Die eher nebensächliche Frage vorweg: Wieso bekommt man nicht in jedem Club etwas zu essen? Es muss ja nicht gerade die superspicy Pizza aus dem Steinofen sein, wie im Gare de Lion in Wil, der ehemaligen Remise, aber einen kleinen Happen verträgt man doch immer nach dem Feiern. Und er beugt dem Kater vor.
In Wil war ich am Samstagabend vor allem aus zwei Gründen. Wegen Landon Wordswell, einem talentierten MC aus San Francisco und Eugene, und wegen den Artifacts, der 1988 gegründeten Rap-Crew aus New Jersey, bestehend aus DJ Kaos, Tame One und El Da Sensei. Letztere haben nur gerade zwei Alben zusammen veröffentlicht, Between A Rock And A Hard Place 1994 und That’s Them drei Jahre später.
Scheiss auf den Graben zwischen Bühne und Publikum
Warum ich eine bald 30 Jahre alte Crew sehen wollten, obwohl sie seit 20 Jahren nichts Neues mehr gebracht haben ausser Soloalben? Weil Artifacts mich verlässlich in meine Jugend zurückkatapultieren, ohne dabei müde (sprich geldgeil) zu wirken.
Und weil ich die drei letzten September dank einem glücklichen Zufall in Linz live gesehen habe, in der wunderbaren KAPU, zusammen mit Ed O.G., Reks und ein paar jüngeren MC’s. Das war ein wirklich fantastischer Abend. Nach vier Stunden Vollgas sind wir buchstäblich alle verschwitzt übereinandergelegen, eine Trennung von Bühne und Publikum hat von Anfang an nicht wirklich existiert.
Im Gare de Lion am Samstag war das etwas anders, nicht zuletzt wegen der Dimensionen. In Linz waren wir vielleicht 50 Leute, in Wil hatte es über 200. Das Konzert war wohl auch darum etwas strukturierter, aber wie erwartet mehr als solid. El Da Sensei und Tame One, mittlerweile 45 und 47 Jahre alt, wirkten zwar etwas gar routiniert, müssen sich aber definitiv nicht vorwerfen lassen, nicht alles zu geben.
Die Stimmung war jedenfalls sehr nice und die Raps mehrheitlich on Point. Und sie spielten nicht nur husch ihre grössten paar Hits (Wrong Side Of The Tracks, C’mon Wit Da Get Down, The Ultimate), sondern auch Solosachen und zwei Tracks, die sie kürzlich mit jüngeren Rappern aufgenommen haben.
Womit wir bei Landon Wordswell sind. Viel kannte ich nicht von ihm, aber DAS hab ich rauf und runtergespielt vergangene Woche. Sechs Minuten Hardcore-Flow. Wow. Und natürlich wollte ich wissen, ob er das live auch wirklich so bringt.
Hat er. Und wie. Leider startete der Abend aber so dermassen schweizerisch pünktlich, dass ich nur noch gerade diesen und einen anderen Track zu hören bekam, als wir etwa um viertel nach zehn im Gare de Lion eintrafen. Henu. Stark war er trotzdem, der Wordswell. Und wie wir uns haben sagen lassen, hält auch er nicht viel von der Trennung zwischen Bühne und Publikum: Den Anfang machte er mitten unter den Gästen, in einem grossen Kreis.
Solid, aber nicht wirklich zeitgenössisch
Danach war Prop Dylan an der Reihe. Der Rapper aus Schweden war schon mehrmals in unserer Gegend, sein Sound entspricht jedoch nur bedingt meinem Geschmack. Raptechnisch hat er sich zwar verbessert, seit er das letzte Mal in Wil war, aber die Beats klingen zu sehr nach Looptroop und etwas ältelig, auch wenn er einige neue Sachen mitbrachte. Nicht falsch verstehen: Das schwedische Paket ist durchaus verhebig. Nur klingt es halt wie Rap von vor 20 Jahren, und in diesem Stil hat man vieles auch schon besser gehört.
#Saitenfährtein in Wil und mehr zum Gare de Lion: hier.
Aber wer bin ich schon. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden, und dem Publikum hat es gefallen, so dass die Stimmung bestens war, als DJ Kaos, Tame One und El Da Sensei an der Reihe waren. Einziges Manko, die Afterparty danach: Da wurden einmal mehr zu viele Standards à la Hip Hop Hooray, Simon Says et al. serviert. Dabei hätte die Rap-Welt doch so viel mehr zu bieten. Aber das Retro-Phänomen ist eine eigene Geschichte. Mehr dazu dann im Maiheft von Saiten.
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