Kategorie
Autor:innen
Jahr

Bücherpost V: Herein- und herumspaziert!

Zwei Tage nachdem die Hauptpost-Bibliothek im kleinen Kreis vorgestellt wurde, durfte sich am Samstag auch die Ottonormal-Bevölkerung im neuen St.Galler Bücherparadies tummeln – ein erster Eindruck.
Von  Corinne Riedener

Das gleich vorweg: Hätte es dort immer so viele Leute, wäre das Bibliotheks-Provisorium in der Hauptpost St.Gallen definitiv kein Ort zum ungestörten Verweilen. In diesem Fall war es jedoch ganz erfreulich, dass es zwischen den Bücherregalen und daneben, im Café St-Gall, zeitweise ganz schön eng wurde. So gehört sich das, wenn irgendwo «Tag der offenen Tür» draufsteht. Und schliesslich waren es ja ebendiese zahlreich erschienenen Stimmberechtigten, die sich 2012 mit rund 10’700 Stimmen so ausdrücklich für die «Bibliotheksinitiative» ausgesprochen hatten (daraufhin hat der Kantonsrat das Bibliotheksgesetz verabschiedet und die Initiative wurde zurückgezogen). Insofern kann man nur festhalten: Schön, dass dieser Wunsch nachhaltig war und das Interesse auch zweieinhalb Jahre später noch so beachtlich ist.

buechermuehle2

Die «Büchermühle» in der Nordhalle

«Das ist ja heimeliger als ich gedacht hätte», befand eine ältere Dame, als sie mit zwei Kindern an der Hand die letzten paar Stufen zum Eingang erklomm. Trotzdem: So richtig gemütlich wollte es nicht werden bei all dem jungen und alten Gewusel in der Hauptpost. Das liegt wohl nicht zuletzt auch an ihrer Infrastruktur, die eine leicht industrielle Atmosphäre versprüht. Wer auf lauschige Ecken, Leselampen und gepolsterte Sessel hofft, ist in der grosszügig geschnittenen, hellen Hauptstadt-Bibliothek tendenziell fehl am Platz. Der Ort erinnert eher an eine Art «Rösslitor ohne Kaufzwang» und ist, wie auch Regierungsrat Martin Klöti am Donnerstagabend bei der VIP-Eröffnung sagte, ein Schritt Richtung Public Library – eine analoge und gleichermassen moderne Informationszentrale, die allen offen steht.

Faust auf Albanisch und die Uzwiler Dorfchroniken

Klar, das fachspezifische oder fremdsprachige Sortiment kann immer noch ein bisschen grösser, ein bisschen aktueller oder umfassender sein. Aber hey; Goethes Faust (eins & zwei) auf Albanisch; das findet man in einer Standard-Leihbücherei vergleichsweise doch relativ selten. Und gleich daneben steht ein meterhohes Sortiment mit chinesischer, russischer, tamilischer, italienischer, serbischer oder arabischer Literatur. Dafür konsultiert man in der Regel spezialisierte Bibliotheken. Und was bestimmte Themen angeht sowieso; Migration und Interkulturalität beispielsweise, Surrealistische Strömungen im zeitgenössischen Film oder meinetwegen auch osmanische Heraldik im späten Mittelalter. Das alles gibt es in der Hauptpost zu entdecken – nebst unzähligen CD’s, DVD’s, Mikrofilmen, Special-Interest-Magazinen und Tageszeitungen aus aller Welt.

tumzimmer1

Die Leitern im Turmzimmer laufen auf Schienen und sind verstellbar. Wer schlechte Augen hat, dürfte allerdings Mühe haben, die Buchtitel in den obersten Regalen ohne Leiter zu entziffern.

Schön ist: Trotz der offensichtlich grossen Liebe für den Rest der Welt ist auch die Ostschweiz prominent vertreten. Damit ist nicht etwa das «Wortlaut»-Regal mit den aktuellen Publikationen seiner Festival-Gäste gemeint, sondern das rot bespannteppichte Turmzimmer im hinteren Teil der Nordhalle – eines der Highlights und zugleich der wohl gemütlichste aller Räume. Dort sind die «Sangallensien» zu finden, sprich alte und neue Werke von St.Galler Autorinnen und Autoren, aber auch andere Publikationen, die sich auf den Kanton beziehen. Das können handgeschriebene Bürgerverzeichnisse aus dem vorletzten Jahrhundert sein, irgendwelche Uz-, Fla- oder Andwiler Dorfchroniken, Literatur aus der Region, Lyrik oder auch Sachbücher wie zum Beispiel jenes über die Geschichte des Espenmoos. «Eine wahre Fundgrube», so das Fazit eines jungen Studenten.

