Wir fahren auf einer endlosen Holperpiste an unzähligen Kokospalmen vorbei bis zum äussersten Zipfel einer Landzunge, wo uns ein staubiges Dörfchen erwartet. Hier säumen zahlreiche Palapas – Hütten mit Palmendächern – eine Lagune. In der allerletzten Palapa treffen wir auf ein paar Reisende und einen Fischer, den alle El Tigre nennen. Tigre lädt uns sturzbetrunken, aber sehr freundlich ein, so lange bei ihm zu leben, wie wir wollen. Geld verlangt er keines, allenfalls etwas Mithilfe beim Wasserschleppen für WC und Küche.
Der Platz liegt wunderschön zwischen Lagune und Meer. Gleich gegenüber rollen perfekte Wellen gleichmässig und langsam Richtung Strand. Fische jagen so zahlreich nach den Unmengen an Minishrimp, dass die Wasseroberfläche der Lagune regelmässig schäumt. In der Nacht verwandelt leuchtendes Plankton das Wasser bei jeder Bewegung in einen glitzernden Teppich aus tausend blauen Punkten.
Es ist Februar 2019, ziemlich genau ein Jahr bevor unser Sohn Tim in Kolumbien zur Welt kommen wird. Wir stellen unseren VW-Bus mit Jahrgang 1987 neben drei andere Vans und verweilen sieben Wochen in der paradiesischen Laguna de Chacahua an der Küste des mexikanischen Bundesstaats Oaxaca. Vor einem halben Jahr haben wir unsere Reise in San Francisco gestartet und kommen nun endlich auch mental im neuen Leben an, fernab von Karriereplanung und geschäftigem Alltag, auf einer Reise, die ausser südwärts kein konkretes Ziel kennt und deren Ende wir uns bewusst offengehalten haben.
Archaische Dämpfe
In den Bergen Oaxacas im verschlafenen Dörfchen San Mateo lernen wir kurze Zeit später die Tradition des Temazcal kennen, eine Verbindung aus Dampfbad und Reinigungszeremonie, die bereits von den Mayas und Azteken gepflegt wurde. Der Temazcal wird in Mesoamerika noch heute rege benutzt und seit einiger Zeit von modernen Spirituellen überall auf der Welt für sich entdeckt.
Das Ganze hat etwas Archaisches. Wir sitzen mit rund 20 Personen auf einem Lehmboden in einem niedrigen Zelt, das die Gebärmutter repräsentieren soll. Heisse Lavasteine werden aus einem Feuer ins Innere gebracht und mit einem Aufguss aus Heilkräutern übergossen. Schweiss vermischt sich mit Erde, es wird getrommelt und gesungen, und als wir nach über einer Stunde auf allen Vieren wieder ins Freie krabbeln, fühlen wir uns tatsächlich wie neugeboren.
In diesen zwei Monaten in Oaxaca beginnen wir, darüber zu sprechen, wie es denn wäre, wenn wir unterwegs ein Baby bekommen würden. Je mehr ich darüber nachdenke, desto perfekter erscheint mir der Plan. Mir war immer klar, dass ich länger als drei Monate bei meinem Baby würde bleiben wollen und Langzeitstillen eine Option ist. Ich hatte keine Lust, die nächsten Jahre meines Lebens mit der scheinbar unmöglichen Aufgabe der Vereinbarkeit von Familie und Beruf konfrontiert zu sein, zwischen Grosseltern, Kita, Job und Haushalt hin und her zu eilen und ständig an irgendwelchen Orten Milch abzupumpen.
Das Paar unterwegs nach Cali.
Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht allein zu Hause bleiben, kaum mehr in Gegenwart anderer erwachsener Menschen sein, kein eigenes Geld mehr verdienen und mir schleichend die alleinige Verantwortung für Haushalt und Familie aufhalsen.
Wie kann ich meinen persönlichen Bedürfnissen als Frau und Mutter folgen, ohne gleichzeitig alte Rollenbilder zu zementieren, die ich selbst ablehne? Disqualifiziere ich mich beruflich, wenn ich meine Rolle als Mutter als mindestens so wichtig erkenne? Wie kann ich meinem Baby so viel Zeit und Nähe geben, wie ich für nötig halte, wenn die Gesellschaft als einzige Option für Vereinbarkeit von Familie und Karriere das Outsourcing der Betreuungsarbeit von klein auf vorschlägt?
