Das gleich vorweg: Hätte es dort immer so viele Leute, wäre das Bibliotheks-Provisorium in der Hauptpost St.Gallen definitiv kein Ort zum ungestörten Verweilen. In diesem Fall war es jedoch ganz erfreulich, dass es zwischen den Bücherregalen und daneben, im Café St-Gall, zeitweise ganz schön eng wurde. So gehört sich das, wenn irgendwo «Tag der offenen Tür» draufsteht. Und schliesslich waren es ja ebendiese zahlreich erschienenen Stimmberechtigten, die sich 2012 mit rund 10’700 Stimmen so ausdrücklich für die «Bibliotheksinitiative» ausgesprochen hatten (daraufhin hat der Kantonsrat das Bibliotheksgesetz verabschiedet und die Initiative wurde zurückgezogen). Insofern kann man nur festhalten: Schön, dass dieser Wunsch nachhaltig war und das Interesse auch zweieinhalb Jahre später noch so beachtlich ist.
Die «Büchermühle» in der Nordhalle
«Das ist ja heimeliger als ich gedacht hätte», befand eine ältere Dame, als sie mit zwei Kindern an der Hand die letzten paar Stufen zum Eingang erklomm. Trotzdem: So richtig gemütlich wollte es nicht werden bei all dem jungen und alten Gewusel in der Hauptpost. Das liegt wohl nicht zuletzt auch an ihrer Infrastruktur, die eine leicht industrielle Atmosphäre versprüht. Wer auf lauschige Ecken, Leselampen und gepolsterte Sessel hofft, ist in der grosszügig geschnittenen, hellen Hauptstadt-Bibliothek tendenziell fehl am Platz. Der Ort erinnert eher an eine Art «Rösslitor ohne Kaufzwang» und ist, wie auch Regierungsrat Martin Klöti am Donnerstagabend bei der VIP-Eröffnung sagte, ein Schritt Richtung Public Library – eine analoge und gleichermassen moderne Informationszentrale, die allen offen steht.
Faust auf Albanisch und die Uzwiler Dorfchroniken
Klar, das fachspezifische oder fremdsprachige Sortiment kann immer noch ein bisschen grösser, ein bisschen aktueller oder umfassender sein. Aber hey; Goethes Faust (eins & zwei) auf Albanisch; das findet man in einer Standard-Leihbücherei vergleichsweise doch relativ selten. Und gleich daneben steht ein meterhohes Sortiment mit chinesischer, russischer, tamilischer, italienischer, serbischer oder arabischer Literatur. Dafür konsultiert man in der Regel spezialisierte Bibliotheken. Und was bestimmte Themen angeht sowieso; Migration und Interkulturalität beispielsweise, Surrealistische Strömungen im zeitgenössischen Film oder meinetwegen auch osmanische Heraldik im späten Mittelalter. Das alles gibt es in der Hauptpost zu entdecken – nebst unzähligen CD’s, DVD’s, Mikrofilmen, Special-Interest-Magazinen und Tageszeitungen aus aller Welt.
Die Leitern im Turmzimmer laufen auf Schienen und sind verstellbar. Wer schlechte Augen hat, dürfte allerdings Mühe haben, die Buchtitel in den obersten Regalen ohne Leiter zu entziffern.
Schön ist: Trotz der offensichtlich grossen Liebe für den Rest der Welt ist auch die Ostschweiz prominent vertreten. Damit ist nicht etwa das «Wortlaut»-Regal mit den aktuellen Publikationen seiner Festival-Gäste gemeint, sondern das rot bespannteppichte Turmzimmer im hinteren Teil der Nordhalle – eines der Highlights und zugleich der wohl gemütlichste aller Räume. Dort sind die «Sangallensien» zu finden, sprich alte und neue Werke von St.Galler Autorinnen und Autoren, aber auch andere Publikationen, die sich auf den Kanton beziehen. Das können handgeschriebene Bürgerverzeichnisse aus dem vorletzten Jahrhundert sein, irgendwelche Uz-, Fla- oder Andwiler Dorfchroniken, Literatur aus der Region, Lyrik oder auch Sachbücher wie zum Beispiel jenes über die Geschichte des Espenmoos. «Eine wahre Fundgrube», so das Fazit eines jungen Studenten.
