, 6. Oktober 2017
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Che lebt!

Ein Wink mit Sympathie, zum 50. Todestag die Tagebücher des Revolutionärs aller Revolutionäre wiederzulesen. von Daniel Fuchs

Ernesto Guevara, 9. Mai 1964

1967 ist ein heisses Jahr: Die USA kämpfen in Vietnam, in Europa formieren sich die Studentenbewegungen, besetzen Universitäten, protestieren in den Strassen. Die Hippies machen auf «Flower Power», die Beatles veröffentlichen im Frühjahr mit Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band das erste Konzeptalbum der Popmusikgeschichte, am 8. Oktober ergibt sich Ernesto «Che» Guevara den bolivianischen Streitkräften und wird am folgenden Tag, am Nachmittag des 9. Oktober, erschossen.

Die Reise mit dem Motorrad

Ernesto Guevara de la Serna wird am 14. Juni 1928 im argentinischen Rosario geboren. Er ist ein aufgewecktes Kind, hat einen umtriebigen Vater und eine Mutter, die er liebt und immer zärtlich als «viejita» anredet. Er studiert Medizin und ist abenteuerlustig. 1951 bricht er mit seinem Motorrad, Norton Modell 18, zu einer Reise durch südamerikanische Länder auf. Sein Tagebuch aus dieser Zeit zeigt einen hellen Blick für die sozialen Verhältnisse, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten.

1964 erlebt Ernesto in Guatemala den Sturz der Regierung Arbenz und gerät erstmals auf den Radar der nordamerikanischen CIA. Von dort reist er nach Mexiko, wo es zur schicksalhaften Begegnung mit Raul und Fidel Castro kommt. Eine Handvoll Mannen invadieren mit der «Granma» Kuba, besetzen den Osten des Landes und erreichen mit grossartiger Unterstützung der Landbevölkerung 1959 Havanna. Ein emphatischer Sieg der kubanischen Revolution.

Der Traum vom «Neuen Menschen»

Che wird von Castro als Industrieminister eingesetzt, später als Leiter der kubanischen Zentralbank. In beidem ist er an den Realitäten gescheitert.

Die neue kubanische Regierung schickt ihn auf Mission. Er spricht vor der UNO, amtet als Botschafter. Er ist aber auch einer, der zugreift; ist sich nicht zu gut, in Fabriken, auf Zuckerrohrfeldern zu arbeiten. Er ist ein Idealist und glaubt an den «Neuen Menschen». Man sagt ihm nach, er sei mit absolutem Gerechtigkeitsinn ausgestattet gewesen. Das ist richtig. Und ja, er war für den bewaffneten Kampf. Aber: Ein Machtmensch war er nie.

50. aniversario de su muerte – Doppellesung mit Pablo Haller & Daniel Fuchs:
27. Oktober, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau

1963 ist wohl ein Wendepunkt: Auf der Konferenz von Algier kritisiert Guevara die Sowjetunion. Das führt zu Konflikten mit Fidel. 1964 tritt «Che» von allen öffentlichen Ämtern zurück, gibt seinen kubanischen Pass ab – und verschwindet, einmal mehr, als Geschäftsmann verkleidet; Richtung Afrika. Auch im Kongo (1965) wird er, der organisierte Revolutionär, am afrikanischen Klima (als Asthmatiker) und an der afrikanischen Wirklichkeit scheitern.

Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams

«An welchem Ort uns der Tod auch überraschen mag, er sei willkommen, wenn unser Kriegsruf nur aufgenommen wird und eine andere Hand nach unseren Waffen greift und andere Menschen bereit sind, die Totenlieder mit Maschinengewehrsalven und neuen Kriegs- und Siegesrufen anzustimmen», notiert er in seinen Notizen zu Theorie und Methode der Guerilla.

In Bolivien glaubt er die Zeit reif für eine weitere Revolution. Eine Gruppe von Kämpfern, die er führt, beginnt mit dem Widerstand. Sie sprechen kein Quechua. Eine erste Fehleinschätzung. Am Ende müssen sich die «Compañeros», verraten von einen einheimischen Indio, ergeben (oder rechtzeitig fliehen). Die Mission scheitert.

