Kategorie
Autor:innen
Jahr

Bilder eines Kontinents im Aufruhr

Schwierige Realitätsbewältigung aus Venezuela, Chiles Altmeister und ein Filmwunder aus Kuba – Geri Krebs blickt zurück auf das lateinamerikanische Filmfestival Pantalla Latina in St.Gallen.
Von  Geri Krebs , 
Szene aus dem kubanischen Film "Agosto".

Lateinamerika ist im Aufruhr: In Ecuador, Bolivien, Haiti, Kolumbien und Chile gehen Leute in diesen Tagen und Wochen zu Hunderttausenden auf die Strasse, protestieren gegen soziales Elend, Korruption und Misswirtschaft. Während die Proteste in Bolivien zum Sturz des autoritären Linkspopulisten Evo Morales führten und das Land vom Regen in die Traufe brachten, bleibt in Haiti wohl alles beim Alten, derweil der Präsident Ecuadors Forderungen der Demonstrierenden nach Rücknahme von Preiserhöhungen immerhin erfüllt hat. In Kolumbien schliesslich – dem bis anhin letzten von diesem Aufbruch erfassten Land – scheint noch alles in der Schwebe.

Chile: Das Trauma der Diktatur

Die grössten Massenmobilisierungen aber spielen sich seit fast zwei Monaten in Chile ab, bisher ein Hort von Stabilität und wirtschaftlicher Prosperität – unter neoliberalem Diktat. Unter diesem Aspekt war der Eröffnungsfilm der diesjährigen Ausgabe von Pantalla Latina geradezu visionär: La cordillera de los sueños des grossen chilenischen Cineasten Patricio Guzmán. Der essayistische  Dokumentarfilm – der ab 1. Dezember regulär auch im Kinok läuft – untersucht Zusammenhänge zwischen dem fast unüberwindbaren Gebirge der Anden-Cordillere und Chiles jüngerer Geschichte.

Und wie immer in seinen Filmen der letzten vierzig Jahre, landet Guzmán, der 1973 beim Putsch von Augusto Pinochet nur mit knapper Not ins Exil entkam, bald einmal beim Trauma der 17 Jahre währenden Diktatur. Breiten Raum nehmen dabei Archivaufnahmen von Massenmobilisierungen der Opposition in den letzten Jahre der Pinochet-Diktatur ein, als immer mehr Leute ihre Angst überwanden und unter Lebensgefahr begannen, die Strassen zurückzuerobern.

Und wie die Bilder von damals, Ende der 1980er Jahre, jenen von heute gleichen! Nur sind es heute noch viel mehr Leute als damals, und die Polizei agiert brutal wie gehabt,  bereits gibt es mehrere Dutzend Tote, die Zahl der Verletzten geht in die Tausende.

Venezuela: Dokumente der Katastrophe

Doch was Repression und soziale Misere in Chile anbelangt, so ist sie dennoch geringer als die Katastrophe, die sich seit Jahren in Venezuela abspielt. Das Land beherrschte in der ersten Hälfte des zu Ende gehenden Jahres die Schlagzeilen aus Lateinamerika und stand daher am diesjährigen Pantalla Latina im Fokus. Während in den Spielfilmen die politische Situation im einstmals reichsten Land Südamerikas nur mit hineinspielte, aber nicht dominierte, redeten die beiden Dokumentarfilme Klartext.

Sie zeigten in erschreckender Deutlichkeit, welches Drama sich seit Jahren in dem Land abspielt, das noch vor zehn Jahren Hoffnungsträger nicht weniger Linker auf der ganzen Welt war, heute aber, abgesehen von ein paar Leuten wie etwa Jean Ziegler, von kaum mehr jemandem verteidigt wird. Vielmehr hat es sich zu einem der schlimmsten Alpträume in Südamerikas Geschichte gewandelt. El pueblo soy: Venezuela en populismo lautete der viel versprechende Titel eines Dokumentarfilms, der beanspruchte, das Phänomen des Aufkommens einer Figur wie der des 2013 verstorbenen Hugo Chavez zu erklären. Leider war der mit spektakulären Szenen aufwartende Film aber letztlich so populistisch wie das was er zu erklären versuchte: Denn wieso Chavez, immerhin demokratisch gewählt – und danach mehrmals im Amt ebenso demokratisch bestätigt –mit seinen messianisch-grössenwahnsinnigen Versprechungen überhaupt an die Macht kommen konnte, wie verrottet Venezuelas alte Politkaste in den 1990ern wirklich gewesen war und mit welcher Verachtung sie auf die Minderprivilegierten herabsah, davon erfuhr man im ansonsten mit viel brisanten Informationen aufwartenden Film leider nichts.

