Kategorie
Autor:innen
Jahr

Borderliner, Fürstentümler und Alkoholiker

Charles Pfahlbauer jr. mit einem Potpourri der feucht-fröhlichsen Polizeimeldungen zur fünften Jahreszeit.
Von  Charles Pfahlbauer jr.
Verletzt wurde niemand.

Wir sind alles wacklige Borderliner. Das sagte unser Interimsvorsitzender Sumpfbiber an unserem pflichtschuldigst gut besuchten Winterpfahlgenossentreffen in der Steinbruchhütte. Klar, liegt auf der Hand, in dieser Ostrandzone, so scharf an den see- und fluss- wässrigen Grenzen zum Europaraum. Dann aber setzte der alte sumpfbibrige Diepoldsauer zu einem langen Vortrag über Grenzspinner an, die speziell im Rheintal wie und eh ihr Unwesen trieben, allen herausgepützelten Fassaden des Chancentals zum Trotz. In seiner Erzählung kamen die sympathischeren Typen wie der legendäre Leichenwagenrino, der so gern die Zöllner foppte, ebenso vor wie einige jämmerliche Gestalten der Gegenwart, deren Nennung und Auflistung ihrer Schandtaten hier unweigerlich zu jeder Menge Verleumdungsklagen führen würde.

Seis drum. Man ist, bei allem tollwütigen Grenzverkehr, ja manchmal gottenfroh um den breiten Rhein, und dass er derzeit üppig Wasser führt; das Hintersäntisland und Vorarlberg birgt beiderflussseits einen unberechenbaren Menschenschlag. Und dann fragt man sich, was der Grenzschutz eigentlich so tut und wozu er nützt, wenn man eines Februartags mit dem neuen Franzosenkarren die Zürcherstrasse im Gallenlachenquartier hinuntergondelt und vor einem ein schwarzer FL-Ford mit seiner Heckinschrift wedelt, in diesen pseudogotischen Buchstaben: «Für Gott, Fürst und Vaterland». Hä? Ich musste das augenreibend dreimal lesen, ich konnte auch, weil wir dreimal am Zebrastreifen stoppten: «Für Gott, Fürst und Vaterland». Kein dummer Witz, sondern allem Anschein nach der volle Ernst. Ein Fürstentümlernazi, herrgottzack! Respektive sass am Steuer ein weibliches Exemplar. Was es nicht besser macht. Es gibt offenbar auch unter Nazis nichts, was es nicht gibt. FL-Nazeuse, also so was.
Gefahr, Gefahr im Februar! Man muss in unseren Ostrandzonen-Borderliner-Kreisen sehr auf der Hut sein, ernsthaft jetzt. Zum Beweis an dieser Stelle einige sehr beunruhigende, komplett wahre Polizeimeldungen:

5. Februar, ein Freitag. Die Vorarlberger Landespolizei meldet den Fund eines Kriegsrelikts in Bregenz: Im Dachboden eines Hauses, versteckt im Zwischenboden, findet ein Abrissarbeiter eine Stielhandgranate aus dem Zweiten Weltkrieg. Die noch funktionstüchtige Granate kann, wie es heisst, zwar geborgen und fachgerecht entsorgt werden. Doch die Information, wonach die Waffe «handhabungssicher abgelegt war», erlaubt böse Spekulationen: «Die Schraubkappe am Stiel war angeschraubt und unbeschädigt.»

Gleichtags meldet ebenfalls die Vorarlberger Polizei einen Alkoholanschlag: «Heute um 07.13 Uhr wurde auf dem Gelände einer Firma in Wolfurt ein Sattelanhänger mit zwei Containern beladen. Inhalt: hoch konzentrierter Alkohol, jeweils 600 Liter. Bei der Beladung wurde einer dieser Container beschädigt, worauf 400 bis 500 Liter Alkohol ausflossen. Der LKW-Fahrer stellte den Sattelanhänger zu einer Laderampe, wo der Alkohol in einen Ölabscheider rinnen konnte. Der Vorplatz wurde durch die Betriebsfeuerwehr gereinigt und der verbleibende Alkohol in einen anderen Container umgepumpt.» Verletzt worden sei niemand. Aber wer hat den Rest getrunken?

6. Februar, ein Samstag. In Weesen, unweit von Quarten am Walensee, wo ein Liechtensteiner Treuhänder Gelder des mexikanischen Drogenbosses El Chapo gewaschen haben soll, hat sich des Nachts Ungeheuerliches abgespielt. Unter dem Titel «Im falschen Haus, Dorf und Kanton gestrandet» meldet die Kantonspolizei St.Gallen: Die Bewohnerin eines Mehrfamilienhauses an der Hauptstrasse habe die Notrufzentrale alarmiert, nachdem sie im Haus einen ihr nicht bekannten Mann bemerkte. Die Polizisten finden um 02:47 Uhr in der Liegenschaft einen 26-jährigen Fasnächtler. Dieser habe stockhagelvoll seine Begleiter verloren. «Auf seiner Suche nach seinem Zuhause begab er sich zu einem Wohnhaus und klingelte dort so lange, bis er eingelassen wurde. Dabei bemerkte der Mann nicht, dass er sich nicht nur im falschen Haus, sondern auch im falschen Dorf des falschen Kantons befand.» Der Mann sei dann mit dem Taxi auf den richtigen Nachhauseweg gebracht worden, heisst es. Natürlich bleiben auch hier Fragen über Fragen.

9. Februar, ein Dienstag. Die St.Galler Polizei kontrolliert auf der Autobahn A13 in Mols um 3:30 Uhr, wieder in schwärzester Nacht, ein Auto. Das steht mit laufendem Motor auf der Fahrbahn (nicht auf dem Pannenstreifen). Drinnen ein 31-jähriger Autofahrer, angegurtet auf dem Fahrersitz, im Tiefschlaf. 1,4 Promille. Geht ja noch, denken Sie jetzt, aber sehr unheimlich ist eine mögliche Verbindung ins Bündnerland: Dort findet die Grenzpolizei gleichen Tags 150 Liter Alkohol, versteckt im Auto von vier Ungarn mit französischem Kennzeichen – alles Spirituosen, Wodka, Whisky, Strohrum, geschmuggelt in der Mulde des Reserverads und unterm Rücksitz.

In den nächsten Tagen sollten die Polizeimeldungen betrunkener Fahrer und sonstiger Alkoholvorfälle merklich zunehmen. Und es sieht ganz danach aus, dass es um viel mehr geht als nur um fasnächtlichen Blödsinn. Oder wie erklären Sie sich, verängstigte Leserin, zittriger Leser, folgende alarmierende Meldung tags darauf aus der Gallenstadt: In einer Wohnung im Museums- quartier hat einer ein Lagerfeuer gemacht. Zwar ruft er der Stadtpolizei aus dem Fenster zu, er habe nur sein Cheminée angezündet. Doch die Polizisten bemerken, dass der Mann tatsächlich auf seinem Fussboden ein Feuer gemacht hat. Weil die Sicherungen defekt seien und er keinen Strom habe, erklärt er, wolle er ein wenig Licht und Wärme erhalten. Jessssus!

Was das alles bedeuten mag? Ich will es mir nicht ausdenken. Aber es ist eher nichts Gutes. Fragen Sie Sumpfbiber, mit seiner blühenden Spinnerfantasie! Ich bin jedenfalls längst über der Grenze, ostseewärts verduftet.

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter