Kategorie
Autor:innen
Jahr

Bilder für die Vakuumstadt

Kunst im öffentlichen Raum, Niederschwelligkeit und neue Blickwinkel: Die «Stadtprojektionen» gehen am Donnerstag in die dritte Runde, diesmal in den St.Galler Quartieren Lachen und St.Otmar. von Andri Bösch
Von  Gastbeitrag
Die genauen Standorte sind auf stadtprojektionen.ch zu finden.

«Der öffentliche Raum ist eines jener Themen, die uns extrem interessieren. Wer darf was darin machen? Welche Machtkonstellationen werden sichtbar? Welche Kunst gibt es im öffentlichen Raum?», fragt Nina Keel an einem kalten Frühlingsmorgen Anfang März in der Militärkantine. Vor vier Jahren initiierte die 28-Jährige zusammen mit Anna Vetsch das Projekt Stadtprojektionen. 2016 in der St.Galler Innenstadt lokalisiert, 2017 dann im Linsebühl, begibt sich die dritte Auflage nun über Ostern für vier Nächte in die Quartiere Lachen und St.Otmar.

«Wir wollten schon seit langer Zeit Ausstellungen im öffentlichen Raum auf die Beine stellen, aber anfangs trauten wir uns nicht wirklich, brachten diese Selbstermächtigung nicht auf», sagt Keel. Während dem Kunstgeschichte-Studium in Zürich, wo sie und Vetsch sich kennenlernten, begannen die beiden dann ihre Ideen zu konkretisieren, und so entstand Stadtprojektionen. Dass die Wahl für das Projekt
auf die Gallusstadt fiel, ist dabei nicht ganz zufällig. Einerseits war da die Ortsverbundenheit, andererseits kritisierten die jungen Kunsthistorikerinnen bereits 2016 in Saiten, dass es in St.Gallen zu wenig Aufmerksamkeit für Kunst im öffentlichen Raum gebe.

Anna Vetsch (links) und Nina Keel.

Und wie sieht die Lage heute aus? «Unseres Erachtens ist noch fast alles beim Alten», sagt Nina Keel. «Hier herrscht nach wie vor ein Vakuum. Natürlich kann man mittlerweile beispielsweise die binäre Uhr von Norbert Möslang als Gegenargument ins Feld führen, und ja, es ist richtig und wichtig, dass an einem so zentralen Ort wie dem Bahnhof Kunst ihren Platz bekommt.» Aber ganz grundsätzlich 
gebe es in St.Gallen noch Potenzial in Sachen Aufbereitung und Vermittlung.

Stadtprojektionen III:
18. bis 21. April, ab 20 Uhr. Mit Conradin Frei, Shirana Shabazi, Felix Bächli, Simone Kappeler, Uriel Orlow, Daniela Keiser, Maya Rochat, Jake Elwes, Jiri Makovec, Frauen auf Bäumen, Hannah Weinberger, Laurence Rasti, Cécile Hummel und Beni Bischof.

stadtprojektionen.ch

Auf dem Rundgang durch die Lachen bleibt Keel an vielen Orten stehen, zeigt auf Dächer, Flächen und Fassaden, spricht über Material und Struktur von Wänden, die sich für Projektionen eignen. 
Die junge Kunsthistorikerin spricht schnell und bestimmt. «Wir haben das Gefühl, so vieles wird in Städten überhaupt nicht wahrgenommen, alles hat
sich irgendwie gesetzt, jede und jeder hat seine Wege. Durch Kunst im öffentlichen Raum lassen sich Orte mit neuen Gedanken aufladen, ein neues Augenmerk kann sich auf bestimmte Gebäude und Dinge lenken.» Und dies auf niederschwellige Weise. «Uns stört ein elitärer Kontext, sobald er ausschliessend wird.»

Projektion von Lina Scheynius im Linsebühl, Oktober 2017.

Das Dilemma der «Gratis-Kultur», welches einhergeht mit dem positiven Effekt der Niederschwelligkeit des öffentlichen Raumes, lösen Keel und Vetsch im Moment durch die Unterstützung von Stiftungen, der öffentlichen Hand und weiteren Geldgebern. Dass das Projekt in Zukunft weitergeführt werden soll, steht für die beiden Initiatorinnen ausser Frage. Gemäss Keel sei die finanzielle Situation aber keineswegs gesichert: «Wir möchten deshalb
 darauf hinarbeiten, dass die Stadtprojektionen zu einem Fixpunkt in der Kulturagenda St.Gallens werden, um der Stadtbevölkerung auch in Zukunft temporäre Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen.»

An der diesjährigen Edition der Stadtprojektionen sind 14 Kunstschaffende vertreten, darunter Laurence Rasti, welche – nachdem der frühere iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad öffentlich behauptet hatte, im Iran gebe es keine Homosexuellen – in ihrem Bildband There Are No Homosexuals in Iran männliche iranische Paare fotografierte. Oder der St.Galler Künstler Beni Bischof, der sein Atelier im Lachenquartier hat.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

Projektion von Moritz Hossli am einstigen Kino Corso, Oktober 2017.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB