, 14. September 2022
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Cluster unter Kronleuchter

Nach dem Klangrausch im Frauenbad nun Resonanz und Rauschen im Kirchhoferhaus: Das vierte Konzert der St.Galler Reihe contrapunkt.new art music stand im Zeichen der Kontraste und einer Erstaufführung von Charles Uzor. Von Barbara Camenzind

Durchkomponierte Gründerzeitpracht im Stickereibaron-Salon trifft auf zeitgenössische Töne: Die Klang-Bild-Schere war eindrücklich, jedoch schnell überwunden. Das durchdachte Konzertprogramm, betitelt «Qualia, Klang, Resonanz und Rauschen», mit dem KammarensembleN, den ausgewiesenen Neue-Musik-Experten aus Schweden, spielte lust- und spannungsvoll mit Raum und Gegensätzen. Und zum Schluss auch mit Verbindungen.

Ächzen im Klanggebälk

Was ist das Coole an Konzerten mit Zeitgenössischer Musik? Die Komponisten sind meistens noch höchst lebendig und spielen sogar mit. So auch Posaunist Ivo Nilsson (*1966)  in seiner Rapidità (2014) für Ensemble. Wie Flügelschlagen federten die Streicherbögen ihre Geräuschpatterns durch den Raum, die allmählich in eine rhythmische Struktur finden, um in der Harfe kurz konsonant aufzublitzen, dann von den Bläsern wieder in die Offenheit, das Ächzen, das Geräuschhafte getragen zu werden. Nilssons feinziselierte Achterbahnfahrt durch die Welt der Töne wirkte wie ein Hör-Kaleidoskop, dem man fasziniert folgte.

So wirkte Jessie Cox‘ Existence lies in-between (2017) für Ensemble fast wie ein Schwesterstück, obwohl der 1995 geborene Komponist deutlich jünger ist. Die geschwätzige, lärmige Textur der Bläser mit ihrem unvermittelten Anfang erzeugten eine Art unterschwellige Wut. Das ist hungrige neue Musik, die durch die präzise Führung von Dirigent Christian Karlsen eine plastische Form bekam. Die Wechsel zwischen hohen Flageoletts, Peter Fridholms wortreicher Flöte, Obertönen und Pausen sponnen das Unerhörte in den Köpfen der Zuhörenden weiter, deren Atem zum Schluss in aller Stille ins Dirigat mit einbezogen wurden.

Aus der Dunkelheit ins Licht

Klang ist Reibung, erzeugt Reibung. A swarm came in from the dark (2014) von Jenny Hettne für Solovioline und sechs Instrumente faszinierte durch seine Radikalität, in die Solist Jeff Lee an der Geige und seine Mitmusizierenden eintauchten. Was im Nirgendwo begann, sich zu zartesten lyrischen Bögen, Reibungsknoten verband, verschwand auch so zauberhaft wieder im Nichts.

Besonders eindrücklich gestaltete sich hier das Zusammenspiel von Solist und Laura Stephenson an der Harfe. Ein Stück, eine lyrische Beute, die irgendwie an die chladnischen Klangfiguren erinnerten, die bei Schwingung entstehen und vergehen können.

Ins buchstäbliche Herz der Töne entführte das Publikum an diesem Sonntagnachmittag Posaunist Nilsson mit Pauline Oliveros (1932-2016) Heart of Tones für Posaune und Oszillatoren, das sich ganz dem Obertonspektrum, dem Bordun, der Mitte allen Klanges annäherte. Das war der Zen-Moment in diesem Konzert.

Komponieren ist auch Beziehungsarbeit

Am Schluss des Konzerts stand Qualia. Charles Uzor hat das dreisätzige Werk für KammarensembleN geschrieben. Entstanden zwischen 2019 und 2022, war es in dieser Form zum ersten Mal in St.Gallen zu hören. Uzors innere Auseinandersetzung mit dem Wesen der Verbundenheit und der Resonanz von Empfindungen entpuppte sich als gelungenes Hörerlebnis zu genau diesen Fragen. Der St. Galler Komponist ist ein sehr guter Handwerker in der Tradition der klassischen Moderne, mit offenem Herzen für die Gegenwart.

Dieses Spannungsfeld zwischen klug gebautem Tonsatz, spannenden Serien und seiner Art der Ton-Dichtung wirkte organisch, leicht, etwas schwermütig und zutiefst berührend. Gerade dann, wenn Uzor die Harfe ihr zauberhaftes Lied singen liess in diesem Raum zwischen Cluster und Kronleuchter, der zu einer Zeit gebaut wurde, als die Töne heimlich beschlossen, sich auf die Reise jenseits von Dur und Moll zu begeben.

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