Eine taugliche Lösung für dieses Dilemma bietet die Schweiz bekanntlich nicht. Flexible Berufe und Arbeitgeber, die ein solches Setting für Väter und Mütter ermöglichen, sind noch immer seltener Luxus. Wir aber sehen die Lösung nun klar vor uns: Elternzeit unterwegs anstelle eines mickrigen Vaterschaftsurlaubs! Ich würde nicht das vielbesagte Dorf um mich haben, aber meinen Mann zu 100 Prozent an meiner Seite. Wir würden gleichberechtigte Eltern sein, uns alles fair aufteilen, fernab von alten Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen. So zumindest war der Plan.
Babyfreundlich im Schwitzbad
Es ist der 3. April 2020, als wir erneut im Kreis in einem Temazcal sitzen. Mit dabei sind der 39 Tage alte Tim, unsere Postpartum Doula Nancy, eine Art Begleiterin in den ersten Wochen nach der Geburt, und unsere Gastgeber Cristina und Didier. Das Schwitzbad ist dieses Mal eher babyfreundlich als archaisch und Teil des «Cierre de Postparto», einer Zeremonie, mit der ich aus dem in Kolumbien traditionell 40 Tage dauernden Wochenbett, der «Cuarantena», entlassen werde. Wir befinden uns in Cali, Salsametropole, heisse und laute Grossstadt, wo Tradition und Moderne verschwimmen. Hier haben wir in der Mietwohnung eines Bed and Breakfast in den grünen Hügeln etwas ausserhalb der Stadt unseren kleinen Tim in Empfang genommen.
Wie es die Tradition vorsieht, verbringe ich den 40. Tag der «Cuarantena» allein im Bett. Mein Mann kümmert sich um Tim und bringt mir den Kleinen nur, wenn er hungrig ist. Von Nancy werde ich ein letztes Mal mit einem Bad aus Blumen und Kräutern sowie mit einer Massage verwöhnt. Sie bindet meinen Bauch mit einem festen Tuch ein, um meinem Körper zu helfen, sich nach Schwangerschaft und Geburt wieder zu verschliessen. Ich soll mir an diesem letzten Tag des Wochenbetts Zeit nehmen, um das Vergangene zu reflektieren, mit dem Prozess der Schwangerschaft und Geburt abzuschliessen und bewusst in die neue Lebensphase als Mutter eines neuen Wesens zu starten.
Bolivianische Tragetechnik: Vater und Sohn.
Die meisten Kulturen auf der Welt kennen Traditionen rund um das Wochenbett. In vielen dauert es ebenfalls 40 Tage, und meist sind spezielle Nahrungsmittel für die Mutter und Dampfbäder Teil davon. Diese Wertschätzung der Zeit nach der Geburt, das Nähren, Pflegen und Umsorgen der Mutter und das Fördern der engen Bindung von Mutter und Kind – all das war mir aus der Schweiz unbekannt.
Pandemie zum Glück: Dann bleiben wir eben
Dank Corona bleiben wir sieben Monate an Tims Geburtsort und sind glücklich darüber, unser Nest im Grünen nicht schon früher verlassen zu müssen. Es zieht uns zurück nach Mexiko. Auch unser Vorhaben der egalitären Elternschaft haben wir inzwischen adaptiert. Tag und Nacht zu stillen, zu Beginn alle zwei Stunden, fühlt sich nicht wirklich gleichberechtigt an. Mein Mann schläft in der Nacht so viel er kann und kocht am Tag, räumt auf, geht einkaufen, wäscht Windeln und schaut, dass ich zu ein paar weiteren Stunden Schlaf komme.
Manchmal hadere ich mit mir, weil mich abstrakte Vorstellungen oder gesellschaftliche Erwartungen einholen. Meistens aber bin ich glücklich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, die Tagesschicht meines Mannes auch noch übernehmen zu müssen, so wie das viele Mamas machen. Und ich schätze es sehr, Tim immer, wenn ich etwas Luft brauche, einen Moment abgeben zu können. Je älter Tim wird, desto mehr verteilen sich die Aufgaben wieder gleichmässiger zwischen uns. Ich geniesse diesen Ausnahmezustand, solange er noch währt.
Lydia Baumgartner, 1989, hat bis zu ihrer Abreise im September 2018 in St.Gallen gelebt. Die Rechtsanwältin ist von der Idee der Geburt als «Rite of Passage» fasziniert und plant nach der Rückkehr im nächsten Sommer eine Dissertation zum Thema Selbstbestimmungsrecht und Geburt.
Dieser Text erscheint auch im Januar-Heft.
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