, 10. August 2016
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Böser Putin, einfache Welt…  

Das «St. Galler Tagblatt» gehört im Schweizer Blätterwald eher zu den Zeitungen mit ausgewogener Auslandsberichterstattung. Jetzt aber haute es in die Tasten mit Blick gen Osten – wie viele andere auch. Ein Kommentar von Harry Rosenbaum.

Wer schon in der Headline mit einem aus Agenturstoff übernommenen, nicht verifizierten Zitat Stimmung erzeugen will, macht sich der Desinformation verdächtig. «Mit meinem Freund Wladimir» übertitelt Klaus-Helege Donath einen als Hintergrund aufgetischten Bericht im «St.Galler Tagblatt» vom 9. August 2016 über den Erdogan-Besuch bei Putin.

Hass-Geschichte

Wenn zwei bestens eingeführte Hass-Figuren einander treffen, dann gibts in der publizistischen Logik von Donath auch eine Hass-Geschichte; ohne Fakten und Analyse, journalistischer Stammtisch. Schliesslich sind weder Erdogan noch Putin «Tagblatt»-Inserenten. Anzeigen-Boykotte sind also keine zu erwarten, allenfalls ein paar böse Mails von hiesigen AKP-Anhängern mit Bosporus-Wurzeln.

Russen-Trolle hingegen kann man vergessen. Jedenfalls ist noch nie ein User oder eine Userin im Tagblatt-Onlinenetz aufgetreten, der oder die eine solche Herkunft vermuten liesse.

Populistischer Journalismus

Hier ein paar Putin-Bashing-Auszüge aus dem Potpourri im «Tagblatt». Beim Leser und der Leserin werden Fragen aufgeworfen. Guter Journalismus soll diese Wirkung haben. Aber es müssen auch plausible Antworten angeboten werden. Danach sucht man in dem Hintergrundartikel vergebens.

«Eigentlich waren sich die Kontrahenten nie fremd. Die Zeitschrift ‹Foreign Policy› nannte Erdogan denn auch die ‹anatolische Version› des russischen Präsidenten.»

Dieser Verweis ist rein rhetorisch. Dazu muss man wissen, dass im US-Magazin «Foreign Policy» vor allem hohe Beamte und Spitzenberater früherer US-Regierungen, auch aus den Zeiten des Kalten Krieges, schreiben. Ein solcher Vermerk gehörte zum Quellenhinweis.

«Erst im Juni schickte der Sultan dem Zaren das Schuldeingeständnis

Damit ist die schriftliche Entschuldigung für den Abschuss eine russischen Kampfjets gemeint. Putin als Zaren zu bezeichnen ist in diesem Zusammenhang eine blosse Boulevardfloskel und ein Etikett  für das Böse, etwa in der Art: sieht nur eine Neuauflage von «Iwan dem Schrecklichen». Es gab aber auch «gute» Zaren, beispielsweise Alexander II. mit dem Beinamen «Zaren-Befreier». In seine Regierungszeit fielen unzählige Reformen, darunter die Abschaffung der Leibeigenschaft. Den hat Donath bei seiner Putin-Inthronisierung als Zar wohl nicht gemeint.

«Nach dem Putsch türkischer Militärs versicherte der Kremlchef Erdogan umgehend seiner Solidarität. Westliche Regierungschefs taten dasselbe, jedoch warnten sie ihn davor, mit der Verfolgung der Putschisten nicht auch noch die Fundamente der türkischen Demokratie zu schleifen. Solche Kritik war von russischer Seite nicht zu erwarten.»

Die Verhältnisse scheinen klar, die Guten sitzen immer im Westen und die Bösen immer im Osten: Da bedient der Beitrag ein populistisches Klischee. Er verschweigt etwa, dass sich der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier just vor dem Putin-Erdogan-Treffen in einem Interview mit der Bild-Zeitung «gegen überzogene Kritik an der Türkei» ausgeprochen hat, weil das Land ein wichtiger Nato-Staat sei. Und als der österreichische Aussenminister Sebastian Kurz wegen der diktatorischen Entwicklung in der Türkei gar die Sistierung der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei forderte, setzte es eine gehörige Watschen der Westregierungen ab.

Schliesslich geht es dem Westen einzig und allein darum, dass die Türken den Flüchtlings-Pakt nicht platzen lassen und der EU ein abermaliges Migranten-Chaos bereiten. Darum: weiter verhandeln über einen EU-Beitritt.

Putins Haltung gegenüber den innerstaatlichen Vorgängen in der Türkei mag unkritisch sein, aber sie ist ehrlich, weil sich der russisches Präsident nicht hinter moralischen Kulissen versteckt. Möglich sogar, dass Putin Erdogan zur Mässigung aufforderte beim Treffen. Dieses Putin-Zitat der ARD sei deshalb noch nachgereicht: «In diesem Zusammenhang möchte ich die Hoffnung äussern, dass das türkische Volk dieses Problem (Anmerkung: gemeint ist der Putschversuch) meistert und die Gesetzlichkeit und die Verfassungsordnung unter Ihrer Führung wieder hergestellt werden.»

Die verlorene Kontradiktion

Donath unterstellt im weiteren der Russen-Politik, sie wolle einen Keil zwischen die Türkei und die EU respektive die Nato treiben. Im Artikel gibt es dazu aber keine Fakten. Die Behauptung wäre dabei gar nicht so abwegig. Russland hat ernstzunehmende Sicherheitsbedenken, solange hochmoderne Nato-Raketen vor seiner Haustüre aufgestellt sind. Ein Austritt der Türkei aus der Nato würde diese Drohkulisse aus der Welt schaffen.

Das Thema Erdogan-Besuch bei Putin hat gewiss sehr viel publizistisches Potential, sofern es kontradiktorisch abgehandelt wird. Aber mit Putin-Bashing ist es nicht getan. Dieses ist allerdings en vogue: In den Medien wird ein «Krieg der Worte», eine gezielte Indoktrination gegen Russland geführt. Das mag damit zu tun haben, dass die ehemalige Supermacht ihre einstige Position zurückfordert. Dadurch fühlt sich der inzwischen auf allen Ebenen immer fragiler gewordene Westen total verunsichert.  Die bipolare Position will er nicht gegen eine multipolare Weltordnung eintauschen.
Und natürlich hetzt als Gegenreaktion das politische Russland gegen den Westen – und findet dafür breite Unterstützung in der Öffentlichkeit im sogenannten Osten.

Eine lesenswerte und historisch fundierte Analyse des komplexen Ost-West-Verhältnisses hat der deutsche Aussenpolitiker Erhard Eppler vorgenommen, nachzulesen hier.

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