«Ich steh’ auf Kunst.» Zahlreiche Besucher:innen der letztjährigen Olma konnten das von sich sagen, wenn nicht im übertragenen Sinn, dann mit Sicherheit im wörtlichen: Ein bunter Teppich lud ein, ihn zu betreten, darauf zu stehen und zu entdecken. Collageartig zusammengefügt waren darauf Bilder aus der Sammlung des Open Art Museums zu sehen.
Erstmals überhaupt war an der Olma somit ein Kunstmuseum mit einer Sonderausstellung präsent. Bewusst wurden die Kunstwerke nicht konventionell an die Wand gehängt, sondern in Form eines begehbaren Teppichs möglichst zugänglich für alle gestaltet. Dieser wurde von Studierenden und Ehemaligen der Höheren Fachschule für Gestaltung am GBS St.Gallen entworfen, unter der Leitung von Markus Pawlick, Lehrgangsleiter HF Produktdesign.
Eingebettet in die Originale
Fünf Monate später kann die Teppich-Collage erneut betreten werden. Dieses Mal im Open Art Museum selbst. Unter dem Titel «Stranger Than Paradise» wird der am Boden ausgerollte Teppich mit weiteren Werken an der Wand und im Raum ergänzt. Einerseits handelt es sich dabei um Originale der Bilder auf dem Teppich, andererseits um weitere Arbeiten aus der Sammlung, welche die Ausstellung in thematischer Hinsicht ergänzen. Landschaften, Blumen, Tiere und Liebespaare sind wiederkehrende Motive. Mit ihren paradiesischen Szenerien, farbenfrohen, teils grossformatigen Werken bildet diese Ausstellung auch eine Art Gegenpol zur vorangegangenen über «verborgene Schätze aus Schweizer Psychiatrien».
Trotzdem erzählen die biografischen Angaben der nun präsenten Künstler:innen oft von einem harten, von Armut, physischer oder psychischer Krankheit geprägten Leben, das im Gegensatz zum Paradiesischen steht. Der Ausstellungstitel macht explizit aufmerksam auf Irritierendes, Befremdliches und Absurdes, das im Zusammenspiel der Werke, aber auch innerhalb einzelner Arbeiten zu finden ist.
Auf dem Teppich steht zum Beispiel ein übergrosser Hund von Margarete (1906–1969) mitten in der unbetitelten Alpauffahrt (1987) von Konrad Zülle (1918–1988), aus der zusätzlich eine Kuh über den Rand ins nächste Bild zu entfliehen scheint. Emil Graf (1901–1980) schafft in seinen Ölbildern durch fein ausgeführte Blumen eine Tiefe ohne Fluchtpunkt-Perspektive, während die in der geschaffenen Landschaft stehenden Figuren befremdlich flach und vergleichsweise grob wirken.
Zwischen Gegensätzen
Die Ausstellung, die von einer Publikation begleitet wird, bewegt sich bewusst zwischen Gegensätzen, wie die Museums-leiterin Monika Jagfeld erklärt. Das Fremde in scheinbar Vertrautem wird ersichtlich, ebenso wie sich das Paradies selbst als Konstrukt des Fremden entpuppt. Fremd bedeutet unbekannt und dadurch unerreichbar, was eine ungebrochene Faszination auslöst. Das Motiv des Paradieses ist ein universelles kulturgeschichtliches Konzept und wiederkehrendes Thema in der Naiven Kunst und der Art Brut.
Links vom Bild ohne Titel von Cornelia Simon-Bach (1941–2018) führt ein offener Durchgang ins Kabinett. Auf dem Gemälde zu sehen ist ein kreisförmiges Labyrinth und ein schmaler Ausschnitt eines geschlossenen Gartens: Der «Hortus Conclusus» verweist auf eine lange Bildtradition und wird häufig als Symbol von Reinheit verwendet. Thematisch führt uns dieses Gemälde zur Rauminstallation im abgedunkelten Kabinett: Hortus Conclusus heisst das Werk der Textilforscherin Thessy Schoenholzer Nichols, 1955. Eine Gruppe filigraner Miniaturgärten dreht sich im Kreis und entfaltet durch ihr Schattenspiel ihre Wirkung über die eigene physische Form hinaus. Die Installation verwandelt das Kabinett in einen Ort der Kontemplation.
«Stranger Than Paradise» vermittelt kein einheitliches Bild des Paradieses, sondern vielmehr eine Collage individueller Bildwelten, womit wir wieder beim Teppich und Ausgangspunkt der Ausstellung angelangt sind. Im Rahmen der Begleitanlässe wird der Teppich beziehungsweise Wunschstücke davon öffentlich versteigert. Es ist somit auch nach der Finissage am 7. Juni noch möglich, «auf Kunst zu stehen».
«Stranger Than Paradise»: bis 7. Juni, Open Art Museum, St.Gallen.
openartmuseum.ch