Suppen, Snacks und Selbstbedienung
Das Turmzimmer lädt also definitiv zum Stöbern und Verweilen ein, auch wenn der Platz dort wohl oder übel etwas beschränkt ist. Doch verweilen kann man, wie es sich gehört für eine gut ausgestattete Bibliothek, natürlich auch in den anderen Räumen. Überall hat es Sitzgelegenheiten, die Randbereiche zwischen Fensterfront und Büchermassen sind fast durchgehend von grauen Tischen umsäumt. Obwohl: Sind es wirklich wie angekündigt insgesamt 100 Arbeitsplätze? Irgendwie macht es nicht den Anschein. Man müsste das mal in Ruhe nachprüfen, in einigen Wochen vielleicht, wenn der Verkehr in den Hallen nicht mehr ganz so rege und der Alltag langsam eingekehrt ist…
Und für jene, die lieber in Gesellschaft schmökern, gibt es ja immer noch das bibliothekseigene Café St-Gall, wo es zwar Suppen und Snacks, aber keinen Alkohol gibt – dafür aber tipptoppe Brownies zum Kaffee. «Ganz fantastische sogar», versicherte uns ein betagtes Ehepaar augenzwinkernd. «Nur schade, dass man den Kaffee selber holen muss an der Bar. Wir sind halt auch nicht mehr die Jüngsten. Es gäbe zwar einen barrierefreien Zugang, aber mit dem Rollator könnte es hier schon etwas eng werden – je nach dem wie viele es von unserer Sorte hier hat…»
Lifestyle-Magazine: auch für die Männerwelt?
Schön, dass es die beiden mit Humor nehmen, aber zugegeben: Einigermassen fit müsste man schon sein angesichts der rund 2000 Quadratmeter grossen Bibliotheksfläche. Selbst im vergleichsweise kleinen Café St-Gall, das seinerseits ebenfalls zum Stöbern einlädt: Es ist nämlich von mehreren, mit Zeitungen behangenen Metallkonstruktionen umgeben. Und da hängt ganz ordentlich was: das «Tagblatt» in all seinen Regionalausgaben natürlich, aber auch Wochenzeitungen wie die «WoZ» oder die «Zeit», aus Frankreich der «Figaro» oder der «Canard enchainé», daneben der Englische «Guardian» und noch vieles mehr. Ausserdem befindet sich im hinteren Teil eine breite Palette an Monats- und Wochenzeitschriften jeglicher Couleur.
Selbstverständlich massen wir uns nicht an, über deren Zusammensetzung zu urteilen, doch etwas irritierte dann doch ein wenig: Die «Annabelles», «Brigittes» und «Emmas» dieser Welt sind alle unter schön dem Label «Lifestyle» einsortiert. Gäbe es in dieser Sparte nicht auch die eine oder andere Männerzeitschrift zu entdecken?
PS: Man soll sich ja bekanntlich in Bescheidenheit üben, aber diesen Schulterklopfer gestatten wir uns ausnahmsweise, schliesslich gleicht es einem Ritterschlag: Die Bibliotheksmacherinnen und -macher haben der Saiten-Printausgabe den begehrenswerten Platz links vom «RollingStone» zugestanden. Dank dafür! <3
PS 2: Ein herzlicher Dank geht an dieser Stelle auch an den freundlichen Herrn beim Entrée – dafür dass er den lieben langen Tag dort gestanden hat, um die Bibliotheksbesucherinnen und -besucher unermüdlich auf die gut getarnte Stufe zu ihren Füssen aufmerksam zu machen. Chapeau.
Teil der Auswahl im Café St-Gall: eine Frauenzeitschrift aus dem arabischen Raum
Weitere Infos: bibliosg.ch
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