«Der öffentliche Raum ist eines jener Themen, die uns extrem interessieren. Wer darf was darin machen? Welche Machtkonstellationen werden sichtbar? Welche Kunst gibt es im öffentlichen Raum?», fragt Nina Keel an einem kalten Frühlingsmorgen Anfang März in der Militärkantine. Vor vier Jahren initiierte die 28-Jährige zusammen mit Anna Vetsch das Projekt Stadtprojektionen. 2016 in der St.Galler Innenstadt lokalisiert, 2017 dann im Linsebühl, begibt sich die dritte Auflage nun über Ostern für vier Nächte in die Quartiere Lachen und St.Otmar.
«Wir wollten schon seit langer Zeit Ausstellungen im öffentlichen Raum auf die Beine stellen, aber anfangs trauten wir uns nicht wirklich, brachten diese Selbstermächtigung nicht auf», sagt Keel. Während dem Kunstgeschichte-Studium in Zürich, wo sie und Vetsch sich kennenlernten, begannen die beiden dann ihre Ideen zu konkretisieren, und so entstand Stadtprojektionen. Dass die Wahl für das Projekt auf die Gallusstadt fiel, ist dabei nicht ganz zufällig. Einerseits war da die Ortsverbundenheit, andererseits kritisierten die jungen Kunsthistorikerinnen bereits 2016 in Saiten, dass es in St.Gallen zu wenig Aufmerksamkeit für Kunst im öffentlichen Raum gebe.
Anna Vetsch (links) und Nina Keel.
Und wie sieht die Lage heute aus? «Unseres Erachtens ist noch fast alles beim Alten», sagt Nina Keel. «Hier herrscht nach wie vor ein Vakuum. Natürlich kann man mittlerweile beispielsweise die binäre Uhr von Norbert Möslang als Gegenargument ins Feld führen, und ja, es ist richtig und wichtig, dass an einem so zentralen Ort wie dem Bahnhof Kunst ihren Platz bekommt.» Aber ganz grundsätzlich gebe es in St.Gallen noch Potenzial in Sachen Aufbereitung und Vermittlung.
Stadtprojektionen III: 18. bis 21. April, ab 20 Uhr. Mit Conradin Frei, Shirana Shabazi, Felix Bächli, Simone Kappeler, Uriel Orlow, Daniela Keiser, Maya Rochat, Jake Elwes, Jiri Makovec, Frauen auf Bäumen, Hannah Weinberger, Laurence Rasti, Cécile Hummel und Beni Bischof.
stadtprojektionen.ch
Auf dem Rundgang durch die Lachen bleibt Keel an vielen Orten stehen, zeigt auf Dächer, Flächen und Fassaden, spricht über Material und Struktur von Wänden, die sich für Projektionen eignen. Die junge Kunsthistorikerin spricht schnell und bestimmt. «Wir haben das Gefühl, so vieles wird in Städten überhaupt nicht wahrgenommen, alles hat sich irgendwie gesetzt, jede und jeder hat seine Wege. Durch Kunst im öffentlichen Raum lassen sich Orte mit neuen Gedanken aufladen, ein neues Augenmerk kann sich auf bestimmte Gebäude und Dinge lenken.» Und dies auf niederschwellige Weise. «Uns stört ein elitärer Kontext, sobald er ausschliessend wird.»
Projektion von Lina Scheynius im Linsebühl, Oktober 2017.
Das Dilemma der «Gratis-Kultur», welches einhergeht mit dem positiven Effekt der Niederschwelligkeit des öffentlichen Raumes, lösen Keel und Vetsch im Moment durch die Unterstützung von Stiftungen, der öffentlichen Hand und weiteren Geldgebern. Dass das Projekt in Zukunft weitergeführt werden soll, steht für die beiden Initiatorinnen ausser Frage. Gemäss Keel sei die finanzielle Situation aber keineswegs gesichert: «Wir möchten deshalb darauf hinarbeiten, dass die Stadtprojektionen zu einem Fixpunkt in der Kulturagenda St.Gallens werden, um der Stadtbevölkerung auch in Zukunft temporäre Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen.»
An der diesjährigen Edition der Stadtprojektionen sind 14 Kunstschaffende vertreten, darunter Laurence Rasti, welche – nachdem der frühere iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad öffentlich behauptet hatte, im Iran gebe es keine Homosexuellen – in ihrem Bildband There Are No Homosexuals in Iran männliche iranische Paare fotografierte. Oder der St.Galler Künstler Beni Bischof, der sein Atelier im Lachenquartier hat.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
Projektion von Moritz Hossli am einstigen Kino Corso, Oktober 2017.
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