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Comic-Stipendium: Warum St.Gallen aussteigt

Die Stadt St.Gallen zahlt nicht mehr an das Deutschschweizer Comic-Stipendium. Die 10'000 Förderfranken jährlich könne man besser lokal einsetzen. Verständlich, aber schade, sagt Zeichnerin Lika Nüssli, die 2016 den Hauptpreis gewonnen hatte.
Von  Peter Surber
Zeichnung: Freddie Gaffa

«Nach fünf Jahren beendet St.Gallen die Partnerschaft mit Luzern, Zürich und Basel aufgrund geringer Anzahl Bewerbungen.» So steht es in der Mitteilung der städtischen Kulturförderung von letzter Woche. St.Gallen zieht damit nach, was zuvor bereits Winterthur und Bern mit ähnlicher Begründung getan hatten: den Austritt aus dem 2014 von damals noch sechs Deutschschweizer Städten initiierten Förderinstrument.

Das Stipendium umfasst einen Förderpreis und einen Hauptpreis im Gesamtbetrag von 30’000 Franken. In den Vorjahren hatten jeweils sechs Künstlerinnen und Künstler ihre Dossiers eingereicht, 2018 waren es weniger, heisst es bei Fumetto, dem Luzerner Festival, das die Comicstipendien betreut.

Zuwenig aus St.Galler Sicht, sagt Barbara Affolter, Co-Leiterin der städtischen Kulturförderung auf Anfrage. Zugleich sei nämlich die Zahl von Projekteingaben von Comicschaffenden in der Stadt gestiegen. Nach fünf Jahren sei man daher zur Einsicht gekommen, dass die 10’000 Franken statt national besser lokal eingesetzt werden sollen. Wenn die Kulturgelder wie im Fall der Stadt knapp sind, engagiere man sich natürlicherweise eher für eigene, lokale Förderprojekte als für überregionale Kooperationen.

«Ein Qualitätssiegel»

Einerseits: Schade, sagt Barbara Affolter. Wer das Stipendium gewinne, profitiere von der nationalen Aufmerksamkeit. In der Jury sitzen jeweils auch internationale Experten; entsprechend wahrgenommen werden die Gewinnerinnen und Gewinner. Schade, findet auch Lika Nüssli, die im Jahr 2016 den Hauptpreis errungen hatte. «Man erhält mit dem Stipendium einen Stempel, ein Qualitätssiegel».

Der Preis sei für sie, obwohl sie zuvor schon in der «Comicfamilie» gut vernetzt war, eine kräftige Anerkennung gewesen und habe ihr weitere Türen geöffnet. Im März dieses Jahres erschien das Buch Vergiss Dich Nicht, mit dem sie zwei Jahre zuvor das Stipendium gewonnen hatte. Und im April malte sie live im Theater Luzern zur Schweizer Erstaufführung von Elfriede Jelineks Schatten (Eurydike sagt).

Aus: Vergiss Dich Nicht.

Den Austausch über die Stadtgrenzen hinaus nennt Barbara Affolter als weiteren Pluspunkt des Stipendiums. Ansporn bei der Gründung war es gerade, in Kooperation mit anderen Städten das Comicschaffen zu fördern und den Comic als Kunstform einem breiteren Publikum bekanntzumachen. Über den eigenen Tellerrand zu schauen: Das sei geglückt, und die Anbindung des Preises an das Luzerner Fumetto-Festival garantierte zusätzliche Aufmerksamkeit.

Andrerseits sind mit Luzern, Basel und Zürich Städte beteiligt, in denen die Sparte ein hohes Renommee hat, wo die Ausbildungsstätten stehen und wo auf höchstem Niveau gezeichnet wird – entsprechend hart war die Konkurrenz bei der Jurierung. 2016 etwa, als Lika Nüssli den Preis gewann, sassen mit dem Italiener Lorenzo Mattotti und der Zürcherin Anna Sommer zwei Künstler mit internationalem Rang in der Jury, dazu die Museumsdirektorin Nadine Wietlisbach und der Comic-Journalist Urs Hangartner.

«In unseren Augen sind die Comic-Stipendien ein zentrales Instrument, das Medium in der Schweiz zu fördern und künstlerisch hochstehende Projekte möglich zu machen», sagt die Presseverantwortliche des Fumetto, Geesa Tuch. «Anders als bei anderen Kunstformen gibt es für Comicschaffende wenige Töpfe, obwohl diese in der Schweiz Fantastisches hervorbringen. Der Ausstieg von St.Gallen heisst unmittelbar, dass weniger Zeichnerinnen und Zeichner die Möglichkeit haben, sich zu bewerben.» Für die Betroffenen in St.Gallen sei das mehr als schade.

Hinzu komme: «Die überwiegende Zahl der Stipendiaten hat inzwischen Bücher zu ihren Projekten veröffentlicht, einige waren im Ausland für Preise nominiert. Solche Erfolge sind nur möglich, wenn man sich für eine gewisse Zeit auf sein Projekt konzentrieren kann.»

Geld frei – wofür?

Immerhin: Die 10’000 Franken sind nicht weg, sondern liegen nach dem Entscheid zusätzlich im Fördertopf für freie Projekte der Stadt. Sparten-Kassen gebe es nicht, daher sei auch dieser Betrag nicht reserviert für Comics, aber man werde ein besonderes Augenmerk darauf legen, wenn gute Projekte vorhanden seien, sagt Barbara Affolter.

Dass jedenfalls gute Leute da sind, bestätigen alle Befragten: Es gibt das Gaffa-Kollektiv und die Reihe Drink&Draw in der Militärkantine. Das Kulturbüro der Migros bietet Zeichnerinnen und Zeichnern regelmässig Platz in seinen Schaufenstern, das Kunstmuseum lädt zum Zeichnen mit Lika Nüssli, auch Saiten pflegt die Sparte mit Beiträgen von Dario Forlin und anderen jungen Zeichnern. Am Wortlaut-Festival sind Comic und Graphic Novel ein fester Bestandteil des Programms.

Und es gibt allen voran die Buchhandlung Comedia, die seit Jahrzehnten auf Comics spezialisiert ist und «ohne die der Comic in der Ostschweiz ausgestorben wäre», wie Lika Nüssli sagt.

Wohin jetzt also mit den 10’000 Franken? Lika Nüssli wüsste eine Antwort: als symbolischer Anschub für einen Comic-Lehrgang, um die St.Galler Comicszene weiter zu fördern. «Schade, dass die Stadt auf halber Strecke aufgibt, wo doch bald die Jungen nachkommen.»

Dario Forlins Illustration zum Schreibwettbewerb Literaturland 2018 von Appenzell Ausserrhoden.

 

 

 

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