Ich sitze im Zug zwischen Paris und Brüssel. Den ersten Teil meiner Reise habe ich mit meinen Eltern zurückgelegt. Sie machen eine zweimonatige Fahrradtour von Paris nach Berlin. Ich werde zwei Monate in Brüssel tanzen und mir die belgische Theaterlandschaft anschauen. Der Vorteil meines Vorhabens gegenüber dem meiner Eltern: Ich bin nicht wetterabhängig.
Die Zugfahrt mit den beiden ist rührend. Sie haben mir von zuhause ein selber gemachtes Brötli und einen Appenzeller Biber mitgebracht. Wenn die wüssten, was für ein kulinarisches Paradies nun auf mich wartet! Beim Abschied in Paris-Gare de Lyon habe ich meinem Vater versprochen, mich in Brüssel nicht in dem berühmt-berüchtigten Viertel Molenbeek aufzuhalten, und mich auch nicht auf Gespräche mit irgendwelchen Terroristen einzulassen. Was er nicht ahnt: Das Tanzzentrum, in welchem ich kommende Woche meine Morning Classes machen werde, befindet sich genau in dem Stadtteil, wo vor einiger Zeit einer der Attentäter von Paris festgenommen wurde und offenbar andauernd Razzien durchgeführt werden. Im übrigen ist dieser Stadtteil eigentlich wie alles in Brüssel total schön und nett.
Auf der Suche nach der Körper-Sprache
Aber vielleicht müsste ich an dieser Stelle etwas mehr zu meinem Vorhaben schreiben:
Ich habe mich bei der Ausserrhodischen Kulturstiftung für ein Artist-in-Residence-Stipendium beworben und dieses erhalten. AiR gibt mir die Möglichkeit, für eine begrenzte Zeit an einem frei gewählten Ort meine Ideen und Projekte zu erarbeiten und umzusetzen. Ich habe mich für Brüssel entschieden, da sich für mich die belgische Theaterszene dadurch auszeichnet, spartenübergreifende Projekte zu realisieren, die sich irgendwo zwischen Tanz, Theater und Performance bewegen. Das interessiert mich! Da will ich hin!
Und weil für mich das Zusammenspiel von Körper und Sprache immer schon ein wesentlicher Bestandteil der Theaterarbeit war, möchte ich nun in Brüssel zwei Monate lang am Bewegungsmaterial meines Körpers forschen. Mal schauen, ob und wie sich eine solche Körper-Recherche in kommenden Arbeiten bemerkbar macht. Jedenfalls werde ich in nächster Zeit nicht die Möglichkeit haben, auf meine Kernkompetenz namens «die Sprache» zurückzugreifen. Auch im modernen Tanz wird wenig gesprochen, und mein Französisch ist momentan so miserabel, dass ich mir Lernbücher für Anfänger gekauft habe. So viel dazu.
Die Perspektive heisst «Nuetnigenough»
Während nun also die französische oder schon belgische Landschaft an mir vorbeirauscht, fühle ich mich plötzlich ziemlich ängstlich und verunsichert und allein. In der letzten Vorbereitungswoche wurde meine Vorfreude denn auch ziemlich getrübt. Für einige der Workshops musste man sich bewerben, und prompt wurde ich für den einen, welchen ich unbedingt machen wollte, nicht ausgewählt! Vielleicht ist das also meine Zugfahrt ins grandiose Scheitern. Aber wenn das so sein sollte, dann bitte mutig und lustvoll!
In Brüssel hat man ja Gott sei Dank auch immer die Möglichkeit, sich einfach der Fress- und Bierlust hinzugeben. Womöglich komme ich also nicht wie geplant als körpergestähltes Supergirl zurück, sondern als kleines dickes Nilpferdchen. Ich habe übrigens schon ein flämisches Lieblingswort: Nuetnigenough. Das heisst übersetzt «Nimmersatt».
In diesem Sinne:
Auf geht’s!
On y va!
Daar gaan we!
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