Bildgewaltiges Epos mit nachhaltigem Seiteneffekt
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
In Nolans Odyssee-Verfilmung stehen Frauen immer etwas im Hintergrund: Matt Damon als Odysseus und Zendaya als Athene. (Bild: pd/Filmstill)
Seit ihrem Auftreten um rund 750 v. Chr. boten Homers Epen Ilias und Odyssee immer wieder Stoff für kreative Adaptionen – seit dem 20. Jahrhundert auch für Verfilmungen. Nun legt der britisch-US-amerikanische Regisseur Christopher Nolan, 1970 in London geboren, bekannt durch Filme wie The Dark Knight (2008), Dunkirk (2017) oder Oppenheimer (2023), mit dem Monumentalfilm The Odyssey im heissen Sommer 2026 nach. Und schafft ein bildgewaltiges, sehenswertes, fesselndes Kinoerlebnis, das nachhallt.
Eindrücklich sind die Szenen um das trojanische Pferd, jenes hinterlistige Danaer-Geschenk, das Odysseus’ Erfindung war und Troja zu Fall brachte, eindrücklich sind die Stürme, Schiffbrüche, Unwetter (die in den Kritiken vieldiskutierten Wasserszenen), im Gedächtnis haften bleibt auch der brutale Angriff der Lästrygonen, der geharnischten fünfmannhohen Riesen, welche Odysseus’ Flotte auf ein einziges Schiff dezimieren, und unvergesslich dürfte die Begegnung mit dem einäugigen kannibalistischen Kyklopen Polyphem bleiben.
Mit grosser Empathie gedreht wurden die Szenen um Odysseus’ alten Jagdhund Argos, der als Einziger seinen Herrn bei der Rückkehr wiedererkennt und danach sein Leben aushaucht. Und so manchen wird auch die Szene mit den Sirenen in Erinnerung bleiben: Während seine Gefährten mit wachsverklebten Ohren am Felsen der Sirenen vorbeirudern, ist Odysseus mit freiem Gehör am Mast angebunden, um der erste Mensch zu sein, der die Sirenen gehört und überlebt hat. Der Heros verzweifelt, weil ihm die Sirenen all seine Wünsche vorsingen, auch die Wünsche, von denen er sich wünschen würde, sie nie gehabt zu haben. Die erfahrene Absurdität des Begehrens überwältigt ihn, doch am Mastbaum festgebunden überlebt er, während einer seiner Gefährten auf die Idee kommt, sich das Wachs aus den Ohren zu klauben und dem Gesang der Sirenen zu lauschen – er dreht nach wenigen Tönen durch und springt zum Entsetzen aller über Bord in den sicheren Tod …
Das Schiff des Odysseus rudert an den Sirenen vorbe: rotfiguriger attischer Stamnos, ca. 470 v.Chr.
Matt Damon gibt einen gealterten Odysseus, einen von einem zehnjährigen Krieg und einer zehnjährigen Irrfahrt gezeichneten, traumatisierten Mann, keinen nicht-hinterfragbaren Helden, keinen Adonis, keinen hochgepumpten Beau. Stark inszeniert Christopher Nolan Odysseus’ Kunst des Bogenschiessens: seine Treffsicherheit, aber auch sein Ethos, beim Gebrauch des Bogens vorab die Sehne hörbar schwirren zu lassen, zur Warnung des potenziellen Opfers, sei es ein Tier, sei es ein Mensch. So auch bei den Freiern, den etwa 120 Männern (in tragenden Rollen Robert Pattinson als Antinous und Corey Hawkins als Polybus), die sich am Hof des Odysseus niedergelassen haben, uneingeladen sein Gut verprassen, eine Neuvermählung seiner Gattin Penelope (Anne Hathaway) erzwingen und die Nachfolge des rechtmässigen Thronerben, seines Sohns Telemachos (Tom Holland), verhindern bzw. diesen umbringen wollen. Penelope erliegt dem Druck der Unholde schliesslich und stellt wider Willen in Aussicht, denjenigen zu heiraten, dem es gelinge, die Bogenprobe zu bestehen. Doch keinem der Freier gelingt es, die stolze Waffe des Odysseus auch nur zu spannen. Da ergreift der als Bettler verkleidete Odysseus den Bogen, spannt ihn, schiesst einen Pfeil durch die aufgestellte Axtreihe – und beginnt die grausame Reinigung seines Palasts von den toxisch übergriffigen, testosterongeladenen Freiern, erledigt sie alle.
Wer jedoch die dem legendären blinden Rhapsoden Homer zugeschriebenen Werke liest, schätzt die Ilias als von Männern geprägte, die Odyssee als von starken Frauenfiguren geprägte Erzählung. Christopher Nolan hat die Chance verpasst, die starken Frauenfiguren der Vorlage für die Leinwand wirklich auszuschöpfen. Dazu drei Beispiele.
Die unsterbliche Nymphe Kalypso, charismatisch gespielt von Charlize Theron, wird irreführenderweise mit der Lotophagen-Episode verknüpft, in welcher Odysseus’ Flotte nach einem neuntägigen Sturm vom Kurs abkommt und auf die Insel der Lotophagen verschlagen wird. Zwei Gefährten werden mit einem Herold vorausgeschickt, um die Lage zu erkunden. Diese werden von der Kommune der Lotosesser freundlich empfangen und zum Konsum der starken Droge eingeladen; vermutlich meint Lotos Opium, das bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. z.B. auf Kreta bekannt war – Kath wäre auch denkbar. Jedenfalls will, wer «die honigsüsse Frucht des Lotos» gekostet hat, nichts anderes mehr tun als Lotos essen. Homer schildert darauf den ersten kalten Entzug der Weltliteratur, kind of a cold turkey aus dem 8. Jh. v. Chr., verordnet von Odysseus: «Trotz ihrer Tränen führte gewaltsam ich sie zu den Schiffen, zog sie unter das Deck der bauchigen Schiffe und band sie.»
Doch Kalypso hat im Original nichts mit Lotos zu schaffen. Kalypso, wörtlich «die Verbergerin», hält Odysseus sieben Jahre lang auf der Insel Ogygia im Nirgendwo der Meeresöde gefangen – keine Nachrichten gelangen dorthin, keine dringen von dort in die Aussenwelt, er gilt deshalb schon lange als verschollen ... Und Kalypso bietet Odysseus, wenn er bei ihr bleiben und mit ihr leben wollen würde, die Unsterblichkeit an. Doch er schlägt ihr Angebot aus, was nicht nur als Zeichen seiner Liebe zu Penelope gedeutet werden kann, sondern auch als Bejahung des menschlichen Masses, der natürlichen Grenze, die allen Sterblichen gesetzt ist. Bei Kalypso vergisst Odysseus also gerade nicht, woher er kommt und wer er ist, ganz im Gegenteil: Im fünften Gesang der «Odyssee» begegnen wir ihm in Homers Epos – zum ersten Mal nicht vom blossen Hörensagen, sondern direkt in der Handlung – am Strand von Ogygia, wo er vor lauter Sehnsucht nach der fernen Heimatinsel Ithaka Tränen vergiesst.
Minoische Mohngöttin, Kreta, ca. 1350 v.Chr. – man beachte die geritzten Mohnkapseln auf ihrer Krone.
Samantha Morton gibt Kirke, neben Medea die mächtigste Zauberin der griechischen Mythologie. Allerdings, wenn auch eindringlich, nur als männerhassende, ekelerregende Metamorphosen provozierende Hexe. Die ganze erotische Dimension dieser Figur, von deren Namen das deutsche Verb «jemanden bezirzen» abstammt, fehlt. Denn nicht umsonst hängen Odysseus und seine Mannschaft im Original ein ganzes Jahr lang bei Kirke ab, scheinen Ithaka wie vergessen zu haben, gönnen sich eine tolle Auszeit. Doch bei Nolan gehts gleich weiter zum Hades, ins Reich der Toten, wozu für unsere Perspektive angemerkt werden muss, dass Odysseus nur Teiresias (James Remar) und den Schatten der Gefallenen aus dem trojanischen Krieg, darunter Agamemnon (Benny Safdie), begegnet, aber nicht wie im Original auch seiner Mutter Antikleia noch dem darauffolgenden Reigen der Mütter und Heroinnen. Nausikaa und die matriarchal strukturierten Phäaken fehlen ebenso.
Auch die Figur der Helena enttäuscht im Vergleich mit dem Original. Und wiederum nicht aufgrund der schauspielerischen Leistung von Lupita Nyong’o, die zudem in der Doppelrolle der mörderischen Klytämnestra, der Zwillingsschwester von Helena, glänzt. Doch warum der Helena eine entstellende Narbe im Gesicht andichten und sie von ihrem Gatten Menelaos (Jon Bernthal) beim Gastmahl mundtot machen lassen? Homers Helena ist, wie Nolans Charakter, durchaus selbstkritisch, doch wirkt sie viel weiser, erhabener, menschenfreundlicher: Helena wurde in Ägypten in die Mysterien eingeweiht, kennt Heilkräuter, stillt beim Gastmahl in Sparta die ausbrechende Trauer über den Verlust der Krieger und die lange Abwesenheit des Odysseus mit einem effizienten Antidepressivum …
Vor kurzem hat Elon Musk in den Social Media eine Diskussion über die Hautfarbe der verfilmten Helena losgetreten. Elon Musk will nicht, dass diese Rolle von einer Schauspielerin wie der tiefdunkelhäutigen kenianisch-mexikanischen Lupita Nyong’o gespielt wird, er will eine blonde und weisse Helena, wofür er von Leuten aus den MAGA-, KKK- und White-Power-Movements reichlich Zuspruch erhält. Nun, Homer nennt Helena zwar «weissarmig», doch ist dies im antiken Kontext kein Hinweis auf ihre ethnische Zugehörigkeit, sondern auf ihren gehobenen sozialen Status, darauf, dass diese Tochter des Zeus weder Haus- noch Feldarbeit verrichtet. Homer hat Helena gerade nicht konkret beschrieben: Seine Leserschaft erfährt nichts über Helenas Haar- noch Augenfarbe, nichts über ihre Grösse, ihren Körperbau, ihren Body-Mass-Index. Nur so können sich nämlich alle unter Helena die schönste Frau vorstellen, die für sie individuell überhaupt vorstellbar ist. Und mit der jungen Eartha Kitt betrat by the way bereits 1950 in Paris und Frankfurt am Main eine schwarze Helena die Bühne, in Orson Welles’ damaliger Umsetzung des Faust-Stoffs.
Freilich gäbe es noch viel zu sagen, doch Christopher Nolan ist mit The Odyssey ein berückendes Werk gelungen, das sich mehrfach anzusehen lohnt. Den besten Seiteneffekt aber macht, dass in den Buchläden und Bibliotheken, seit der Film angelaufen ist, die Nachfrage nach dem Original ansteigt. Genau: Lesen wir doch Homers Odyssee, angereichert durch Nolans Bilderwelt, neu oder wieder, zum Beispiel in der relativ jungen Übersetzung des Schweizer Altphilologen Kurt Steinmann, der sich auch das obige Zitat aus der Lotophagen-Episode verdankt.
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.