, 27. September 2017
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«Brauner Sud mit Wutbürgerklösschen»

Das «Tagblatt» lädt zum Gespräch mit Thilo Sarrazin, der links-grünen Jugend in St.Gallen passt das ganz und gar nicht. Der Deutsche Rechtspopulist bediene all jene, «die in der EU immer schon ein bürokratisches und die nationale Souveränität einschränkendes Monstrum sahen», kritisieren Zunder, Juso und Junge Grüne.

Thilo Sarrazin. Der Wikipedia-Artikel über den Ökonomen, Autor und ehemaligen SPDler aus Deutschland ist lang und versammelt die zahlreichen Kontroversen um seine Person. Für Leute wie Henryk M. Broder ist der 72-Jährige ein unorthodoxer Querdenker, der sich «den Luxus eigener Gedanken» leistet, Linke und Grüne fühlen sich durch Sarrazins Aussagen an rassenbiologische Schriften erinnert und bezeichnen ihn als Hetzer, Rassisten und Eugeniker.

«Neue kleine Kopftuchmädchen»

Zu «Lettre International» sagte Sarrazin 2009: «Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. […] Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkennen. Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.»

2010 veröffentlichte er das Buch Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, in dem er seine biologistischen Thesen weiter ausformuliert. Es wurde zum Bestseller, auch dank der vielen kauffreudigen Rechten, die sich in ihren Ideen bestätigt sahen. Der Rest des politischen Spektrums lehnte das Buch fast durchwegs ab und kritisierte den Autor scharf. Als Folge dessen wurde Sarrazin auf Wunsch seiner Kolleginnen und Kollegen als Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank seines Amtes entbunden. Einvernehmlich, heisst es in der entsprechenden Mitteilung.

Auch zum Euro äussert sich Sarrazin regelmässig. Der Euro: Chance oder Abenteuer? fragte er etwa 1997. Mittlerweile hat der Ex-Bundesbanker klarere Antworten gefunden, nachzulesen unter anderem in seinen Büchern Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat (2012) und Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert (2016).

«Billige Effekthascherei»

Morgen Donnerstag ist Thilo Sarrazin auf Einladung des «Tagblatts» im Einstein Kongresszentrum zu Gast, präsentiert von den Bankiers Reichmuth & Co. «Wie weiter mit der EU und dem Euro?», so der Titel des geplanten «Denkanstosses», dem man für stolze 80 bzw. 50 Franken beiwohnen kann vor dem Apéro Riche.

Der Anlass sorgt für Unmut auf links-grün-junger Seite: «Zuerst schafft sich Deutschland ab, dann soll die EU den Euro abschaffen und nun schafft sich das Tagblatt gleich mit ab, indem es Thilo Sarrazin unkritisch den Hof macht», heisst ein in einer gemeinsamen Medienmitteilung der Aktion Zunder, der Juso St.Gallen und der Jungen Grünen St.Gallen. Die Zeitung verschulde sich «mit der Einladung eines bekannten Rechtspopulisten an billiger Effekthascherei, bei der wirtschaftlich und offen rassistische Personen nicht nur salonfähig, sondern auch finanziell unterstützt» würden.

Bild: Pablo Zunder

Sarrazin habe mit seinen offen islamophoben und fremdenfeindlichen Büchern Deutschland schafft sich ab oder Der neue Tugendterror «rassenbiologische Begründungen aus der Mottenkiste hervorgekramt, von denen man glaubte, sie gehörten längst der Vergangenheit an», schreibt das Bündnis. «Er erklärt Bildungsleistung, Arbeitsmarktintegration, Kriminalität oder auch die Anfälligkeit für fundamentalistisches Gedankengut nicht mit politischen und strukturellen Ursachen, sondern mit rassenbiologischen oder kulturdifferentialistischen Argumenten.»

«Gewisse» Mentalitäten und eine «gewisse» Kultur

Seine «welterklärerische Suppe» bleibe ein «brauner Sud mit Wutbürgerklösschen», heisst es weiter – auch wenn er sich mit seinem neuesten, «wohl etwas unaufgeregteren Buch» Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung neuerdings als ernstzunehmender Experte positionieren wolle. «Etwa wenn er, an seine früheren Bücher anknüpfend, den Südeuropäern kollektiv und essentialistisch gewisse Mentalitäten und eine gewisse Kultur zuschreibt, welche für ihre unsoliden Staatshaushalte verantwortlich seien.»

Den politischen Implikationen von Sarrazins Thesen müsste sich gerade das «Tagblatt», das sich einst in liberaler Perspektive verortet habe, entgegenstellen, wird argumentiert. «Es müsste klar kritisieren, wenn ein politisch aktiver Mensch ganzen Bevölkerungsgruppen kollektiv unüberwindbare genetische Unterschiede zuschreibt. Stattdessen bietet ihm die Zeitung noch eine zusätzliche Plattform.» Brisant sei zudem, dass die Organisation des Vortragabends durch die Privatbank Reichmuth & Co unterstützt werde – «ihrerseits Auffangbecken für Mitarbeitende, die sich bei der kriminellen Pleitebank Wegelin besonders wohl gefühlt hatten.»

Sarrazin bediene all jene, die in der EU «immer schon ein bürokratisches und die nationale Souveränität einschränkendes Monstrum sahen», kritisieren Zunder, Juso und junge Grüne. Geht es nach ihnen, erkennt Sarranzin zwar die notwendige Frage, zieht daraus aber die falschen Schlüsse: «Wie kann aus einer Währungsunion auch eine politische, solidarische Union werden?»

2 Kommentare zu «Brauner Sud mit Wutbürgerklösschen»

  • Früher gehörte es zum journalistischen Handwerk und zu einer redlichen Debattenkultur, auch die Gegenseite zu befragen, in casu also das „Tagblatt“, das ja hier kritisiert wird. Offenbar ist das nicht mehr so. Ein Fortschritt ist das nicht.

  • Ludovic sagt:

    Wer in einer solchen Selbstverständlichkeit einen notorischen Hetzer und narzisstischen Rechtsradikalen einlädt, sich im Vorfeld um Kritik und Selbstkritik drückt, der hat schon alles gesagt.

    Die Medienmitteilung der links-grün-versifften sind schon raus. Man hätte diese aufgreifen und Stellung beziehen können. Die Leistung von Saiten besteht hier – wie so oft – darin, dass sie nicht den Privatbanken, sondern jenen eine Stimme gibt, die sonst oft ungehört bleiben.

    P.s.: Debattenkultur wird da schwierig umsetzbar, wo sarrazin’sches Gedankengut normalisiert wird.

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