, 13. September 2016
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Bewegt euch!

Die «Aktion Rotes Herz» von 1969 an der St.Galler Kanti wirft fast ein halbes Jahrhundert später nochmals Wellen. Dabei geht es auch um die Frage, in wessen Geist Geschichte geschrieben wird.

Was damals «vergammelt» und «verwildert» genannt wurde, würde heute als Anzug durchgehen.

Interessierte unterschiedlichster Altersgruppen brachte der Gedenkanlass zur fünfzig Jahre alten politischen Liebesgeschichte am Montagabend im Raum für Literatur zusammen: ehemalige Beteiligte und Solidarische, Historiker, Lehrerinnen und Lehrer.

Äusserer Anlass war die Aufarbeitung des Themas im Neujahrsblatt des historischen Vereins; darin wurde auf «Geschichtsklitterung» in den beiden bisherigen Darstellungen der Ereignisse aufmerksam gemacht. Kann der Bericht des damaligen Rektors Paulfritz Kellenberger aus dem Jahre 1981 noch durch «Befangenheit» und «zeitliche Nähe» entschuldigt werden, entpuppte sich ein weiterer Text von 2006 gar als Plagiat. Dessen Autor Daniel Baumann hat seinen Beitrag in der Jubiläumsschrift Die Kantonsschule am Burggraben St.Gallen: 1856-2006 vor kurzem widerrufen: Es fehle darin die «Aufarbeitung der 2006 zur Verfügung stehenden Quellenlage». Er sei nicht stolz auf seinen Beitrag, entschuldige sich bei den Betroffenen und bitte «historisch Interessierte oder Forschende», den «Text in Zukunft nicht mehr als historischen Referenztext zu betrachten», schreibt der Historiker.

Angst vor «sexueller Verwilderung»

Die Aktion Rotes Herz:
ein Ereignis zwischen Dezember 1969 und Februar 1970, welches der Kanti Burggraben nationale und internationale Presse bescherte. Eine Liebesgeschichte hatte den Ausschluss einer Schülerin und eines Schülers zur Folge, ein weiterer kam mit Ultimatum davon. Neun Schülerinnen und Schüler solidarisierten sich mit auf einem Flugblatt mit der «Aktion Rotes Herz» und liefen so ihrerseits in Gefahr, von der Schule gewiesen zu werden, was der Erziehungsrat schliesslich verhinderte. Das Ereignis hatte grosse Symbolkraft: HSG-Studenten, darunter der spätere Tagesanzeiger-Chef Res Strehle, engagierten sich in Form von Teach-In’s, der Schriftsteller Adolf Muschg erklärte seine Solidarität in einem offenen Brief. Andere, darunter Konrad Hummler, damals seinerseits Gymeler, fanden es stattdessen wichtig, sich gegen solche Linksextremisten zu empören.

Historischer Verein des Kantons St.Gallen [Hg.]: 156. Neujahrsblatt – Neue soziale Bewegungen in der Ostschweiz, Toggenburger Verlag 2016

Verantwortlich für die Neubeurteilung ist neben den «Neujahrsblatt»-Autoren Johannes Huber und Ralph Hug insbesondere der vermeintliche «Rädelsführer» der Aktion Rotes Herz, Matthias Federer. Er hat länger nicht mehr an seine Schulzeit zurückgedacht, nun aber seit vergangenem Winter täglich, sagte er. Was den Rektor damals befürchten liess, die Schule würde zu einem «Freudenhaus» durch die zu unterbindende «sexuelle Verwilderung», war für die Beteiligten, die über solche Einschätzungen heute auflachen, damals Grund, einiges zu riskieren. Wenn auch einer mit zugeknöpftem Hemd in der Diskussion das Ganze im Rückblick nicht mehr unbedingt als politische Aktion verstehen will, so sind andere heute noch wütend über die Heuchelei von Lehrern, die einerseits Schülerinnen «ziemlich nahe» kamen, sich andererseits gegen eine «neue Moral» wehrten.
Klar war damals für alle, das man etwas tun muss – und sie sehen das heute noch so.

