Cruise Ship Misery bitten zum (vor-)letzten Tanz

Nach zehn Jahren ist Schluss: Das Spoken-Pop-Duo Cruise Ship Misery hat seinen Abschied angekündigt. Unter anderem deshalb, weil es vom heutigen Musikbusiness desillusioniert ist. Vor dem Ende gibt es noch zwei Konzerte – eines davon diesen Freitag im Palace.

Seit 2024 sind Cruise Ship Misery zu dritt unterwegs: Sarah Elena Müller (links), Milena Krstić und Johannes Werner. (Bild: Sibilla Semadeni)

«2016–2026 … u itz? Crui­se Ship Mi­se­ry sa­gen tschüss, aber nicht oh­ne one two letz­te, war­me Ein­la­dun­gen zum Un­ter­gang.» So be­ginnt ei­ne Nach­richt, die am Sonn­tag per Whats­app rein­flat­ter­te. Noch zwei Kon­zer­te spielt das Spo­ken-Pop-Duo – die aus Am­den stam­men­de Au­torin und Mu­si­ke­rin Sa­rah Ele­na Mül­ler, de­ren De­büt­ro­man Bild oh­ne Mäd­chen 2023 für den Schwei­zer Buch­preis no­mi­niert war, und die Ber­ner Mu­si­ke­rin Mi­le­na Krs­tić ali­as Mi­le­na Pa­ta­gô­nia –, dann ist Schluss. Der vor­letz­te Auf­tritt fin­det die­sen Frei­tag am März­fest im St.Gal­ler Kul­tur­lo­kal Pa­lace statt, der letz­te am Sonn­tag im Hei­mat­ha­fen Bern. 

Buntes Märzfest

Nach der Erst­aus­tra­gung im ver­gan­ge­nen Jahr lädt das Pa­lace an die­sem Wo­chen­en­de zum zwei­ten März­fest ein. An zwei Aben­den tre­ten je­weils sechs Mu­si­ker:in­nen, Bands und DJs auf. Das Pro­gramm ist so bunt wie ei­ne Früh­lings­wie­se und bie­tet von ar­ri­vier­ten Acts bis zu we­ni­ger be­kann­ten Na­men ei­nen span­nen­den Mix.

Er­öff­net wird das März­fest am Frei­tag mit der «gros­sen Be­sen­wa­gen­tour». Die­se be­ginnt um 17.45 Uhr beim Neu­markt und führt über den Paul-Grü­nin­ger-Platz, den Bä­ren­platz und den Blu­men­markt be­zie­hungs­wei­se das Uni­on-Ge­bäu­de zum Pa­lace. Die 15-köp­fi­ge Grup­pe T-Squad be­glei­tet die­sen Um­zug mu­si­ka­lisch mit ih­rer Mi­schung aus Klez­mer und Pop. An al­len Sta­tio­nen fin­den ge­mäss An­kün­di­gung «über­ra­schen­de In­ter­mez­zi» statt. 

Das Live­mu­sik­pro­gramm be­ginnt um 19.30 Uhr mit dem Auf­tritt von Nor­bert Mös­lang. Der St.Gal­ler Künst­ler gibt nach län­ge­rer Pau­se wie­der­mal ein So­lo­kon­zert im Pa­lace. Der 73-Jäh­ri­ge ist ein Pio­nier der elek­tro­ni­schen Mu­sik und mit sei­nen Klang­tüf­te­lei­en bis heu­te prä­gend. In­no­va­tiv ist auch das Ber­ner Duo Crui­se Ship Mi­se­ry. Au­torin Sa­rah Ele­na Mül­ler und Mi­le­na Krs­tić ali­as Mi­le­na Pa­ta­go­nia kre­ieren ei­ne pri­ckeln­de Mi­schung aus re­tro­fu­tu­ris­ti­schem Elek­tro­pop und Spo­ken Word. Eli­as Røn­nen­felt, Sän­ger der dä­ni­schen Post-Punk-Band Iceage, zau­bert der­weil ei­nen ci­ne­as­ti­schen Sound zwi­schen Rock, Trip-Hop und Folk ins al­te Ki­no. Ei­ne spe­zi­el­le Stil­mi­schung ser­viert auch Sa­mi Gal­bi. Der Lau­san­ner Mul­ti­in­stru­men­ta­list ver­bin­det in sei­nem tanz­ba­ren Sound die tra­di­tio­nel­len nord­afri­ka­ni­schen Mu­sik­sti­le Raï und Chaâ­bi mit Hip-Hop, House oder Reg­gae­ton. Der Auf­tritt der aus­tra­li­schen Doom-Me­tal-Band Di­vi­de And Dis­sol­ve um 20.15 Uhr dürf­te der Hö­he­punkt des ers­ten März­fest­tags sein. Die­sen be­schliesst DJ Ni­kak. Die Bri­tin spielt Drum ’n’ Bass, Dub­step, Grime & Co.

