«2016–2026 … u itz? Cruise Ship Misery sagen tschüss, aber nicht ohne one two letzte, warme Einladungen zum Untergang.» So beginnt eine Nachricht, die am Sonntag per Whatsapp reinflatterte. Noch zwei Konzerte spielt das Spoken-Pop-Duo – die aus Amden stammende Autorin und Musikerin Sarah Elena Müller, deren Debütroman Bild ohne Mädchen 2023 für den Schweizer Buchpreis nominiert war, und die Berner Musikerin Milena Krstić alias Milena Patagônia –, dann ist Schluss. Der vorletzte Auftritt findet diesen Freitag am Märzfest im St.Galler Kulturlokal Palace statt, der letzte am Sonntag im Heimathafen Bern.
Mit ihrer so faszinierenden wie irritierenden Mischung aus retrofuturistischem Elektropop und Spoken Word hatten Cruise Ship Misery die Schweizer Musikszene bereichert. Ihre beiden Alben Urteil (2019) und Brutto Inland Netto Super Clean (2024) waren kleine Kunstwerke, in denen man sich verlieren konnte. Nach dem Release des zweiten Albums, das als Buch mit Downloadcode erschienen war, kam Johannes Werner als Schlagzeuger hinzu, zu dritt waren bereits erste neue Songs entstanden. Was sind nun die Gründe für das plötzliche Aus?
Die Häfen werden weniger
Es sei eine «komplexe Gemengelage», sagt Sarah Elena Müller. «Einer der Hauptgründe ist, dass ich desillusioniert bin vom derzeitigen Zustand der Musikbranche.» Mit Cruise Ship Misery hätten sie ohnehin nie viel Geld verdient, das sei auch nie das Ziel gewesen. Aber seit der Coronapandemie habe sich die finanzielle Situation der kleineren Konzertlokale, der «Häfen» der Band, verschärft. Diesen Druck bekämen die Musiker:innen oft direkt zu spüren, was zwar verständlich sei, aber auch schwierig. Soloacts würden aufgrund der tieferen Gage eher gebucht, und Cruise Ship Misery seien live sogar zu viert – neben Johannes Werner ist an den Konzerten Sebastian Tackmann als «Übertitler» dabei.
In der Konzertbranche herrsche derzeit «eine sehr triste Stimmung», sagt Müller, die das Booking von Cruise Ship Misery selber macht. «Man trifft im Konzertlokal ein und bekommt von den Veranstalter:innen als erstes erzählt, wie schlecht es läuft. Das ging teilweise so weit, dass sie uns schon Monate im Voraus wöchentlich die Vorverkaufszahlen schicken und von uns erwarten, die Konzerte offensiver zu bewerben.» Das sei legitim, und sie könne nicht einfach sagen, es sei nicht ihr Problem, wenn am Schluss zu wenig Tickets verkauft seien. «Als Musikerin kann ich nicht so tun, als ob es diese Notsituation für die Veranstalter:innen nicht gäbe und es mein Recht wäre, irgendwo aufzutreten. Ich habe Skrupel zuzusagen, wenn sich für ein Konzertlokal wegen unseres Konzerts von Anfang an ein Minus abzeichnet.»
Der gemeinsame Weg gabelt sich
Ein weiterer Grund für den Abschied ist jedoch auch, dass sich Sarah Elena Müller und Milena Krstić nicht mehr einig waren, wo sie ihre Energie reinstecken sollen, um Cruise Ship Misery vorwärts zu bringen – man könnte es auch «unterschiedliche Auffassungen über die Marketingstrategie» nennen. Während Krstić stets auch auf die sozialen Medien setzt, um ihre Musik bekannter zu machen und dann den nächsten Schritt zu gehen, wollte Müller lieber an neuem Material arbeiten, völlig losgelöst von der Frage, ob es «aufmerksamkeitsökonomisch» Sinn macht oder nicht. «Mir sind die sozialen Medien ein Graus. Und ich glaube auch nicht daran, dass uns diese Online-Welt retten wird. Wir verdienen eh kein Geld mit der Musik, also machen wir doch das, was uns Spass macht.»
Der Betrieb biete momentan nicht mehr die Voraussetzungen für Bands von der Grösse wie Cruise Ship Misery, findet Krstić . «Ein Album aufzunehmen, dann Promo dafür zu machen und eine Tour zu buchen – klar könnten wir das machen. Aber wir sind eine Live-Band, so sind wir entstanden, und wenn zu wenig Menschen an die Konzerte kommen … wo soll unsere Musik dann gehört werden?» Streamingplattformen funktionierten für ihre Band nämlich nicht, ergänzt Müller: «Das Streaming-Business belohnt vor allem Singles, nicht Alben. Und wir steckten immer viel Herzblut in unsere Alben, weil wir sie als Gesamterlebnis sehen.»
Aus dem Chaos zurück ins Chaos
Wie definitiv der «Untergang» von Cruise Ship Misery ist, komme auch darauf an, wie sich die individuellen Wege der beiden Kapitäninnen entwickelten, sagt Müller. Sie selbst ziehe es momentan in Richtung Literatur und «musikalisches Schreiben»: Im August erscheint ihr zweiter Roman Unwucht, sie schreibe eine Oper und beginne mit der Arbeit am dritten Buch.
Und rund um Cruise Ship Misery gebe es «eine kleine Mafia von Leuten», die weiterhin miteinander arbeiten werde: Mit Luca Schenardi, der das Begleitbuch zu Brutto Inland Netto Super Clean illustriert hatte, arbeitet Müller derzeit an einer Graphic Novel. Johannes Werner wird bei Milena Patagônia mitwirken. Und sie könne sich vorstellen, mit Markus Menezen alias Donnie Darksome, der das Debüt produziert hatte, künftig «im Studio herum zu nerden», sagt Müller. «Musik wird immer ein Teil meines Lebens bleiben. Nur Autorin sein, das würde mich einschläfern.»
(Bild: David Fürst)
Für Cruise Ship Misery endet die Rundfahrt so, wie sie vor zehn Jahren begonnen hat: «Wir haben damals in besetzten Häusern unsere ersten Konzerte gespielt, und jetzt spielen wir unser letztes Konzert wieder in einem besetzten Haus», sagt Sarah Elena Müller. «Wir gehen zurück dorthin, wo wir hergekommen sind. Aus dem Chaos zurück ins Chaos. Das fühlt sich rund an.» Und hoffentlich kämen dann genug Freund:innen, um den Totentanz würdig zu begehen. Was natürlich auch für das Konzert im Palace gilt.
Cruise Ship Misery live am Märzfest: Freitag, 27. März, 21.20 Uhr, Palace (Garage), St.Gallen.
cruiseshipmisery.net