Suppen, Snacks und Selbstbedienung

Das Turmzimmer lädt also definitiv zum Stöbern und Verweilen ein, auch wenn der Platz dort wohl oder übel etwas beschränkt ist. Doch verweilen kann man, wie es sich gehört für eine gut ausgestattete Bibliothek, natürlich auch in den anderen Räumen. Überall hat es Sitzgelegenheiten, die Randbereiche zwischen Fensterfront und Büchermassen sind fast durchgehend von grauen Tischen umsäumt. Obwohl: Sind es wirklich wie angekündigt insgesamt 100 Arbeitsplätze? Irgendwie macht es nicht den Anschein. Man müsste das mal in Ruhe nachprüfen, in einigen Wochen vielleicht, wenn der Verkehr in den Hallen nicht mehr ganz so rege und der Alltag langsam eingekehrt ist…

Und für jene, die lieber in Gesellschaft schmökern, gibt es ja immer noch das bibliothekseigene Café St-Gall, wo es zwar Suppen und Snacks, aber keinen Alkohol gibt – dafür aber tipptoppe Brownies zum Kaffee. «Ganz fantastische sogar», versicherte uns ein betagtes Ehepaar augenzwinkernd. «Nur schade, dass man den Kaffee selber holen muss an der Bar. Wir sind halt auch nicht mehr die Jüngsten. Es gäbe zwar einen barrierefreien Zugang, aber mit dem Rollator könnte es hier schon etwas eng werden – je nach dem wie viele es von unserer Sorte hier hat…»

Lifestyle-Magazine: auch für die Männerwelt?

Schön, dass es die beiden mit Humor nehmen, aber zugegeben: Einigermassen fit müsste man schon sein angesichts der rund 2000 Quadratmeter grossen Bibliotheksfläche. Selbst im vergleichsweise kleinen Café St-Gall, das seinerseits ebenfalls zum Stöbern einlädt: Es ist nämlich von mehreren, mit Zeitungen behangenen Metallkonstruktionen umgeben. Und da hängt ganz ordentlich was: das «Tagblatt» in all seinen Regionalausgaben natürlich, aber auch Wochenzeitungen wie die «WoZ» oder die «Zeit», aus Frankreich der «Figaro» oder der «Canard enchainé», daneben der Englische «Guardian» und noch vieles mehr. Ausserdem befindet sich im hinteren Teil eine breite Palette an Monats- und Wochenzeitschriften jeglicher Couleur.

Selbstverständlich massen wir uns nicht an, über deren Zusammensetzung zu urteilen, doch etwas irritierte dann doch ein wenig: Die «Annabelles», «Brigittes» und «Emmas» dieser Welt sind alle unter schön dem Label «Lifestyle» einsortiert. Gäbe es in dieser Sparte nicht auch die eine oder andere Männerzeitschrift zu entdecken?

 

saitenstonePS: Man soll sich ja bekanntlich in Bescheidenheit üben, aber diesen Schulterklopfer gestatten wir uns ausnahmsweise, schliesslich gleicht es einem Ritterschlag: Die Bibliotheksmacherinnen und -macher haben der Saiten-Printausgabe den begehrenswerten Platz links vom «RollingStone» zugestanden. Dank dafür! <3

PS 2: Ein herzlicher Dank geht an dieser Stelle auch an den freundlichen Herrn beim Entrée – dafür dass er den lieben langen Tag dort gestanden hat, um die Bibliotheksbesucherinnen und -besucher unermüdlich auf die gut getarnte Stufe zu ihren Füssen aufmerksam zu machen. Chapeau.

 

 

arabisch

Teil der Auswahl im Café St-Gall: eine Frauenzeitschrift aus dem arabischen Raum

 

Weitere Infos: bibliosg.ch

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01