Gelungener war in dieser Hinsicht der andere venezolanische Dokumentarfilm Women of Venezuelan Chaos. Er präsentierte sich mit einem weniger umfassenden Erklärungsanspruch, porträtierte stattdessen eindringlich fünf Frauen unterschiedlichster Herkunft, Alter und sozialer Schicht  – und verzichtete am Schluss explizit auf einen Abspann, zum Schutz aller am Film Beteiligten.

Geschichtsaufarbeitung aus Kuba

Der erstaunlichste Film des ganzen Festivals aber kam aus einem Land, dessen Filmschaffen in jüngster Zeit bei uns kaum mehr vertreten war und medial fast nur noch präsent ist, wenn der alte Mann mit den uringelben Haaren im Weissen Haus wieder mal an der Sanktionsschraube dreht: Kuba. Zwei Jahre ist es her, seit mit Ultimos días en La Habana von Altmeister Fernando Pérez letztmals ein kubanischer Film über hiesige Leinwände geflimmert war. Und so wie dort das im jüngeren Filmschaffen Kubas häufig präsente Thema der Migration im Zentrum stand, drehte sich auch Agosto, der Erstlingsfilm des jungen Regisseurs Armando Capó, um Menschen, die aus ihrem Land wegwollen – um jeden Preis.

Dabei schaffte es der an der internationalen Filmschule EICTV von San Antonio de los Baños ausgebildete Armando Capó, ein Trauma und Tabu aufzugreifen, das in der Geschichte Kubas seit dem Zusammenbruch des Ostblocks – der Kuba während 30 Jahren wirtschaftlich am Leben erhalten hatte – beispiellos ist: Die Massenflucht von über 30 000 auf Booten und allem, was irgendwie schwimmen konnte, im August 1994, bekannt geworden als «Balsero-Krise».

Fidel Castro hatte damals als Reaktion auf soziale Proteste in den Strassen Havannas kurzzeitig die Küstenwache angewiesen, Fluchtversuche nicht mehr zu verhindern. Er wollte mit diesem Schritt die USA, die er für die Proteste verantwortlich machte – und nicht etwa seine Diktatur – mit einer Flüchtlingswelle unter Druck setzen.

Agosto ist eine sanfte Coming-of-Age-Geschichte und beruht auf Jugenderinnerungen von Armando Capó, der 1994 als Vierzehnjähriger in einem kleinen Ort an Kubas Nordküste miterlebte, wie plötzlich Schulkameraden, Nachbarn, Verwandte und auch seine erste grosse Liebe verschwanden. Manche für immer; wie heute die Menschen im Mittelmeer, waren sie ertrunken, von andern hörte man monatelang nichts mehr, weil die US-Küstenwache sie aufgriff und in Guantanamo-Bay internierte.

Armando Capós Film ist getragen von stark aufspielenden jugendlichen Protagonisten, er wurde Anfang 2018 in Kuba gedreht und ist der erste von einem Kubaner gedrehte Film über die Balsero- Krise. Wie Claudia Olivera, kubanische Produzentin von Agosto (der Film ist eine Koproduktion mit Costa Rica und Frankreich), dem Publikum am Pantalla Latina erklärte, gingen den Dreharbeiten acht Jahre dauernde Kämpfe mit Behörden und dem Filminstitut ICAIC voraus. «Diesen Film werdet ihr nie in Kuba drehen», hätten ihnen die Verantwortlichen des Filminstituts 2011 beschieden, als sie das Drehbuch vorlegten, erzählte Claudia Olivera weiter.

Und als Zuschauer glaubte man sich verhört zu haben, als sie dann sagte, Agosto – der seine Weltpremiere im September am Filmfestival Toronto hatte und danach an den Festivals von San Sebastián und Chicago gelaufen war – werde Anfang Dezember am Filmfestival von Havanna seine Kuba-Premiere erleben – im Wettbewerb der Erstlingsfilme. Dort wird er am 7. und am 11. Dezember gezeigt, als einziger kubanischer Beitrag, und wohl für viel Aufsehen sorgen.

 

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2