Gewerkschaften und Hotels, das scheint nicht unbedingt zusammen zu gehören. Schliesslich sind Arbeitnehmerverbände keine Tourismusagenturen. Das Rätsel löst sich durch den Blick in die Geschichte. Allzu oft wird heute vergessen, dass Ferien, für uns eine Selbstverständlichkeit, eine soziale Errungenschaft sind. Und die Voraussetzung dafür, dass sich Arbeitnehmende von der anstrengenden Lohnarbeit erholen konnten.
Die linke Volksfrontregierung im Frankreich des Jahres 1936 erliess erstmals gesetzliche Ferien für alle Lohnabhängigen. Das war ein historischer Durchbruch. In der Schweiz wurde der gesetzliche Ferienanspruch erst Jahrzehnte später realisiert – in sozialen Belangen hinkte das angebliche «Erfolgsmodell Schweiz» wie üblich hintendrein. Dennoch profitierten auch Arbeiter hierzulande früh von bezahlten Ferien. Bereits in den 1880er-Jahren hatten die Gewerkschaften in gut organisierten Berufsgruppen bezahlte Ferientage durchgesetzt, etwa bei den Typografen oder bei den Angestellten der kommunalen Gas- und Wasserwerke.
Rimini verdrängt Wergenstein
So lag es nahe, dass die Gewerkschaften auch dafür sorgten, dass ihre Mitglieder die gewonnene Freizeit in einer erholsamen Umgebung verbringen konnten. Sie bauten Ferienheime oder kauften Hotels in Graubünden, am Vierwaldstättersee, im Berner Oberland oder im Tessin. Dort, wo bisher nur Vermögende sich erholen konnten. Nun hiess die Parole plötzlich «Vorwärts zum Genuss!». Gewerkschaftsmitglieder verbrachten ihre Ferien fortan im Hotel Piz Vizan in Wergenstein GR, in Ferienheimen in der Lenk oder in Vitznau, in Gersau oder in der Feriensiedlung La Campagnola im Tessin.
Die gewerkschaftliche Hotelherrlichkeit dauerte aber nicht lange. Denn sie wurde bald vom aufkommenden Massenkonsum im Nachkriegsboom überholt. Als die kapitalistische Produktivität auch den Arbeitern und kleinen Angestellten Individualferien im Süden ermöglichte, verloren die Gewerkschaftshotels an Attraktivität. Daraufhin wurden sie in Kurs- und Tagungsstätten umfunktioniert und die Region Vierwaldstättersee verwandelte sich so zu einem gewerkschaftlichen Ausbildungszentrum.
Rasch wachsende Ansprüche an den Tourismus der Nachkriegszeit: Autoverlad in Airolo, 1950er-Jahre. (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv)
Literarische Hotelnächte
Heute ist die Hotelgeschichte der Gewerkschaften zu Ende. Die grösste Schweizer Gewerkschaft, die Unia, hat ihre sechs Hotels in den letzten vier Jahren allesamt verkauft. Dies war der Anlass für den historischen Rückblick, den das im Rotpunktverlag erschienene Buch von Stefan Keller Vorwärts zum Genuss macht. Mit einem unkonventionellen Konzept: Erzählt wird nicht einfach die Geschichte der Gewerkschaftshotels. Der Band bietet literarischen und fotografischen Mehrwert.
Keller bot nämlich mit Dorothee Elmiger, Susanne Zahnd, Annette Hug, Guy Krneta und Adrian Riklin fünf Literaturschaffende zu einem Besuch in fünf Gewerkschaftshotels auf und bat sie, ihre Eindrücke in einem Kurztext zu verarbeiten. Begleitet wurden sie vom Fotografen Florian Bachmann, der seinerseits kleine Fotoessays beisteuerte. Die sonst eher trockene Sozialgeschichte wird so gegenwartsbezogen revitalisiert und künstlerisch aufgewertet.
Auch Zeitzeugen kommen zu Wort, nämlich Gewerkschaftsleute, die von ihren Erfahrungen und Erlebnissen in Kursen und Ferienaufenthalten berichten. Eingeholt hat die Berichte die St.Galler Journalistin Sina Bühler. In diesen Statements wird Geschichte nochmals sehr lebendig, denn wir erfahren von Konflikten, Enttäuschungen und Auseinandersetzungen, die sich in den Gewerkschaftshotels abgespielt haben. Manch ein Büezer war nämlich mit dem Ambiente oder der Führung gar nicht einverstanden und hatte andere Vorstellung von einem Betrieb, der den Grundwerten von Gemeinschaft, Solidarität und Egalität genügen sollte.
So entflammte im Bauarbeiter-Hotel Rotschuo in Gersau einmal eine hitzige politische Debatte, als Pläne bekannt wurden, dass jedes Zimmer mit einem Fernseher ausgerüstet werden sollte. Viele sahen den geselligen Abend im Gemeinschaftsraum in Gefahr. Und als in den 1980er-Jahren einige Gewerkschafter anlässlich ihrer Funktionärsausbildung bemerkten, dass im Hotel Rotschuo gleichzeitig eine Tagung der Swissair mit einem Kadermann aus Südafrika stattfand, schrieben sie «Free Nelson Mandela!» auf ein Kärtchen – was beträchtlichen Wirbel auslöste, nicht nur bei der Swissair, sondern auch bei der Gewerkschaft. Diese fürchtete durch solche Aktionen ums Vermietungsgeschäft.
Buchvernissage: Mittwoch, 11. Februar, 20 Uhr, Buchhandlung Comedia St.Gallen. Lesung mit Stefan Keller, Annette Hug, Adrian Riklin, Florian Bachmann.
Stefan Keller (Hrsg.): Vorwärts zum Genuss. Von Arbeiterferien und Arbeiterhotels. Mit Fotos von Florian Bachmann. Rotpunktverlag Zürich, Fr. 36.–
Titelbild: Demonstration in Zürich, 1. Mai 1949. Das erste eidgenössische Feriengesetz trat dann aber erst 1966 in Kraft. (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv)
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