, 21. Februar 2020
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Beton und Olivenbäume

Die irische Installationskünstlerin Siobhàn Hapaska lässt mit Materialien wie Aluminium, Kunstfell, Selenit und Olivenbäumen Kunst und (Nahost-) Politik aufeinanderprallen – zu sehen in der Kunstzone der Lokremise St.Gallen. von Sandra Cubranovic

Das Geräusch von raschelnden Blättern, Ästen und ein stetes, leises Knattern erklingen beim Betreten des Ausstellungsraums. Der Blick fällt auf drei Olivenbäume, die im Raum zu schweben scheinen. Sie sind an Spanngurten, welche von der Decke zum Boden reichen, befestigt. Ein Bewegungsmelder aktiviert Motoren, der die Bäume schüttelt. Unter den Baumkronen liegen abgefallene, vertrocknete Blätter – Erde rieselt von den Wurzelgeflechten auf den Boden.

Siobhàn Hapaska: Love (vorne) in der Lokremise. (Bilder: Stefan Rohner)

Inmitten dieser Szenerie, die entfernt an eine Foltermethode aus dem Mittelalter erinnert, steht eine organisch geformte, zweiteilige Skulptur. Die Gebilde aus textil anmutendem Material neigen sich einander liebevoll zu und verbinden sich fast zu einer Einheit. Es scheint, als würden zwei Verliebte schüchtern erste Blicke austauschen und sich gegenseitiges Gefallen bekunden. Das Innere der einander zugewendeten Häupter leuchtet strahlend in einem satten Karminrot.

Identitäre Entwurzelung

Die Installation Olive Trees stimmt nachdenklich. Unter der Gewalteinwirkung und ohne Sonne, Wasser und Erde sterben die Bäume ab. Die Idee zur künstlerischen Arbeit entsprang einem gewaltsamen politisch-sozialen Kontext: In der Westbank wurden seit den 1967er Jahren über 800‘000 Olivenbäume entwurzelt, verbrannt oder gefällt. Der Olivenbaum ist einerseits Lebensgrundlage für die Bewohnerinnen und Bewohner im Westjordanland, andererseits wird in den territorial umkämpften Gebieten mit dem Akt der Bepflanzung und Bewirtschaftung Recht auf dieses Land erhoben und beansprucht.

Der Olivenbaum als Symbol für Frieden und Leben wird so zeitgleich zum Symbol für Zerstörung und kriegerische Machtkämpfe. Die entwurzelten Bäume stehen für gewaltvolle Mechanismen in gesellschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen, behandeln aber auch die Thematik des «Verwurzelt-Seins», die evolutionäre Herkunft und Identität des Menschen. Siobhàn Hapaska kritisiert dieses identitäre Konzept, welches durch Zuschreibungen von territorialer und nationaler Zugehörigkeit lebt und zugunsten machtpolitischer Interessen missbraucht wird.

Liebe in den Zeiten von Konflikten

Die Skulputur mit dem Titel Love ist Teil einer dreiteiligen Werkgruppe. Die Künstlerin hat dazu Materialien wie Betongewebe, Fiberglas, Eichenholz und Acrylfarbe bearbeitet. Das Betongewebe wird beispielsweise beim Bau von Flüchtlingsnotunterkünften eingesetzt, findet seine Verwendung aber auch im Militär. Diese Information lässt während der Betrachtung der Skulptur spürbar Spannungen entstehen.

Würden die zwei Teile der Skulptur zusammengeschoben, liesse dies eine lückenlose Fügung zweier Puzzleteile zu. Es scheint, als seien sich die zwei «Wesen» ihres gleichen Ursprungs bewusst – und doch hält sie eine machtvollere Energie zurück, sich zu berühren. Mit Love umschreibt Siobhàn Hapaska schwierige soziale Beziehungen und weist auf globale gesellschaftliche Problematiken hin.

Die Ordnung der Dinge

Siobhàn Hapaska, die in Nordirland aufgewachsen ist, erlebte hautnah religiös-politische Konflikte mit. Das Bewusstsein darüber, wie eine minime Abweichung von Ansichten und Auslegungen sich auswirken kann, schwingt in jeder ihrer Arbeiten subtil mit. Schon in der Wahl der Materialien ist eine Potentialität der vielschichtigen Deutungen auszumachen. Sei es Betongewebe, Kunstpelz, Holz, Messing oder Selenit: Auf den ersten Blick scheinen sie in «künstlich» und «natürlich» einteilbar.

Siobhàn Hapaska: bis 21. Juni, Kunstzone Lokremise St.Gallen

kunstmuseumsg.ch

Auf den zweiten Blick eröffnet sich der einzig gemeinsame Ursprung aller verwendeten Materialitäten: die Natur. Ein schöner Gedanke, im Ursprung aller Dinge die gleiche Potentialität zu suchen und vielleicht zu finden.

Engel aus Selenit: Four Angels, 2012.

Siobhàn Hapaska hinterfragt die Ordnung der Dinge. Deren Modifikation ist kein leichtes Unterfangen – gesellschaftlich, politisch und sozial toben Kräfte, die übergeordneten Mächten folgen. Diese verursachen Einschluss oder Ausschluss. Besetzte oder freie Territorien. Gesellschaftliche Gleichheit oder Ungleichheit. Wachstum oder Stillstand. Oder entwurzelte Olivenbäume.

 

 

 

 

 

 

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