Fred Kurer, Anstoss zu Ihrem Theaterstück gab eine lebensbedrohende Krankheit…
Das Unglaubliche ist passiert, dass eine Kortisonspritze, die ich als Asthmatiker bekomme, vergiftet gewesen sein muss. Ich konnte praktisch nicht mehr gehen, wurde in Samedan notfallmässig operiert, war wochenlang im Spital. Ich war ganz übel dran. Da fängt man an, sich Gedanken zu machen.
Nämlich?
Man hat wahnsinnige Schmerzen, kann nichts mehr tun – ich habe damals praktisch abgeschlossen mit meinem Leben und habe dies auch mit meiner Familie besprochen. Bis mich ein befreundeter Arzt eines Besseren belehrte: Das kommt schon wieder… Im Nachhinein sehe ich es positiv, wenn man einen solchen Endpunkt erreicht und sich fragen muss: War‘s das? Bei mir überwog ein Gefühl der Dankbarkeit: Doch, ich habe ein gutes, erfüllendes Leben gehabt.
Das Theaterstück «Mit beiden Beinen» ist aus dieser Krisen-Erfahrung entstanden?
Die Erfahrung hauptsächlich der Genesung und das quasi neu geschenkte Leben liessen mir keine Ruhe. Wegzugehen und neu anzufangen: Mit diesem Thema habe ich zeitlebens zu tun gehabt. Ich bin immer wieder weg von St.Gallen, bin teils monatelang gereist – und immer wieder schön zurückgekommen. Hier mit der Krankheit stellte sich das Thema von Neuem und wollte es noch einmal wissen.
Warum sind Sie jeweils zurückgekommen? Ihre Reisen waren weitläufig – St.Gallen ist klein…
Es ist vermutlich das kleinbürgerliche Dasein, das einen einholt, die Familie, das Unterrichten. Ich kam jeweils gern zurück, getreu dem Stichwort «St.Gallen und andere Liebschaften». Ich bin ein immer wieder Bleibender. Mit blinzelnd inniger Liebe zu St.Gallen und der Ostschweiz.
Weggehen – ist das auch eine Einübung in den letzten, unwiderruflichen Aufbruch? Eine Übung auf den Tod hin?
Ich denke schon. Für mich war das eine zentrale Erfahrung, dass ich mir diese letzte Frage stellen durfte und musste. Und dass ich sagen konnte: Ja, ich könnte gehen. Klar – wenn es dann soweit kommt, ist die Angst vielleicht auch da. In unserer Zeit, für die alles machbar scheint, ist beinah das einzige, wo wir uns nicht frei entscheiden können, der Tod. Man nimmt uns das Glück, wenn wir alles entscheiden können, von der Wahl des Telefon-Anbieters bis zum Geschlecht unserer Kinder. Ich halte das für eine grosse Zeitfrage, das Zuviel an Entscheidungsmöglichkeiten – und im Gegensatz dazu die Tatsache, dass wir permanent überwacht sind, dass im Grunde ständig über uns entschieden wird.
Im Stück entscheidet sich Ihre Hauptfigur Gian, ein gehbehinderter pensionierter Historiker, den Protesten seiner Familie zum Trotz dafür, in das abgelegene Haus seiner Grosseltern im Engadin zu ziehen.
Es geht um die Frage: Was macht man noch im Alter? Man wird unentschlossener… es ist ein schwieriges Alter… Ich überlege mir im Grunde seit meiner Pensionierung, was noch sein soll in der Zeit, die mir zur Verfügung steht. Und sehr viele Leute in meinem Alter stellen sich diese Frage. Aufhören? Oder etwas riskieren? Lohnt es sich noch – diese ganz blöde, typische Schweizer Frage. Gian fängt noch einmal an, und vielleicht überschätzt er sich. «Mit beiden Beinen» ist auch ein Stück über das Sich-Überschätzen.
Das Projekt, das Gian anpackt, ist die eigene Familiengeschichte. Vergangenheit statt Zukunft ist seine Devise, und seinem Sohn wirft er vor, dass dieser kein Geschichtsbewusstsein hat. Ein Generationenkonflikt?
Ich denke schon, dass die Herkunft in einem gewissen Alter wichtig wird. Und dass das wiederum eine sehr heutige Frage ist: Woher kommst du? Botho Strauss hat gerade ein Buch mit dem Titel «Herkunft» geschrieben, bei Modiano finde ich das Thema auch – wenn man sich auf etwas fokussiert, entdeckt man ja immer gleich all die Bücher, die sich mit demselben Stoff befassen.
Autonomie kann, so auch in Ihrem Stück, im Alter eine sehr schmerzhafte Herausforderung sein.
Ich sehe das bei uns im Quartier. Als wir einzogen, gehörten wir zu den Jungen, dann sah man die Leute altern, gehört schliesslich selber dazu. Meine Figur Gian hat es vergleichsweise gut, trotz abgelegenem Haus, er findet auch eine junge Frau, die sich für ihn interessiert, das ist ein Glück, wenn die Jugend auftaucht und erst noch in weiblicher Gestalt.
Der Alte hält seine Stellung…
… ja, aber sie wird zunehmend bedenklich.
Steckt in der Figur Gian viel Autobiographisches drin?
Einiges. Ich habe reale Namen gewählt, die Figuren aber schön vermischt. Eine kleine Spielerei…. und hilfreich, konkrete Personen vor sich zu sehen. Hauptsächlich aber hatte ich für die Hauptfigur den Schauspieler Arnim Halter vor mir, seinen Kopf, seine Art, sich zu bewegen. Er kann diese Grantigkeit spielen, das war für mich das Bild, das ich immer vor mir hatte.
Wie sieht das beim Theaterautor Fred Kurer selber aus, jetzt im mittelhohen Alter – bleibt da noch Unerfülltes, Unerledigtes?
Ich glaube, für mich selber hier etwas Neues probiert zu haben. Und wichtig war auch, das Stück fertig zu schreiben und zu sehen, dass es sofort akzeptiert wurde vom Theater. Es wäre natürlich schön, wenn dieses Stück nachgespielt würde. Reizvoll wäre es auch, einmal eine Produktion in der Lokremise machen zu können. Ich hätte sicher Stoff für weiteres. Aber ich will mich nicht als Dramatiker aufspielen. Immerhin: Nach «Nacht der offenen Tür» 1987 im Figurentheater, unter Arnim Halters Regie, ist es das zweite Stück, von dem ich sagen würde: Das ist mir einigermassen gelungen.
Uraufführung «Mit beiden Beinen»: 5. Dezember, Theater Parfin de siècle St.Gallen. Mit Arnim Halter, Ursula Affolter und Nathalie Hubler, Regie: Regine Weingart. Infos: parfindesiecle.ch
Bild: Tine Edel
Dieser Beitrag erschien im Dezember-Heft von Saiten.
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