Rhythmische Trommelklänge sind im Hintergrund leise zu hören. Fremd anmutende Masken, bunte Keramiken, Skulpturen, Videos, bizarre Installationen, Gemälde und Fotographien werden sichtbar. Linkerhand reihen sich Schuhe in verschiedenen Grössen aneinander. Aus den Glasvitrinen rechts vom Eingang lugen schräge, blaue Gestalten aus Gips hervor.
Stefan Rohner: Kuriosenkabinett Rot-Blau, 2019
In einer Ecke thront auf einer Gipskugel die Gestalt eines Murmeltiers – es scheint ebenfalls aus Gips geformt. Die abstrakten Muster auf der Skulptur erinnern entfernt an Tätowierungen. Doch unter dem Gipsdecke steckt ein echtes Tierpräparat. Die Skulptur heisst Murmel-Tatau. Der Begriff Tatau bedeutet Zeichen und stammt ursprünglich aus Tahiti. Das Besondere daran: Beim Murmeltierpräparat handelt es sich um ein ausgemustertes Objekt aus dem Naturmuseum St.Gallen. Die Arbeit des 60-jährigen Herisauers Stefan Rohner verbindet ein Alpentier mit Elementen der Südsee.
Wild statt zahm
Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss prägte den Begriff Bricolage. Französisch «bricoler» bedeutet so viel wie herumbasteln. Statt sich spezifische Ressourcen zu beschaffen, wird dabei mit bereits vorhandenem Material gebastelt. Es ist ein Aufruf: raus aus der Komfortzone und wild denken! Lévi-Strauss bezeichnete das «wilde» auch als «ungezähmtes Denken» fernab der strukturierten Ordnung.
Brigit Edelmann: Mundmaske, Sri Lanka, aus der Sammlung des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen (Bild: Stefan Rohner)
Genau dieses Konzept zieht sich wie ein roter Faden durch die vom Prozess bestimmten Arbeiten der Kunstschaffenden. Sie hatten die Gelegenheit, in der Museumssammlung nach Objekten zu stöbern und diese ihrem «wilden Denken» zu unterziehen. Oder in Stefan Rohners Worten: «Ich wünsche mir, dass die Besucher und Besucherinnen von der Abstraktion angezogen werden, so wie ich es erlebe. Sie lässt mich eine veränderte Sichtweise annehmen. Ich habe mich von den Objekten der Sammlung inspirieren lassen und diese mithilfe von wildem Denken neu formiert. Das finde ich faszinierend.»
BRICOLAGE. wild – exotic – different: bis 1. März 2020, Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen
Vernissage der Ausstellung und der Publikation «MANJAKOP» (edition clandestin Biel): 30. August 18.30 Uhr
hvmsg.ch wild-exotic-different.art
Das Arbeiten mit dem Fremden oder Andersartigen kann auch Kritik auf den Plan rufen. Das Erbe des imperialistischen Zeitalters ist vor allem in ethnologischen Museen umstrittener denn je. Andy Storchenegger aus Jonschwil weiss um den Balanceakt, den dieses Thema erfordert. «Ich muss mich oft rechtfertigen, warum ich Reisen nach Afrika oder Südamerika unternehme und nicht hier in der Schweiz arbeite. Aber für mich sind es wertvolle Erfahrungen.»
Der 42-Jährige hat unter anderem in Peru mit einem einheimischen Künstler an Masken gearbeitet. Ausgangspunkt für diese Kollaboration war eine Fasnachtsmaske aus dem Sarganserland. Die Bearbeitung der dreiteiligen Maskenserie verbindet die schweizerische mit der Tradition der Kukumas, einem indigenen Stamm aus dem Amazonasgebiet.
Andy Storchenegger: Im Haus vom Dschungelkönig, 2018
Die Ausstellung zieht sich mit «Ausläufern», wie sie die Kunstschaffenden nennen, weiter in den «Welten-Sammeln-Saal» des Museums. Inmitten von historischen Skulpturen, Bronzen und Werkzeugen findet sich am Sockel einer Vitrine eine geöffnete Schublade. Gelächter und eine kuriose Unterhaltung in undefinierbarer Sprache sind zu hören. In der Schublade liegen zwei aus Sri Lanka stammende, geschnitzte Holzmasken. Es scheint, als würden die Mundmasken miteinander kommunizieren.
Die St.Gallerin Brigit Edelmann, Jahrgang 1980, hat ihnen mittels Audiospur Stimmen verliehen. «Als wir klein waren, haben ich und meine Schwester oft in einer fremden, eigens erfundenen Sprache kommuniziert. Das half gegen Langeweile. Man kann jemanden verstehen, auch wenn man ihn nicht wortwörtlich versteht», verrät die Kunstschaffende.
Der Blick in die ungetrübte Ferne
In der Mitte des Ausstellungsraums befindet sich ein grosser Kubus. Von aussen betrachtet scheint er hell und eben, während im betretbaren, mit Kunstfell ausgelegtem Inneren Dunkelheit dominiert. Im Bauch des Kubus führt eine Leiter zu einer Fensterluke, die den Blick auf den «Platinendschungel» freigibt. Zu sehen sind unzählige kleine Elektroplatinen, Träger für elektronische Geräte, die in Baumformen zugeschnitten sind. Einige tragen in ihren Baumkronen Bildschirme, auf denen Videos abgespielt werden.
Diese Arbeit ist die einzige, die von den drei Kunstschaffenden gemeinsam erarbeitet wurde. Es scheint, als bilde der Dschungel eine komprimierte Form der drei künstlerischen Positionen ab. Und während der Blick über die Platinenwipfel in die Ferne schweift, verschwimmen langsam die Grenzen der Dialektik von Ordnung und Wildheit.
Brigit Edelmann: Schwellenwesen, 2018
Wenn die «Wilden» und Tiere kommen, fühlt sich der «weisse Mann» überlegen: Die Journalistin und Schriftstellerin Rea Brändle stellt ihr neuaufgelegtes Buch «Wildfremd, hautnah» vor.
Zum Beispiel Kevser, Andjela, Maria Rosa, Sissi und Aysha – ein Heft zum Einwandern. Ausserdem: Museumsdebatte, Margadant & Burroughs.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.