, 16. März 2014
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Blondie muss sterben

Klassiker, Todsünden und Nobodies wurden angekündigt bei der vierten Ausgabe der Plattenversteigerung «Hit or Shit?», die nach zweimal Engel und einmal Tankstell neu in Rorschach stattfindet, im Kulturlokal «Treppenhaus».

Rorschach ist dieses Kaff am nahen Bodenmeer, das es irgendwie geschafft hat, St.Gallens coolste Parties abzuzügeln. So geschehen mit diversen Qualitäts-Rockkonzis, die inzwischen den Weg zurück nach Hause gefunden haben, ins Häfi-Maberg-Städtchen wo es neu das Treppenhaus gibt.

Als eifersüchtige Städterin mit See-Neid macht man sich also Samstagabends auf ins Marseille der Ostschweiz, wo man im Orient Markt an der Löwenstrasse 33 exzellenten (ganzen) Fisch serviert bekommt, nach tunesischer Art, mit 15 (sic!) Franken so günstig, dass man es kaum glauben kann. Erste 1000 Punkte für die Hafenstadt.

Frischer Duft in der Plattengruft

Im Treppenhaus soll Hit Or Shit #4 steigen, die legendäre Plattenversteigerung mit Unholy Joly und Hairy Barry. Die Hütte ist mit dem getreppten Dachstuhl leicht zu finden, wirkt aber aus der Nähe betrachtet überhaupt nicht wie man sich so eine Lokalität vorstellt. Vermutlich liegt das an der Frische, die superweisse Renovation ist wohl noch zu jung, als dass man die Konzerte an den Wänden sehen/riechen könnte.

scheibenDas Prinzip der Versteigerung ist einfach: Hairy Barry greift in einen Nähmaschinenkoffer voll mit Vinylsingles und spielt diese ab, während Unholy Joly Gebote entgegen nimmt und Hintergrundinfos zu Künstler/in und Song gibt. Übt man sich in wohlwollender Zurückhaltung und hört sich den Song bis zum Ende an ohne ein Mindestgebot von zwei Stutz zu wagen, greift sie sich die bedauernswerte Pressung und zerbricht sie in der Luft.

Elvis‘ O sole mio geht für zehn über den Tisch, Status Quo’s In the Army Now für fünf, wobei Unholy noch aufklärt, dass es sich dabei um einen Cover handelt von Bolland & Bolland. Blondies Dreaming findet keinen Abnehmer und wird gnadenlos entzweit, die Scherben landen auf dem Fussboden vor dem DJ-Pult. Paloma Blanca geht für 7 Stutz an den Mann und Gainsbourg für 5. Bob Dylans Like a Rolling Stone holt mit 22 den Höchstpreis, Born to be wild ist nahe dran mit 18. Übel erwischt es Adriano Celentano: Er wechselt für zwei Franken den Besitzer, nur um gleich darauf von diesem zerstört zu werden.

Hoffen aufs Knacken

Für Liebhaber ist der Abend fatal, Kollege Vinyljunkie steigert sich dumm und dämlich um die Scheiben vor dem Untergang zu retten, Pepe Lienhards Swiss Lady kauft und beerdigt er dann aber gleich selbst. Doch ist das Ganze auch für Nicht-DJs spassig, irgendwie fiebert man mit, mal auf das fiese Knacken von brechendem Vinyl hoffend, mal bietet man selbst mit, ohne die Single zu Hause abspielen zu können: Ein analoges Spiel mit erstaunlichem Suchtpotenzial.

Verbindungen hat man die ganze Nacht – die Agglo ist gut erschlossen mit dem ÖV. Vor dem Lokal versuchen schliesslich ein paar Dorfjungs bei romantischem Seewind einen BMW zu besteigen mit Fortpflanzungsabsichten, ungewohnte Bilder für zarte Gemüter. Hairy Barry spielt noch ein paar Platten ab, die aber nicht mehr zu verkaufen sind.

Das Treppenhaus ist jedenfalls einen Besuch wert, angekündigt sind unter anderem:

27. März: Lesung mit Jonas Lüscher, Prolog des Wortlaut Festivals St.Gallen, 19:30 Uhr
5. April: Beat-Boxing-Blues mit Heymoonshaker aus den UK, 22 Uhr
18. April: Cumbia und 60er Latinovibes mit Rolando Bruno Y Su Orchestra Midi, 20 Uhr

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