Schrecken der Welt bleiben in diesem Buch ebensowenig ausgeblendet wie die Freuden – so findet man eine munter schwappende Hommage an die Badehütte Rorschach und an andere «Badewelten», man findet freche Säntisverse und vielfältige, augenöffnende Reflexe von Kurers Reisen um die halbe Welt. Lesereisen inklusive – «ein jahrhundert bald nach dir bert brecht» etwa stellt der Dichter illusionslos fest:

die gesellschaft bestraft
noch immer nicht die
schuldigen
nein
bestraft noch immer die
die bestraft werden können

«Best of Fred» will gefeiert sein: diesen Sonntag im Raum für Literatur in St.Gallen, mit einer lyrisch-musikalischen Matinee zusammen mit dem Bassisten Barry Guy. Das Buch, herausgegeben von Irène Bourquin, möge den Autor jung erhalten. Und seinen Lesern noch allerhand weitere Gedicht- und Postkartengrüsse bescheren.

Homeland

Meine Lieben
Wetter schön aber
Total erledigt schwül
Aufstieg irr
Trinke noch 1 Pantli mit
1 Most viel zu teuer letzte
Bahn in 3 Minuten herzlich

Fred Kurer: ich möchte nicht nur vogel sein. Gedichte 1956-2016, Waldgut Verlag Frauenfeld 2016, Fr. 24.-

Buchvernissage: 27. November, 10.30 Uhr, Raum für Literatur St.Gallen

 

 

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Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

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Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover