Mit einer Sprachausgabe, ergänzend mit Braillezeile, sind wir blinde und stark sehbehinderte Personen technisch ausgerüstet, um Inhalte am Computer abzurufen. Besonders das Internet verspricht auf diese Weise, auch für uns, den Zugang zu grenzenlosen Möglichkeiten und Informationen. Doch sind die Internetseiten in unserem Alltag überhaupt bereit für diese Technologie?
Verschiedene Screenreader, Programme für Sprachausgabe am PC oder Apple-Computer sowie Smartphones, leiten mit ihrem Feedback die sehbehinderte Person durch das Geschehen auf dem Bildschirm und sprechen den Text beim Lesen und Schreiben vor. Tastenkombinationen ermöglichen dabei die vollständige Kompensation des Mauszeigers und lassen die visuell stark eingeschränkte Person in viele Programme und Bereiche vordringen. Die vorhin erwähnte Braillezeile zeigt dem geübten Blindenschriftleser zudem jenen Text an, der gerade im Fokus der Sprachausgabe oder im Bereich des Cursors ist.
Laptop mit Braillezeile. (Bild: Virgil Desax)
Diese Informationen unterstützen die Prüfung der Rechtschreibung und die allgemeine Navigation. Um die Möglichkeiten der Technologie ausschöpfen zu können, sind blinde Personen jedoch auch auf die Mithilfe der Programmierenden angewiesen. Denn eine Programmierung ohne Berücksichtigung der Richtlinien für barrierefreie Programme oder Websites stellt den Nutzer eines Screenreaders vor eine grosse Herausforderung, vor fehlende Informationen und im schlimmsten Fall vor einen schweigenden Computer – was einem schwarzen Bildschirm gleichkommt.
Der Saiten-Kalender: Eine Geduldsprobe
Als Crashtest verschaffe ich mir auf den beiden Internetseiten saiten.ch und sg.ch ein erstes Urteil zur barrierefreien Navigation.
Folgende Punkte sind grundlegend für eine übersichtliche Navigation im Internet:
Auf saiten.ch besorge ich mir zu Beginn durch die Überschriften-Navigation den Überblick über hervorgehobene Themen der Startseite. Ich weiss somit, was ich auf dieser Seite im Hauptfenster zu erwarten habe, und höre im aktuellen Beispiel die neuesten Publikationen. Die Link-Liste, die ich zu Übersichtszwecken aufrufen kann, liefert mir anschliessend Ergebnisse über weitere Themen, die in der Rubrikliste geordnet präsentiert werden. Das sieht schon ganz ordentlich aus.
Im Veranstaltungskalender möchte ich mich nun über kommende Ereignisse informieren. Während der «Zeile für Zeile»-Navigation fallen mir Beschriftungen und Links auf, auf die ich mir keinen Reim machen kann. Sind es unbeschriftete Grafiken? Oder allenfalls weiterführende Links? Auch bei der Navigation durch die Veranstaltungen verliere ich etwas die Übersicht. Die ausbleibende Überschriften-Navigation und die fehlende Abtrennung der Suchresultate verlangen von mir Geduld auf der Suche nach einer passenden Veranstaltung. Trotzdem werde ich bei detaillierterer Suche mit gut beschrifteten Textfeldern unterstützt und über einige Umwege mit einer coolen Veranstaltung belohnt.
Vorbildlich: der Kanton St.Gallen
Die Internetseite des Kantons St.Gallen ist daraufhin ein Musterbeispiel. Sehr viele Informationen sind übersichtlich abgelegt, einwandfrei beschriftet und formatiert. Auch im Kontaktbereich sind die Departemente mit unseren Navigationsmöglichkeiten rasch und barrierefrei aufzufinden. Hier wurden ohne Zweifel die Vorgaben zu einem barrierefreien Zugang bewusst umgesetzt. Auf den ersten Blick gibt es nichts zu kritisieren.
Als Fazit ist zu sagen, dass Schönheitsfehler in der Bedienung einer Website mit Sprachausgabe immer wieder anzutreffen sind. Diese sind jedoch lediglich etwas zeitraubend und stellen nicht das Ziel in Frage. Lediglich visuelle Captchas, wichtige nicht beschriftete Buttons wie Login oder Warenkorb etc. können unsere Selbständigkeit im Internet bedrohen und uns von einem «Augenblick» des sehenden Kollegen abhängig machen. Hobby-Webdesign ist in dieser grundsätzlichen Beurteilung nicht einbezogen.
Die Digitalisierung im Allgemeinen ist für sehbehinderte Personen ein Segen, besonders für jüngere Generationen. Immer weniger Papierkrieg, handschriftliche Formulare – dafür mehr und mehr Kundenportale, e-banking, Online-Formulare, E-Mail und Online-Bestellungen bieten alles, was das Herz begehrt. Viele Websites, die für die breite Öffentlichkeit vorgesehen sind, lassen sich gut mit unseren Ressourcen erschliessen und verhelfen uns damit zu mehr Selbständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Ein besonders fantastisches Hilfsmittel ist das iPhone, welches kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken ist. Es bietet unglaubliche Unterstützung, um mit grosser Selbständigkeit durch den Alltag zu kommen.
Virgil Desax, 1987, ist nach einem Fehler bei einer Tumor-Operation seit 2009 vollblind. Vor der Erblindung lernte er Zimmermann, nach der Erblindung absolvierte er eine Lehre als Kaufmann und die Weiterbildung als systemischer Coach. Er arbeitet als Fachperson Sehberatung bei obvita in St.Gallen.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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