Der Blues-Ton, die heitere Melancholie, der Sprutz Vergänglichkeitstrauer: Das gehört zu vielen Gedichten von Fred Kurer. Und dies seit jeher: Nicht weniger als sechzig Jahre lyrischer Produktion versammelt seine jüngste Publikation. Der Titel: ich möchte nicht nur vogel sein. Der Untertitel: Gedichte 1956 – 2016. Der Übertitel: Best of Fred.
(Bild: Tine Edel)
Mit 80 ist man legitimiert, anderen gute Ratschläge zu geben. Fred Kurer tut es in einer Gedichtreihe unter dem verwinkelten Titel «Aufgabensammlung für angehende Lyriker System Craig Szury, neu bearbeitet und herausgegeben von Fred Kurer (2016)». Die Gedichte sind nummeriert, alle fangen mit der Handlungsanweisung «schreib ein gedicht» an, und Kurer wäre nicht Kurer, wenn das Ganze todernst gemeint wäre. Nummer 404 zum Beispiel, unverkennbar autobiografisch eingefärbt, lautet:
404
schreib ein zutiefst tragisches gedicht dein ewiges fernweg betreffend und deine geworfenheit schreib wie ausgerechnet du geboren werden musstest inmitten einer von bergen umstandenen welt ausgerechnet du mit deiner seefahrenden seele geh in die klosterkirche st.gallen schäme dich deiner lächerlichen wehleidigkeit.
Das ist das Beglückende an der Kurer-Lyrik, über sechs Jahrzehnte hinweg: Sie ist genau nie wehleidig, sie verfügt souverän über das Handwerk des Verseschmiedens, ob im freien Gedicht oder in «epigonalen strofen». Und sie ist bei allem Witz und aller Leichtigkeit dennoch immer dem richtigen, dem brauchbaren, dem zufriedenstellenden Leben auf der Spur. Und den letzten Fragen.
WEBB DESERT
Der Grad von Nichtsein Ist wichtig
Leer dazusitzen In der Wüste In der Sonne
Das Feuer empfangen
Das ist der Weg Noch einmal Eine aussergewöhnliche Welt zu Reparieren
Sitzen
Ganz still Ganz still sitzen
Nur ganz Entfernt noch Mensch
(Für Christian Mägerle)
Bernecker Grossvater (letztes Bild)
Nie etwas für sich in Anspruch genommen ausser der Hilfe seines Pferdes
die Hände verschrammt von Hacke und Pflug
sein Gesicht kantig geschnitten die fast geschlossenen Augen grau die Stirn umwölkt
den Atem zieht er immer kürzer und schleimig rasselt’s in der eng gewordnen Brust
ich spüre seine Scham: bald beginnt der Wimmet und er stirbt ohne dabei zu sein einfach weg
So ernst wie hier ist Kurer auch, wenn er in einem Gedicht-«Brief an Werner Bucher» über Syrien, die «zweite Heimat» schreibt und über die Katastrophe des Bürgerkriegs in Aleppo. Das Gedicht endet mit den Zeilen:
Drei flüchtige Stunden entfernt vom einst mir heilen Aleppo hock ich, lieber Werner, an meinem Schreibtisch,
ohnmächtig, machtlos – und über die Schreibtischplatte breitet sich das Blut abgerissener Glieder.
Die Schrecken der Welt bleiben in diesem Buch ebensowenig ausgeblendet wie die Freuden – so findet man eine munter schwappende Hommage an die Badehütte Rorschach und an andere «Badewelten», man findet freche Säntisverse und vielfältige, augenöffnende Reflexe von Kurers Reisen um die halbe Welt. Lesereisen inklusive – «ein jahrhundert bald nach dir bert brecht» etwa stellt der Dichter illusionslos fest:
die gesellschaft bestraft noch immer nicht die schuldigen nein bestraft noch immer die die bestraft werden können
«Best of Fred» will gefeiert sein: diesen Sonntag im Raum für Literatur in St.Gallen, mit einer lyrisch-musikalischen Matinee zusammen mit dem Bassisten Barry Guy. Das Buch, herausgegeben von Irène Bourquin, möge den Autor jung erhalten. Und seinen Lesern noch allerhand weitere Gedicht- und Postkartengrüsse bescheren.
Homeland
Meine Lieben Wetter schön aber Total erledigt schwül Aufstieg irr Trinke noch 1 Pantli mit 1 Most viel zu teuer letzte Bahn in 3 Minuten herzlich
Fred Kurer: ich möchte nicht nur vogel sein. Gedichte 1956-2016, Waldgut Verlag Frauenfeld 2016, Fr. 24.-
Buchvernissage: 27. November, 10.30 Uhr, Raum für Literatur St.Gallen
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Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
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In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
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Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
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Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
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