«Und so berichten sie: Die Menschen in dieser Landschaft leben mehrheitlich dezentral und in alten Holzhäusern. Zu den meisten Häusern führt eine geteerte Strasse, es gibt fliessendes Wasser und Elektrizität. Die Behausungen der Tiere sind neuer und grösser als die Häuser der Menschen und oft gemauert. Daraus ist zu schliessen: Die Tiere müssen sehr wichtig sein.»
Die fremden Berichterstatter wundern sich weiter darüber, wie viele Maschinen jeder Bauer hat oder welch gewichtige Rolle das Feuerwehrwesen offenbar spielt im Land. Die Fremden: Das sind fünf Übersetzer aus China, die im Alpenhof in Oberegg AI ein Seminar besuchen. Der Schriftsteller Peter Weber hat sie dort getroffen und gibt ihnen das Wort in seiner kurzen Erzählung mit dem Titel «Vorderlandverstecke».
Mäddel Fuchs/Albert Tanner: Appenzeller Welten. 415,4 km2 im Universum, Verlag Hier und Jetzt Zürich 2016, Fr. 79.-.
Buchpremiere: Sonntag, 2. Oktober, 14 bis 20 Uhr, Zeughaus Teufen
Schillernde Persönlichkeiten
Webers Erzählung wirft den fremdesten und poetischsten Blick auf die Appenzeller Welten in diesem Buch. Er findet sich im dritten Teil des Buchs, im Kapitel «Kultur und Geschichte». Albert Tanner zeichnet darin die Wirtschafts- und Sozialgeschichte nach, Heidi Eisenhut porträtiert die Zellweger-Dynastie, Stephan Guggenbühl beschäftigt sich mit der Religion, Christian Schmid mit dem Dialekt, Hans Jürg Etter mit der literarischen Idyllik, Hans Hürlemann mit der Volksmusik.
Den Essays voran gehen im ersten Teil des Buchs Kurzporträts von 41 Persönlichkeiten aus beiden Appenzell – Gelehrte und Engagierte, Lebensreformer und Sonderlinge, Pionierinnen und Künstler von Emma Kunz bis zum Bölerebueb, von Baumeister Grubenmann bis Sprengmeister Signer. Die Porträts machen klar, wie eigenwillig und weltverbunden zugleich das Appenzellerland stets war und ist; dass die Herausgeber wie in alten Zeiten der Männerübermacht ein eigenes Unterkapitel «Aussergewöhnliche Frauen» gegenüberstellen, darin ist das Buch allerdings nicht ganz auf der Höhe der Gender-Gegenwart.
Die Macht der Traditionen
Im Zentrum stehen jedoch nicht Texte, sondern Fotos. Auf rund zweihundert Seiten bietet Mäddel Fuchs, der Fotograf vom Sommersberg, der zusammen mit dem Historiker Albert Tanner das Buch herausgibt, eine Retrospektive seiner innigen Beschäftigung mit der Heimat über vier Jahrzehnte. Die Bilder sind lose thematisch gruppiert, sie folgen dem Jahreslauf und sind begleitet von kurzen, gelegentlich launigen Legenden des Fotografen. «Noch ein paar Häge, es muss einfach sein», schreibt er zum Beispiel gegen Ende unter eines seiner legendären Zaun-im-Schnee-Stilleben – und erinnert damit an sein letztes Buch, den Foto- und Textband Hag um Hag.
Mäddel Fuchs ist nicht auf Originalität aus, auf ungewohnte Blickwinkel oder schräge Optiken. Ihn interessiert die Realität, ihn interessieren die Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung und in ihrer Landschaft. Dass dabei insgesamt das Bild einer traditionsverhafteten und noch sehr ländlichen Region dominiert, mag zum einen am Blick zurück bis in die 1970er Jahre liegen, zum andern aber auch am Bedürfnis, festzuhalten, was teils am Aussterben ist.
So dokumentiert das Buch alte Handwerkskunst, die Weissküferei, die Kräutergärtnerei der Nonnen vom Kloster Leiden Christi im Jakobsbad, den Hackbrettbau, es erinnert an die (abgeschaffte) Ausserrhoder Landsgemeinde, feiert Silvesterchlausen und Fronleichnam, Alpaufzug und Hinterländer Bloch, Bergheuet und Alpkäserei wie zu Grossvaters Zeiten oder die imposante Viehschau in Schwellbrunn (samt selbstironischem Kommentar des Fotografen: «Der Appenzeller Senn ist einfach ein tolles Sujet»).
Das tollste Sujet ist aber der Alpstein, den Mäddel Fuchs in all seiner Schönheit einfängt und am liebsten im Abenddunst, wenn er sein Geheimnis nicht ganz preisgibt.
Das Heute bleibt ausgeblendet
Die vielen Maschinen der heutigen Bauern und die riesigen Kuhställe, welche den chinesischen Übersetzern aufgefallen sind, findet man im Buch hingegen nur vereinzelt. Die heutige Hightech-Textilindustrie oder ein Postplatz-Openair kommen zwar vor – aber insgesamt blenden die Appenzeller Welten des Mäddel Fuchs die aktuelle Lebensart und die Belastung der noch immer weitgehend intakten Appenzeller Landschaft durch Touristenmassen, Pendler-Blechlawinen und Hüsli-Plantagen mehrheitlich aus. Seine Schwarzweiss-Bilder, begleitet von Gedichten des kürzlich verstorbenen Werner Lutz, erinnern und poetisieren das Bild einer im Verschwinden begriffenen Welt.
Die zwei beiliegenden CDs mit alter und neuer Appenzeller Musik, von Edelweiss bis Anderscht, von Alderbuebe bis Noldi Alder, bieten den passenden Soundtrack: Auch hier ist das Traditionsfundament stark, auch hier brechen aber zwischendurch neue Töne ein.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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