, 9. Mai 2016
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Dans-Boek 2: Jeanneke Pis

Die in Ausserrhoden aufgewachsene Schauspielerin Jeanne Devos lebt als Artist in Residence seit 1. Mai in Brüssel. Ihr zweiter Tagebuch-Beitrag für saiten.ch und das Souvenir der ersten Woche: Muskelkater.

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Als ich am Sonntagabend in Brüssel ankomme, scheint die Sonne. Das wird sie auch noch die ganze Woche über tun. Meine Vermieter sagen, ich hätte den Sommer mitgebracht. Ich komme also an, und finde in der Rue du Flandre 71 ein unfassbar schönes Zuhause! Héléna und Philip sind sehr nett, sehr stylish und sehr bio. Und das Haus ist so aufgeräumt und sauber, dass man sich fast gar nicht getraut, darin zu wohnen. In meinem Zimmer befindet sich übrigens eine Badewanne mit Blubber-Wellness-Düsen! Ich kannte das bislang nur von Spa-Bädern, aber so was im eigenen Schlafzimmer zu haben fühlt sich gut und sicher an.

Knochenhart

Wie dem auch sei: Am nächsten Tag beginnt das Tanzen. Ich werde die gesamte erste Woche einen Workshop bei einem indischen Choreografen besuchen. Rakesh Sukesh heisst der Mann und wirkt ein wenig so, als wäre er gerade einem Bollywood-Film entsprungen. Seine Arbeit basiert auf Atem und Yoga entlehnten Praktiken. Das ist aber keineswegs spirituell, sondern knochenharte Arbeit und sehr viel Drill. Nach dem ersten Tag bin ich so durchgenudelt, dass ich mir in einer Boucherie erst einmal ein grosses Stück Fleisch kaufe.

Wie Rakesh prophezeite, habe ich am zweiten Tag einen enormen Muskelkater. Am dritten Tag sind die Schmerzen fast unerträglich, am vierten fühle ich mich müde aber entspannt, und am letzten Tag sogar richtig gut. Jetzt verstehe ich, dass meine Muskeln eigentlich bloss dazu da sind, Energie zu transportieren.

Ich bin nun doch etwas stolz, den Workshop, der eigentlich nur für Tänzerinnen und Tänzer ausgeschrieben war, gemeistert zu haben. Gut gelaunt und leichtfüssig schlendere ich durch Brüssel, und begegne da plötzlich einer anderen Jeanne. Sie ist eine Brunnenfigur, welche ein im Hocken urinierendes Mädchen darstellt: Jeanneke Pis ist ihr Name, sie ist das Pendant zum ebenfalls wasserlassenden, bekannteren Manneken Pis aus dem Jahre 1619. Seit Mitte der Achtzigerjahre sorgt sie für Gleichberechtigung. Leider hat die kleine Jeanne kein besonders schönes Umfeld bekommen. Rundherum befinden sich düstere, muffige Bars und Brüssels touristische Fressmeile. Da habe ich mit meinem gut riechenden Zuhause, den mit leiser Stimme sprechenden Gastgebern und dem Bio-Kaffee am Morgen wohl das bessere Los gezogen.

Flirrend

Am gleichen Abend wage ich meinen ersten Theaterbesuch. Die Inklusion-Tanztheater-Produktion mit dem Titel Monkey Mind wirkt allerdings auf mich erst einmal ziemlich klischiert und uncharmant. Dafür brauche ich doch nicht nach Brüssel zu reisen, denke ich. Doch nach einiger Zeit verwandeln die zwei Tänzer und drei Jugendliche mit Down Syndrom die Bühne in einen Raum voll flirrender und zärtlicher Utopie, und ich bin froh, mal einen Abend nicht in meiner Luxusbadewanne vor mich hingeblubbert zu haben.

Das war meine erste Woche. Hier noch ein kleiner Cliffhanger für die nächste Kolumne: Diese Woche startet mit einer dreitägigen Contact-Impro-Morning-Class. Danach fahre ich nach Darmstadt, um eine Räuber-Vorstellung zu spielen, bis dann Ende der Woche das heiss ersehnte kunstenfestivaldesart, und in dessen Rahmen ein zehntägiger Workshop mit dem iranischen Theatermacher Amir Reza Koohestani beginnt. Der Workshop trägt übrigens den schönen Titel: WHAT WE LEAVE UNSAID.

 

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Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, wird sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Sie berichtet auf saiten.ch bis zum Sommer im Tagebuch «Dans-Boek» aus Brüssel.

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