Am Sams­tag gibt es zur Ein­stim­mung ab 16 Uhr die ers­te Pa­lace-Fo­to­sa­fa­ri. Die­se «führt zu Ecken, die die Stadt präg­ten, ge­prägt ha­ben könn­ten oder es viel­leicht noch wer­den». Am Abend geht es dann mit den Kon­zer­ten wei­ter: Um 20 Uhr stat­tet Kæry Ann mit ei­nem neu­en Al­bum im Ge­päck dem Pa­lace ei­nen Be­such ab. Die Mu­si­ke­rin aus Rom kre­iert ein fieb­ri­ges Ge­bräu aus Psych Folk, Stoner und Doom. Tat­um Rush aus Lau­sanne spielt Pop mit R&B- und Dis­co-Ein­flüs­sen. Aus­ser­ge­wöhn­lich ist, dass Ar­mand Ham­mer den Weg nach St.Gal­len fin­den – Bil­ly Woods und Elu­cid ge­hö­ren zu den in­no­va­tivs­ten Köp­fen der New Yor­ker Hip-Hop-Sze­ne. Ein Ge­heim­tipp ist hin­ge­gen der St.Gal­ler Mi­li­an Mo­ri. Sei­ne Mu­sik ist ein sinn­über­grei­fen­des Klang­er­leb­nis, das sich kaum in Wor­te fas­sen lässt. Eto aus Bern dürf­ten mit ih­rem ex­plo­si­ven Hip-Hop die al­ten Pa­lace-Ge­mäu­er er­zit­tern las­sen, ehe Zu­bey­da Mu­zey­y­en ali­as DJ Ha­ram, auf de­ren So­lo­de­büt (und viel­leicht auch auf der Pa­lace-Büh­ne?) Bil­ly Woods und Elu­cid rap­pen, den Schluss­punkt setzt. (dag)


März­fest: Frei­tag, 27. März, und Sams­tag, 28. März, Pa­lace, St.Gal­len. 
pa­lace.sg

Mit ih­rer so fas­zi­nie­ren­den wie ir­ri­tie­ren­den Mi­schung aus re­tro­fu­tu­ris­ti­schem Elek­tro­pop und Spo­ken Word hat­ten Crui­se Ship Mi­se­ry die Schwei­zer Mu­sik­sze­ne be­rei­chert. Ih­re bei­den Al­ben Ur­teil (2019) und Brut­to In­land Net­to Su­per Clean (2024) wa­ren klei­ne Kunst­wer­ke, in de­nen man sich ver­lie­ren konn­te. Nach dem Re­lease des zwei­ten Al­bums, das als Buch mit Down­load­code er­schie­nen war, kam Jo­han­nes Wer­ner als Schlag­zeu­ger hin­zu, zu dritt wa­ren be­reits ers­te neue Songs ent­stan­den. Was sind nun die Grün­de für das plötz­li­che Aus? 

Die Hä­fen wer­den we­ni­ger

Es sei ei­ne «kom­ple­xe Ge­menge­la­ge», sagt Sa­rah Ele­na Mül­ler. «Ei­ner der Haupt­grün­de ist, dass ich des­il­lu­sio­niert bin vom der­zei­ti­gen Zu­stand der Mu­sik­bran­che.» Mit Crui­se Ship Mi­se­ry hät­ten sie oh­ne­hin nie viel Geld ver­dient, das sei auch nie das Ziel ge­we­sen. Aber seit der Co­ro­na­pan­de­mie ha­be sich die fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on der klei­ne­ren Kon­zert­lo­ka­le, der «Hä­fen» der Band, ver­schärft. Die­sen Druck be­kä­men die Mu­si­ker:in­nen oft di­rekt zu spü­ren, was zwar ver­ständ­lich sei, aber auch schwie­rig. So­loacts wür­den auf­grund der tie­fe­ren Ga­ge eher ge­bucht, und Crui­se Ship Mi­se­ry sei­en live so­gar zu viert – ne­ben Jo­han­nes Wer­ner ist an den Kon­zer­ten Se­bas­ti­an Ta­ck­mann als «Über­tit­ler» da­bei.

In der Kon­zert­bran­che herr­sche der­zeit «ei­ne sehr tris­te Stim­mung», sagt Mül­ler, die das Boo­king von Crui­se Ship Mi­se­ry sel­ber macht. «Man trifft im Kon­zert­lo­kal ein und be­kommt von den Ver­an­stal­ter:in­nen als ers­tes er­zählt, wie schlecht es läuft. Das ging teil­wei­se so weit, dass sie uns schon Mo­na­te im Vor­aus wö­chent­lich die Vor­ver­kaufs­zah­len schi­cken und von uns er­war­ten, die Kon­zer­te of­fen­si­ver zu be­wer­ben.» Das sei le­gi­tim, und sie kön­ne nicht ein­fach sa­gen, es sei nicht ihr Pro­blem, wenn am Schluss zu we­nig Ti­ckets ver­kauft sei­en. «Als Mu­si­ke­rin kann ich nicht so tun, als ob es die­se Not­si­tua­ti­on für die Ver­an­stal­ter:in­nen nicht gä­be und es mein Recht wä­re, ir­gend­wo auf­zu­tre­ten. Ich ha­be Skru­pel zu­zu­sa­gen, wenn sich für ein Kon­zert­lo­kal we­gen un­se­res Kon­zerts von An­fang an ein Mi­nus ab­zeich­net.» 

