Am Donnerstag, 7. Mai, hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga auf der Berner Allmend drei Sommerlinden gepflanzt, gemeinsam mit Nationalratspräsidentin Isabelle Moret und Ständeratspräsident Hans Stöckli. Die drei Bäume sollten in den kommenden Jahrzehnten an die ausserordentliche Session von National- und Ständerat zur Corona-Pandemie erinnern.
Unter jedem der drei 12- bis 15-jährigen Jungbäume ist eine Tafel mit einer Inschrift befestigt: «Gemeinsam können wir wachsen. Gemeinsam können wir gestärkt aus der Krise herauskommen», liest man da, je einmal auf Deutsch, Französisch und Italienisch.
Die drei Bäume sollen ein Dank an alle Engagierten und Leidenden in der Coronakrise sein, heisst es in den offiziellen Verlautbarungen. Sie sollen ein Symbol sein für Standhaftigkeit, Unterstützung und Solidarität zwischen Behörden und Bevölkerung, die in dieser Krise gut funktioniert hätten.
Das ist alles stimmig, richtig und wichtig – zweifellos. Man spürt aber auch ein bisschen das PR-Handbuch heraus: «Bäume pflanzen ist immer gut. Das kommt bei den Leuten gut an.» Was wurden in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten allein in der Schweiz alles für Gedenkbäume gepflanzt – zu Krieg und Frieden, Menschen und Ereignissen, Problemen und Utopien.
Könnte man all diese Eichen, Buchen, Linden und Tannen zu einem Wald zusammenfügen: Es wäre ein wirklich beeindruckender Wald. Und bei jedem Baum würden ehrliche Anliegen und Wünsche mitschwingen. Ziemlich gross wäre allerdings auch der Wald von Gedenkbäumen, die kaum mehr beachtet werden. Ihre Botschaften interessieren schlicht nicht mehr, sind vergessen gegangen.
Bäumen vertraut man gerne Erinnerungen an
Warum sind gerade Bäume als Erinnerungsträger so populär? Warum sind sie für Strassennamen oder bronzene Denkmäler eine ersthafte Konkurrenz? Bäume faszinieren uns postmoderne Zeitgenossinnen und Zeitgenossen durch ihre Langlebigkeit und ihre Robustheit. Und all das leisten sie an dem Ort, wo ihr Wachstum begonnen hat. Sie können sich nie davon machen und einen besseren Standort suchen, müssen Dürre und Kälte, Stürme, Vandalismus oder Umweltverschmutzung einfach durchstehen.
Das macht uns Menschen Eindruck, seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden. Solchen Pflanzen, nein: solchen Lebewesen, vertraut man gern die Erinnerung an wichtige Menschen, Ereignisse oder Themen an. Man ist irgendwie überzeugt: Solange diese Bäume stehen, wachsen und sich behaupten, solange werden auch diese Anliegen lebendig sein, und diese Erinnerungen.
Das gilt auch für die ausserordentliche Session von Nationalrat und Ständerat zur Corona-Pandemie von diesem Mai. Und doch: In der Corona-Krise reichen diese Gedenklinden auf der Berner Allmend bei weitem nicht. Es würde auch nicht helfen, wenn in vielen andern Gemeinden der Schweiz solche Bäume gepflanzt würden. Das alles würde nicht reichen.
Einnerung an die eigene «Sorgfaltspflicht»
Wichtiger wäre, dass man sich in seinem eigenen Innern einen solchen Gedenkbaum pflanzt, in seiner eigenen Seele. Warum? Man muss in dieser Pandemie wirklich Acht auf sich selber geben: Wie komme ich gut durch diese schwierige Zeit, unbeschadet an Körper, Geist und Seele?
Und man muss auch die Menschen in seinem Umfeld im Auge haben. Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen in persönliche Schwierigkeiten und existenzielle Nöte geraten können. Da ist es wichtig, dass man mit Wort und Tat beisteht, soweit das eben möglich ist.
Das Bäumchen in der eigenen Seele erinnert an diese «Sorgfaltspflicht» gegenüber sich und seinen Mitmenschen. Wenn man ihm nicht schaut, kann es verkümmern oder eingehen.
Vor allem aber weist dieses Bäumchen in die Zukunft: Diese Wochen bieten wichtige Erlebnisse und Eindrücke, regen zu wirklich wichtigen Diskussionen, Gedanken und Einsichten an. Das Rad von Alltag und Gewohnheit, von Hyperaktivismus, Konsum und Mobilität, Hektik und Lärm ist brüsk verlangsamt, steht oft sogar still. Die Systeme, in denen man sich sonst mehr oder weniger routiniert bewegt, offenbaren schonungslos ihre Schwachstellen. Sachzwänge und scheinbar alternativlose Realitäten zeigen ihre fragwürdigen Seiten.
Das betrifft die Wirtschaft und die Politik genauso wie die Gesellschaft oder das Gesundheitswesen. Die Corona-Pandemie «ackert» viel auf. Das soll nicht einfach verwehen, soll nicht zu einer Neuauflage des «Fukushima-Effektes» werden.
Das soll im eigenen Denken, Fühlen und Handeln, im Wahrnehmen der Welt Wurzeln schlagen – damit etwas Neues, Lebensdienliches und Zukunftsträchtiges wachsen kann. Für eine bessere Zukunft, eine bessere Welt. Darum also: Pflanzt auch in euren eigenen Seelen Corona-Bäume. Dort sind sie noch viel wichtiger als auf der Berner Allmend oder einem Dorfplatz irgendwo im Schweizer Mittelland. Pflanzt sie und tragt ihnen Sorge.
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