Den traurigen Blick auf die Fluten der Ägäis gerichtet, die Leier abgelegt, den Lorbeer zertretend, steht Sappho auf dem Felsen, von dem sie sich gleich stürzen wird. Die Augen grün versprayt, mittig aufgemalt ein stattlicher Phallus, im Mund festgefroren ein Jointstummel. Die Statue, die heute verborgen im Garten der Villa am Berg an der Rosenbergstrasse 38 steht, hat schon bessere Zeiten erlebt. Ebenso wie die Frau in der abgebildeten Situation selbst, bevor sie der grosse Kummer überkam.
Künstlerin Martina Morger plante für die anstehende Frauenausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum eine Umplatzierung und Reinigung. Als Teil ihrer Performance-Reihe Cleaning Her hat die St.Gallerin schon diverse von Frauenhand geschaffene Statuen im öffentlichen Raum geschrubbt, in Glasgow, in Graz und jetzt also auch in Gallenstadt.
Hier waren es allerdings vor allem die Kosten, die eine grösser angelegte Aktion bisher verhinderten. Fraglich ist auch, ob und wie die Pflege fachlich korrekt erfolgen könnte. Performativ putzen will Morger die Statue so oder so, schonend mit Wasser und Lappen. An der Ausstellung im HVM soll dann ein Video der Aktion gezeigt werden. Der viele Schnee hat den Dreh bisher verhindert.
«Kunst ist wichtiger als die Rolle als Ehefrau»
Sappho von Lesbos, bedeutendste Dichterin des griechischen Altertums, Besingerin weiblicher Freiheit und Schönheit, die «zehnte Muse» (Platon) und erste Ich-Denkerin (lange vor Sokrates!), von der nur jene Fragmente erhalten sind, die vom Brand der Bibliothek von Alexandria verschont blieben. Das Wissen über Sappho ist fast nur von graecischen und romanischen Männern überliefert. Ihre unersättliche Lüsternheit ist vermutlich ebenso herbeifantasiert, wie die Geschichte, dass sie sich wegen der unerwiderten Liebe zum mythischen Fährmann Phaon das Leben nahm. Wahrscheinlicher ist, dass sie an den gesellschaftlichen Widersprüchen zerbrach. Sie besang eben nicht nur die zärtliche Zuneigung, mit der sie ihren Schülerinnen begegnete, sondern prangerte auch die Rücksichtslosigkeit an, mit der die Eltern ihre Töchter verkuppelten.
1894 sind die kunstgeneigten Gemüter St.Gallens in sapphische Wallung geraten. Der Rheintaler Geschäftsmann Ulrich Geisser, der es im jungen Königreich Italien als Mitgründer der Banca Nazionale und als Generalkonsul in Turin zu Ansehen, Vermögen und königlichen Orden gebracht hatte, schenkte dem St.Galler Kunstverein eine klassizistische, lebensgrosse Sappho aus Marmor.
Die Sappho im Vestibül des Kunstmuseums St.Gallen in einer Aufnahme von 1921. (Bild: Stadtarchive St.Gallen, PA Foto Gross)
Geschaffen hat die Statue Adelaide Maraini-Pandini, die aus einer italienischen Bildhauerfamilie stammte, zu einer Zeit, als man einer Frau die harte Arbeit der Bildhauerei im Allgemeinen nicht zutraute. Am Ersten Nationalen Kongress der italienischen Frauen 1908 sagte Maraini: «Die Kunst ist wichtiger als die Rolle der Ehefrau und besonders der Mutter.» Sie soll ihren beiden Kindern dennoch eine gute Mutter gewesen sein.
Die St.Galler Sappho ist eine Kopie, die Geisser mit Einverständnis der Künstlerin anfertigen liess. Das Original befindet sich heute irgendwo in den Lagern der Galleria d’Arte Moderna in Rom. Vermutet zumindest Graecist und Grünen-Politiker Clemens Müller, der sich einmal auf die Suche gemacht hat, allerdings ergebnislos.
In St.Gallen erhielt Sappho zunächst einen Ehrenplatz im Vestibül des Kunstmuseums und löste einen kleinen Hype aus. Der St.Laurenzen-Pfarrer Conrad Wilhelm Kambli hielt eine längere Festrede, die in einem Jahresbericht des Kunstvereins nachgedruckt ist. «Innige, treue Zuneigung verband sie mit ihren jungen Zöglingen», schrieb er, bestritt aber vehement die Möglichkeit, Sappho könnte homo- oder bisexuell veranlagt gewesen sein. Für Kamblis Geschmack war aber auch schon Kellers Der grüne Heinrich zu freizügig.
Nase ab und aus der Sammlung gekippt
Unbestritten bewegt die sapphische Dichtkunst ebenso wie ihre Körperlichkeit bis heute, sie wurde politisch wie popkulturell vereinnahmt. Den Frauenbewegungen war und ist sie ein Vorbild. Selbst die Pornoindustrie hat sich ihrer bedient. In St.Gallen ebbte das Interesse jedoch bald ab.
1974 drangen Vandalen ins Kunstmuseum ein, das vier Jahre zuvor wegen Baufälligkeit geschlossen worden war. Wie der heutige Direktor Roland Wäspe berichtet, beschädigten sie mehrere Statuen, Schäden im Treppenaufgang sind immer noch sichtbar. Sappho schlugen sie die Nase ab. Sie galt als nicht restaurierbar, zerstören wollte man sie aber auch nicht. Man verbrachte sie daher in den Park der Villa am Berg . 1977 löschte der Kunstverein die Statue aus dem Katalog.
Durch den Bau der nördlichen Rampe der Bahnhofsunterführung 1976 wurde Sappho vom Rest des Parks abgeschnitten. Unbeachtet stand sie da im Gestrüpp und setzte graue Patina an. Frauenarchiv-Leiterin Marina Widmer hat sie dort in den 1980er-Jahren zufällig entdeckt. Mitte der 1990er-Jahre verlegte das Gartenbauamt Sappho an den heutigen Standort hinter den Briefkästen der Rosenbergstrasse 38.
Auch hier geriet sie schnell wieder in Vergessenheit. 2010 erinnerte man sich im Rahmen einer Ausstellung über Philosophinnen wieder an die mittlerweile mit Flechten und Algen Bewachsene. Im selben Jahr sanierten Steinmetze die Villa am Berg. Der portugiesische Teamleiter wollte nicht länger wegschauen und ordnete kurzerhand die Reinigung an. Der Marmor erstrahlte wieder in weissem Glanz. Ohne Pflege verwitterte die Sappho aber aufs Neue. Hinzu kamen die Sprayereien.
«Ich bin keine, die lange ihren Zorn behält, sondern habe ein sanftes Gemüt», hat Sappho einmal geschrieben. Künstlerin Martina Morger will sich die Sappho nicht «aneignen». Die Dichterin von Lesbos soll einfach wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken: «Beim Frauenpavillon im Stadtpark könnte sie ein neues passendes Zuhause finden, solange sie regelmässig gepflegt wird.» Morger fragt sich manchmal auch, ob die sanftmütige Sappho eine erneute Reinigung und Umsiedlung überhaupt goutieren würde. Oder amüsierte sie sich sogar heimlich über ihren neckisch aufgemalten Strap-On?
Ein Schal aus Schnee: Nicht nur die Witterung hat die Sappho-Statue in letzter Zeit arg mitgenommen. (Bild: hrt)
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