Der ge­mein­sa­me Weg ga­belt sich 

Ein wei­te­rer Grund für den Ab­schied ist je­doch auch, dass sich Sa­rah Ele­na Mül­ler und Mi­le­na Krs­tić nicht mehr ei­nig wa­ren, wo sie ih­re En­er­gie rein­ste­cken sol­len, um Crui­se Ship Mi­se­ry vor­wärts zu brin­gen – man könn­te es auch «un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen über die Mar­ke­ting­stra­te­gie» nen­nen. Wäh­rend Krs­tić stets auch auf die so­zia­len Me­di­en setzt, um ih­re Mu­sik be­kann­ter zu ma­chen und dann den nächs­ten Schritt zu ge­hen, woll­te Mül­ler lie­ber an neu­em Ma­te­ri­al ar­bei­ten, völ­lig los­ge­löst von der Fra­ge, ob es «auf­merk­sam­keits­öko­no­misch» Sinn macht oder nicht. «Mir sind die so­zia­len Me­di­en ein Graus. Und ich glau­be auch nicht dar­an, dass uns die­se On­line-Welt ret­ten wird. Wir ver­die­nen eh kein Geld mit der Mu­sik, al­so ma­chen wir doch das, was uns Spass macht.» 

Der Be­trieb bie­te mo­men­tan nicht mehr die Vor­aus­set­zun­gen für Bands von der Grös­se wie Crui­se Ship Mi­se­ry, fin­det Krs­tić . «Ein Al­bum auf­zu­neh­men, dann Pro­mo da­für zu ma­chen und ei­ne Tour zu bu­chen – klar könn­ten wir das ma­chen. Aber wir sind ei­ne Live-Band, so sind wir ent­stan­den, und wenn zu we­nig Men­schen an die Kon­zer­te kom­men … wo soll un­se­re Mu­sik dann ge­hört wer­den?» Strea­ming­platt­for­men funk­tio­nier­ten für ih­re Band näm­lich nicht, er­gänzt Mül­ler: «Das Strea­ming-Busi­ness be­lohnt vor al­lem Sin­gles, nicht Al­ben. Und wir steck­ten im­mer viel Herz­blut in un­se­re Al­ben, weil wir sie als Ge­samt­erleb­nis se­hen.»  

Aus dem Cha­os zu­rück ins Cha­os 

Wie de­fi­ni­tiv der «Un­ter­gang» von Crui­se Ship Mi­se­ry ist, kom­me auch dar­auf an, wie sich die in­di­vi­du­el­len We­ge der bei­den Ka­pi­tä­nin­nen ent­wi­ckel­ten, sagt Mül­ler. Sie selbst zie­he es mo­men­tan in Rich­tung Li­te­ra­tur und «mu­si­ka­li­sches Schrei­ben»: Im Au­gust er­scheint ihr zwei­ter Ro­man Un­wucht, sie schrei­be ei­ne Oper und be­gin­ne mit der Ar­beit am drit­ten Buch. 

Und rund um Crui­se Ship Mi­se­ry ge­be es «ei­ne klei­ne Ma­fia von Leu­ten», die wei­ter­hin mit­ein­an­der ar­bei­ten wer­de: Mit Lu­ca Sche­nar­di, der das Be­gleit­buch zu Brut­to In­land Net­to Su­per Clean il­lus­triert hat­te, ar­bei­tet Mül­ler der­zeit an ei­ner Gra­phic No­vel. Jo­han­nes Wer­ner wird bei Mi­le­na Pa­ta­gô­nia mit­wir­ken. Und sie kön­ne sich vor­stel­len, mit Mar­kus Me­ne­zen ali­as Don­nie Darkso­me, der das De­büt pro­du­ziert hat­te, künf­tig «im Stu­dio her­um zu ner­den», sagt Mül­ler. «Mu­sik wird im­mer ein Teil mei­nes Le­bens blei­ben. Nur Au­torin sein, das wür­de mich ein­schlä­fern.» 

(Bild: David Fürst)

Für Crui­se Ship Mi­se­ry en­det die Rund­fahrt so, wie sie vor zehn Jah­ren be­gon­nen hat: «Wir ha­ben da­mals in be­setz­ten Häu­sern un­se­re ers­ten Kon­zer­te ge­spielt, und jetzt spie­len wir un­ser letz­tes Kon­zert wie­der in ei­nem be­setz­ten Haus», sagt Sa­rah Ele­na Mül­ler. «Wir ge­hen zu­rück dort­hin, wo wir her­ge­kom­men sind. Aus dem Cha­os zu­rück ins Cha­os. Das fühlt sich rund an.» Und hof­fent­lich kä­men dann ge­nug Freund:in­nen, um den To­ten­tanz wür­dig zu be­ge­hen. Was na­tür­lich auch für das Kon­zert im Pa­lace gilt. 


Crui­se Ship Mi­se­ry live am März­fest: Frei­tag, 27. März, 21.20 Uhr, Pa­lace (Ga­ra­ge), St.Gal­len. 
crui­se­ship­mi­se­ry.net

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