Liebe als subversive Kraft, von den einen mit revolutionärer Geste propagiert, von den anderen gefürchtet und repressiv bekämpft: Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Niemand wird mehr von einer Schule geworfen, weil er mal geknutscht hat. Der einstige Staatsfeind Haschisch wurde inzwischen ausgerechnet in US-amerikanischen Staaten legalisiert, und «die Kommunisten» bekämpft auch keiner mehr. Jedoch interessieren die ’68er-Jahre noch immer: primär aus historischen Gründen, denn von den Auswirkungen dieser Umbrüche profitieren wir seither in diversen Lebensbereichen. Doch Geschichte zu schreiben, bedeutet darüber hinaus immer auch, in gewisser Weise die Gegenwart zu schreiben.

Fragen zum Widerstand heute

Wie man den Vorfall (Liebe) und die Solidaritätsbewegung (für Liebe, gegen Repression) fünfzig Jahre später einordnet, zeigt auf, was wir in unserer Gegenwart als normal definieren wollen, was wir kritisch beäugen und diskutieren und was wir ignorieren. Dabei geht es weniger darum, wie Moderator Johannes Huber vorschlägt, heutige Handy-Verbote auf Pausenplätzen mit der Situation von 1969 an der Kanti Burggraben (Repression gegen Freundschaften, Flugblätter, Schülerzeitungen uvm.) zu vergleichen. Es könnte aber darum gehen, sich generell über Widerständiges der Jetztzeit Gedanken zu machen, an inklusiven und gemeinsamen Ebenen zu arbeiten, welche den historischen Herausforderungen der Gegenwart etwas entgegensetzen können.

Die 68erInnen sind nicht mehr die jüngsten, zumindest physisch, doch deren Esprit muss man teilweise noch immer beneiden. Es ist diese Generation, welche für uns alle mit der weit über hundert Jahre alten Disziplinargesellschaft gebrochen hat. Die beiden Liebenden hätten ganz im Sinne der Theorie gehandelt, kann man in einer Verteidigungsschrift lesen, und beklagen darum das fehlende Verständnis. Die Geschichte hätte zwar alles, um als beklemmende Homestory rezipiert zu werden, doch nicht mit ’68, denn: Liebe ist politisch, punkt.

Dass das kein abwegiger Gedanke ist, hat der junge kroatische Philosoph Srećko Horvat anhand Che Guevara (seriously!) in seinem feinen Büchlein Die Radikalität der Liebe dargelegt. Nützlich ist es sicher, die (philosophische) Differenz von Liebe und Korruption zu bedenken, welche Michael Hardt und Toni Negri vorschlagen: Dies ist eine politische Differenz, welche ermöglicht, die Liebe zu Institutionen (Ehe, Vaterland, etc.) von einer anderen Liebe zu unterscheiden, welche man emanzipatorisch nennen könnte. Vorbei ist die Geschichte nicht.

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Der 2013 mit 96 Jahren verstorbene Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel hat mit «Indignez-vous!» ein widerständisches Vermächtnis seiner Generation hinterlassen. Das revolutionäre Vermächtnis der Generation ’68 lautet nicht mehr «empört euch!», sondern einfach: «bewegt euch!». Schliesslich mache dies auch Spass, wie sich Matthias Federer erinnert.

Der einst von der Schulleitung Gefürchtete ist Kinder- und Jugendpsychologe geworden. Er fasst diese Erkenntnis in seinem Schlusswort in klare Worte: «Sich bewegen tut gut, und zwar in jeder Beziehung. Als Psychologe und Psychotherapeut weiss ich folgendes: Das A und O, um aus der Depression herauszukommen, ist: Man muss sich bewegen! Merkt man, dass ein Vortrag, ein Referat oder eine Schulstunde langsam langweilig wird, stelle man eine Frage oder mache eine kritische Bemerkung, und schon ist man für eine halbe Stunde ‹tagwach›. Und das gilt meiner Meinung nach im übertragenen Sinn genauso, für das Gesellschaftliche – dass wir uns damals bewegt haben, hat uns aufgeweckt, wir waren nachher in einem anderen Verhältnis zum Zeitgeschehen, als wenn wir nichts getan hätten. Dies wäre die Message, welche man an SchülerInnen heute weitergeben könnte».

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