Ich bin der «Che»

Der meistgesuchte Guerillero lässt sich, ausgezehrt, festnehmen und wird am folgenden Tag von einem angetrunkenen Soldaten der bolivianischen Armee auf Geheiss der CIA liquidiert. Die Fotos des toten «Che» kursieren in der Weltpresse. Die Hände werden abgeschnitten und zur Demonstration nach Havanna geschickt. Erst 1997 werden die sterblichen Überreste in einem Grab am Rande eines Flugfeldes in La Higuera identifiziert und mit Pomp nach Kuba überführt.

Fotoausstellung Che – Die ersten Jahre: 19. Oktober bis 4. November, Buchhandlung Comedia St.Gallen. Vernissage und Lesung mit Natalie Benelli: 19. Oktober, 20 Uhr
comedia-sg.ch

Wohl keine historische Persönlichkeit wurde so verklärt, heroisiert, mythologisiert wie der «Che». Kaum jemand, der das Konterfei nicht kennt. Bis heute bedient sich jede Widerstandsbewegung an dessen Logo. Jean-Paul Sartre nannte ihn gar den «vollkommensten aller Menschen». Bei Wikipedia heisst es lapidar: Che Guevara, Marxistischer Revolutionär. Kennerinnen und Kenner wissen mehr, etwa dass er die französische Literatur liebte (Baudelaire kannte er auswendig) und ein klarer Analyst und brillianter Redner war.

Nach Havanna fliegen

Ernestos jüngerer Bruder Juan Martín Guevara hat das, von der Familie Guevara selbstauferlegte 50-jährige Schweigen nun gebrochen und zeichnet mit Mein Bruder Che ein sehr privatimes Portrait des zum Mythos stilisierten Revolutionärs. Seine Erinnerungen, aus dem Familienarchiv geöffnete Briefwechsel und auch geschichtliche Dokumente fügen sich zu einer neuen und überraschenden Sicht zusammen.

Havanna 1959: Die Familie Guevara besucht nach dem Sieg der kubanischen Guerilleros die Insel. Ein stürmisches Wiedersehen. Bolivien 2014: Juan Martín Guevara reist erstmals an jenen Ort, an dem man seinen Bruder Ernesto hingerichtet hat, und ist abgestossen vom kultigen Devotionalienhandel vor Ort. (Ende 2007 sollen, gemäss Wikipedia, für eine Haarlocke und Fingerabdrücke sowie weitere Dokumente der Festnahme 120’000 US-Dollar geboten worden sein).

Die Familie Guevara tat sich mit ihrem Erbe immer wieder schwer. Ches Mutter wurde wegen politischer Aktivitäten verfolgt, sein jüngerer Bruder Juan Martín während der argentinischen Militärdiktatur über acht Jahre eingekerkert.

Am 22. September 2017 las Ches Tochter Aleida Guevara March im Volkshaus Zürich. Die gelernte Kinderärztin outete sich als treue Botschafterin ihres Vaters, als kämpferische Stimme gegen die durch die Globalisierung beschleunigte Verarmung der lateinamerikanischen Länder.

Die bolivianische Regierung verordnet nun im Oktober fünftägige Staatsfeierlichkeiten. So verändern sich die politischen Landschaften… Der Mythos «Che» bleibt ungebrochen.

Aleida Guevara March am 22. September im Volkhaus Zürich

Che Guevara:
Das magische Gefühl unverwundbar zu sein, Lateinamerika-Reise 1953-56, Kiepenheuer & Witsch
Cubanisches Tagebuch, Pahl-Rugenstein
Der afrikanische Traum, «Kongo-Tagebücher», Kiepenheuer & Witsch
Bolivianisches Tagebuch, Pahl-Rugenstein

Juan Martín Guevara:
Mein Bruder Che, Tropen 2017

René Lechleiter (Hg.):
Che – Die ersten Jahre, Verlag 8. Mai, 2017

Paco Ignacio Taibo II:
Che – Die Biografie, Nautilus

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