Als Anja Kofmel vom Tod ihres Cousins Christian Würtenberg erfährt, ist sie zehn Jahre alt. Immer hat sie ihn bewundert, den grossen Christian, der stets zum Scherzen aufgelegt war und umgeben von Zigarettenrauch: dem Geruch von Abenteuer. «Alle sprachen von deinem Tod – und ich war stolz, deine Cousine zu sein.»
Am 6. Oktober 1991 steigt Christian Würtenberg in den Zug nach Jugoslawien. Als freiberuflicher Kriegsreporter reist er nach Zagreb und von dort immer wieder an die Front im Osten und Süden Kroatiens. Er berichtet vor allem für Radio 24. Nach einigen Monaten schliesst sich der junge Schweizer einem Freiwilligen-Bataillon an, dem Prvi internationalni vod (PIV). Wenige Wochen später wird seine Leiche auf einem Feld nahe dem Dorf Ernestinovo in Slawonien gefunden. Würtenberg wurde erwürgt.
Ein Vierteljahrhundert danach steigt auch Anja Kofmel in den Zug. Auf der Suche nach Cousin Chrigis Schicksal. Sie kennt nur Bruchstücke seiner Geschichte. Aus Würtenbergs Notizbüchern, die mit seiner Leiche in die Schweiz überstellt wurden, sind die letzten Seiten herausgerissen. Kofmels Reise wird zur Odyssee des Verstehenwollens: Was hat Würtenberg am Krieg fasziniert? Wieso ist er einer Freiwilligentruppe beigetreten? Und wer hat schliesslich den Schal zugezogen, bis Chris nicht mehr atmete?
Neben historisches Fernsehmaterial und Aufnahmen von ihrer Zeit in Kroatien reiht Kofmel animierte Sequenzen. Diese zeigen Christian in Anjas Vorstellung. Wie er zum Spass einen Hund anknurrt. Wie er trotz Verdunkelung in Zagreb eine Zigarette raucht. Wie er mitten im Gefecht Radio 24 anrufen will. In diesen Bildern sehen wir kindliche Bewunderung, aber auch Sinnleere und das immerwährende Verderben im Krieg. Dazu starke Metaphern: Von einem kleinen Kind, das Chris behutsam in die Hand nimmt, bleibt Blut, das zwischen den Fingern hindurch ins Leere tropft. Der Tod zieht in Gestalt eines säuselnden schwarzen Insektenschwarms durch Felder, Städte und Köpfe. Das Böse wird zum Bildrauschen.
Rechtsextreme mit Freude am Töten
Im Dezember 1991 schliesst sich Würtenberg der internationalen Freiwilligentruppe PIV an und wird vom Reporter zum Kämpfer. Im Film zitierte Journalisten beschreiben den PIV als Gruppe Rechtsextremer aus aller Herren Länder, die Freude am Töten haben. Bezahlt von rechten Parteien, sollen sie den Vormarsch der Serben stoppen. Dabei massakrieren sie Zivilisten, töten Frauen und Kinder. «Wie kann man nur eine Pistole nehmen und ein Baby erschiessen, das gerade gestillt wird?», fragt der ehemalige Söldner und PIV-Ausbildner Alejandro Hernandez rhetorisch. Denn genau solche Gräuel seien begangen worden. Auf beiden Seiten. «Es war ein schmutziger Krieg.»
Berichten zufolge oszilliert Würtenberg zwischen der Rolle des Kämpfers und der des Reporters. Das sorgt innerhalb des PIV für Konflikte. Und als bekannte wird, dass Christian Würtenberg zu Tode stranguliert worden ist, haben befreundete Journalisten denselben Verdacht: PIV-Anführer Eduardo Rósza-Flores, alias Chico, soll den Mord in Auftrag gegeben haben.
Chris the Swiss: 14. September 20 Uhr Premiere im Kinok St.Gallen, Regisseurin Anja Kofmel im Gespräch mit Marcel Elsener
kinok.ch
Dieser Chico war eine schillernde Figur: Der Sohn bolivianischer Kommunisten – sein Vater soll Che Guevara nahe gestanden haben – floh mit seinen Eltern nach dem Sturz Salvador Allendes aus Chile nach Ungarn. In Minsk liess er sich an der KGB-Akademie ausbilden und arbeitete später für den ungarischen Geheimdienst. Nach Kroatien kam er als Journalist, legte seine Neutralität aber sehr schnell ab, wie er vor der Kamera sagte. Als strenger Katholik zwang er seine Kämpfer zum Gebet. Würtenberg versuchte zu beweisen, dass Chico von Opus Dei finanziell unterstützt wurde. Nach dem Krieg erhielt Flores die kroatische Staatsbürgerschaft und kehrte nach Budapest zurück. Im Jahr 2009, 17 Jahre nach Würtenbergs Tod, wurde er von einer Spezialeinheit der bolivianischen Polizei erschossen. Er soll ein Attentat auf den Präsidenten Evo Morales geplant haben.
Der Bürgerkrieg als rotes Tuch
In Kroatien hat Anja Kofmels erster Langzeitfilm schon Wellen geworfen, bevor er fertiggestellt war. Veteranen und Nationalisten warfen den Produzenten – der Film ist von Samirs Dschoint Venture und der Kroatischen Firma Nukleus Film produziert – vor, den Krieg der 1990er in ein falsches Licht zu rücken. Hauptkritikpunkt war, dass im Film vom jugoslawischen Bürgerkrieg die Rede ist. Ein heisses Eisen in Kroatien, denn die Deutungshoheit über den Konflikt der 1990er Jahre ist gewissermassen verstaatlicht. Offiziell hat der Krieg, mit dem sich Kroatien aus dem damals von serbischen Nationalisten beherrschten jugoslawischen Staatenkonstrukt löste, nur einen Namen: «Domovinski rat» (Heimatkrieg). In der Verfassung ist er definiert als «gerecht», «legitim», «defensiv» und «befreiend».
Der Begriff des Bürgerkriegs, wonach Angehörige desselben Staates gegeneinander kämpfen, passt nicht in den kroatischen Deutungsmainstream. Wie viel Staub aufwirbelt, wer ihn dennoch in den Mund nimmt, zeigt das Beispiel des Fernsehmoderators Aleksandar Stanković. Im November 2017 hatte er in seiner Talk-Sendung «Nedjeljom u 2» einen Veteranen gefragt, ob die Tatsache, dass dieser im Krieg als ethnischer Serbe auf der Seite der Kroaten gekämpft habe und sein Bruder, der ebenfalls das kroatische Bürgerrecht hatte, auf Seite der Serben, nicht darauf hindeute, dass der Krieg in Kroatien Elemente eines Bürgerkrieges aufweise. Veteranenorganisationen forderten daraufhin Stankovićs Absetzung. Und das staatliche Fernsehen distanzierte sich öffentlich von seinem Moderator.
Ähnliches widerfuhr den Machern von Chris the Swiss. Zwar beteiligte sich die kroatische Filmförerung am Projekt, verzichtete aber in Cannes auf die Kolaudation, verweigerte Chris the Swiss also den offiziellen Segen. Zuvor hatte die Stadt Zagreb abgelehnt, das Projekt zu unterstützen. Anja Kofmel beteuerte derweil in kroatischen Medien, dass es ihr nicht darum ging, mit ihrem Film in Kroatien jemanden zu beleidigen.
Man mag es ihr glauben. Denn «Chris the Swiss» ist kein Film über den Krieg oder Schuld. Sondern über die Geschichte eines jungen Schweizers, der in den Krieg zog.
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