Aus aktivistischer Sicht ist die Pandemie eine echte Herausforderung. Aktivismus lebt von der Masse, gerade die Fridays for Future, wo ich aktiv bin. Es war uns von Anfang an klar, dass wir uns zurücknehmen – aus Solidarität. Dennoch war es schwierig, weil wir genau im März 2020, als der erste Lockdown kam, im Endspurt für den Strike for Future waren. Das wäre eine riesige Aktion geworden. Wir mussten das ganze Projekt, an dem wir acht Monate lang gearbeitet hatten, absagen.
Getroffen haben wir uns weiterhin regelmässig. Die Bewegung ist international vernetzt, darum sind wir uns virtuelle Treffen gewohnt. Rasch haben wir unsere Aktivitäten in den Sozialen Medien verstärkt. Schwieriger war die Frage, wie wir ohne Demos Sichtbarkeit und Öffentlichkeit schaffen. Wir haben dann unter anderem eine Schilder- und Plakataktion in verschiedenen europäischen Städten lanciert, so auch in Bern. Leider hat die Polizei auf diese Aktion sehr hart reagiert. Auch in St.Gallen wurden mehrere Klimastreikerinnen vorgeladen, weil sie am Gallusplatz die Plakate eingesammelt hatten, um sie nach Bern zu bringen – obwohl alles coronakonform abgelaufen ist.
Am 19. März streiken im Rahmen des internationalen Streiktages Aktivist*innen auf der ganzen Welt für Klimagerechtigkeit. Auch in St.Gallen gibt es einen Sitzstreik: ab 12. Uhr, Marktgasse St.Gallen
Zeichen setzen, damit die Klimakrise nicht vergessen geht
Im August waren dann wieder zwei Aktionen in St.Gallen möglich: eine Velodemo und eine Laufdemo gegen die Teilspange am Güterbahnhof. Wenig später hat auch die Besetzung des Bundesplatzes in Bern stattgefunden, wo ich ebenfalls vor Ort war. Uns war bewusst, dass das ein potenzieller Superspeader-Event ist, darum haben wir die Sicherheitsmassnahmen sehr gewissenhaft eingehalten. Alle trugen Masken und hielten Abstand – ausser im letzten Moment der Räumung. Aber da muss man eng zusammensitzen, sonst hat die Polizei leichtes Spiel.
Diese Besetzung war uns sehr wichtig. Wir wollten ein Zeichen setzen, damit die Klimakrise nicht vergessen geht. Sie wird immer noch akut sein, wenn die Coronakrise vorbei ist. Das Virus ist temporär, das Klima ist ein langfristiges Thema und darf nicht in den Hintergrund rücken. Dass die Politik nur noch mit Corona beschäftigt ist, macht der Klimabewegung grosse Sorgen, denn wir sind unter massivem Zeitdruck. Die kommenden zehn Jahre sind entscheidend – darum haben wir letztes Jahr den Climate Action Plan (CAP) lanciert. Das war ein grosser Schritt für uns und «dank» Corona hatten wir auch die nötige Zeit, ihn aufgrund von akademischen Grundlagen fundiert auszuarbeiten.
Das Problem der mangelnden Aufmerksamkeit konnten wir dennoch nicht lösen bis jetzt. Im Moment sind die Klimagruppen sehr regional organisiert und setzen auf kleine Aktionen, aber es laufen diverse, auch internationale Hintergrundaktivtäten. Derzeit stellen wir uns gar nicht die Frage, wann wir wieder streiken können, sondern wie wir mit anderen Mitteln Aufmerksamkeit erregen können. Selbst wenn Demos irgendwann wieder legal sind, muss man sie nicht um jeden Preis pushen – auch weil viele ältere Leute, sprich Risikogruppen an unseren Streiks teilnehmen. Diese wollen wir nicht ausschliessen. Auch die Jüngeren sind eine Herausforderung: Bei uns an der Kanti am Burggraben etwa hat der Klimastreik kaum mehr Bedeutung. Alle wissen zwar, was es ist, aber die neuen Jahrgänge haben noch nie einen Streik miterlebt und können sich dadurch auch schlecht damit identifizieren. Das macht es schwer, die Dynamik der Bewegung aufrecht zu erhalten.
Der Kontakt zum Ausland fehlt
Mir persönlich fehlt vor allem der Kontakt zu den Aktivistinnen und Aktivisten im Ausland. Ich habe mich darum sehr gefreut, als im Herbst 2020 wiedermal eine internationale Aktion möglich war und ich mit anderen nach Köln zu «Ende Gelände» gereist bin. Es war schön, diese Kontakte etwas aufzupäppeln und mich mit anderen auszutauschen. Corona ist ein Bremsklotz. Es tut gut, zu sehen, dass auch die anderen immer noch da und immer noch aktiv sind. Das ist auch wichtig für die Nachhaltigkeit der Bewegung.
Nicht nur als Klimaaktivistin ist diese Zeit enorm spannend, auch als Antifaschistin musste ich eine neue Sichtweise üben. Plötzlich ploppten Demos von Impfgegnerinnen und Verschwörungstheoretikern auf, die ein «Ende der Pandemie» fordern. Manche davon sympathisieren auch mit dem Klimastreik. Eine egozentrische, diffuse Bewegung. Anfangs dachten wir, das seien einfach Esoterikerinnen, aber dann mussten wir erkennen, dass diese Leute durchaus organisiert und standhaft sind. Sie sind nicht rechtsextrem, zeigen aber gefährliche Tendenzen und sind beeinflussbar.
Das hat eine neue Sparte Aktivismus aufgetan, denn man muss Verschwörungstheorien etwas entgegensetzen – aufklären, aufklären, aufklären. Vor Corona waren diese Menschen keine Gefahr für die Gesellschaft, viele kommen aus der Mitte, es könnte meine Grossmutter sein. Aber wenn sie Seite an Seite mit Nazis laufen, wie es in anderen Ländern der Fall ist, werden sie zu einer.
Miriam Rizvi, 2001, beendet im Sommer die Kanti und will danach Soziologie studieren. Sie lebt in St.Gallen.
Notiert von Corinne Riedener.
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.