, 27. Februar 2015
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Bücherpost III: Rettet den Leesesaal!

Wenn Neues kommt, muss Altes weichen: So auch der Lesesaal der Vadiana, der mit der Eröffnung der Bibliothek Hauptpost geschlossen wird. Die Ostschweizer Autorin Monika Slamanig wird den Lesesaal als Ort der stillen Konzentration und des geteilten Leids vermissen.

Es gibt Momente im Leben, da hilft auch Schokolade nicht mehr. Zum Beispiel, wenn man das letzte Mal die Tür des altehrwürdigen Lesesaals der St.Galler Kantonsbibliothek hinter sich zuzieht. So geschehen am 7. Februar, als «die Vadiana» für den Umzug in die Hauptpost schloss. Die Schälchen mit Pralinen, die das Personal als Trösterli aufgestellt hatten, waren am Abend so voll wie am Morgen.

Man schliesst die Tür, so leise, wie man es immer getan hat, blickt nochmals durch die geschliffenen Glasscheiben in diesen Saal, in dem man seit Jahrzehnten viele Stunden in höchster Konzentration verbracht hat. Sei es während eines Studiums, beim Verfassen eines Artikels oder Buches. Nicht etwa, weil eine Recherche das erforderte. Sondern oft nur, weil einem im eigenen stillen Kämmerlein die Decke auf den Kopf fiel oder weil man fernab von einem hektischen Ort studieren wollte.

Wo gibt es noch öffentliche Räume, in denen Wildfremde jeden Alters und Fachinteresses gemeinsam in aller Stille vor sich hin brüten?

Ein Quadratmeter Heimat

Der historische Lesesaal der Vadiana war beziehungsweise ist so ein Raum. Man sitzt in Dreierreihen auf harten, aber bequemen Holzsesseln, auf denen schon die Stadtväter und -mütter ihre Hintern wundgesessen haben. Junge Studierende ebenso wie Leute in den besten Jahren, die sich ihre tägliche Dosis Zeitschriftenblättern holen. Oder alte Männer, die sich dort häuslich eingerichtet haben und von morgens bis abends im Zeitungsarchiv Staub schlucken, vielleicht für ein Forschungsprojekt über die Veränderung der Saumlänge an Kinderfestkleidern.

Ein Raum, in dem nichts die konzentrierte Stille stört, ausser vielleicht die Darmgeräusche des Pultnachbarn, das Rascheln des Papiermessies, der in Tüten voller Schnipsel kramt oder das gelegentliche Schmatzen eines Pärchens, das sich bei aller Versunkenheit versichern muss, dass sie sich immer noch zum Abknutschen gern haben.

Mal war man fast allein, dann, immer häufiger, platzte der Saal aus allen Nähten und man musste früh aufstehen, um sich einen Platz zu ergattern. Hatte man aber einen, hatte man ihn für den ganzen Tag. Man breitete seine Papiere, Laptops und Bücher aus, liess sie auch in den Pausen liegen, und keine Macht der Welt konnte einem diesen Quadratmeter Heimat für den Tag streitig machen.

Und ja, kein Handy- und anderes Geplapper, kein Gezische und Geklapper. Im Lesesaal war jede Art lauter, absichtlicher Geräusche und Tätigkeiten tabu. Stille. Bis auf das leise Aufstöhnen und verlegene Hüsteln, das Summen eines vibrierenden Mobilgeräts oder einer Fliege. Das geteilte Leid, wenn man in dem verlorenen Vorsichhinstarren oder dem scheinbar ziellosen Umhertigern anderer sich selbst wiedererkennt.

Denn manchmal braucht es das, Ruhe statt Dauerberieselung, Action und Begegnung. Und eine Kaffeemaschine mit echtem Kaffee für einen Franken, eine frei zugängliche Kopiermaschine, wo man für 10 Rappen das Blatt kopieren kann.

Das alles gabs zum Lesesaal dazu.

Ein Ort verordneter Begegnung

Und dieser Raum soll nun verschlossen bleiben? Für eine Bibliothek, die «ein Begegnungsort, ein Ort voller Menschen und voller Leben» sein will, wie Christa Oberholzer, Leiterin der Stadtbibliothek, im «Tagblatt» sagt? Wollen das denn alle?

Wir bekommen eine Bibliothek an zentraler Lage (stimmt), längere Öffnungszeiten (eigentlich nicht mehr als eine zusätzliche Stunde) und noch einen Ort (verordneter) Begegnung. Aber eines geht in der Begeisterung über das neue Provisorium unter: Wo bleibt der Ort des (konzentrierten) Lernens?

In der Hauptpost wird es etwa 100 Arbeitsplätze geben, die überall im Raum angeordnet sind (und als Trostpflaster für alle vorsorglich Besorgten das kleine Turmzimmer). Wenn da nicht das Schlimmste zu befürchten ist.

Aber eigentlich soll es weniger um Vorschussbedenken gehen, als um einen Wunsch: Der Vadiana-Lesesaal soll weiterhin zugänglich bleiben. Nicht nur für die Sammlung. Was spricht dagegen, ihn wie anhin zu benutzen? Dieser Wunsch wäre einfach zu erfüllen, er würde nicht Unsummen verschlingen wie andere Provisorien in dieser Stadt. Und wir Ruhebedürftigen könnten bis an unser Lebensende glücklich weiterbrüten.

Titelbild: Die Hauptpost am St.Galler Bahnhof.

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