Sie reden über das Ende der Geschichte. Max glaubt daran, Jaro nicht. Dann über Hanna, die sie beide geliebt haben. Sie gehen durch die dunkle Stadt, kurz ein Stop in einer Kneipe an der Ecke, weiter zur nächsten Kneipe und zum nächsten Bier. Und wieder Hanna, von der Max nicht loskommt im nächtlichen Erinnern.
«Die Stadt schläft leise und einsam», heisst einer der schönen Sätze im Buch. Aber ganz einsam ist die Stadt nicht, dank Nachtgestalten wie den beiden. Sie kommen auf der Gasse zusammen unter einem blutroten Mond. «Und du, sonst so? – Gut. – Dann ist es gut, wenn es gut ist.»
Nachtgestalten ist die Geschichte des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš und des Wiener Zeichners Nicolas Mahler betitelt. Rudiš hat die Figuren erfunden, ihre kurzen Dialoge mit dem vielen Schweigen dazwischen, und Mahler hat die schwarz-blaue nächtliche Stadt gezeichnet, durch die sich die zwei mit ihren unverwechselbaren Mahler-Silhouetten treiben lassen: Max, der lange Schmale, und Jaro, der kurze Dicke.
Es sind zwei Philosophen des Alltags, in jener Mischung von Humor und Grübelei, die es so vielleicht nur im Land des braven Soldaten Schwejk gibt. Sie trinken sich Erinnerungen zu, zum Beispiel an die Bergtour damals auf den Mont Blanc, wo der Rettungsheli Max vom Berg herunterholen musste, ihn, der das Wandern hasst, der die Natur hasst, ihn, den Stadtmenschen, der gar nie auf den Berg hochwollte. Oder an Hannas Hochzeit, die Max (oder war es Jaro?) beinah platzen liess. An die Konzerte ihrer grauenhaft schlechten Punkband, damals in Brünn, 17 Leute im Publikum oder waren es doch mehr als 20?
«Darauf pissen die Eulen», sagt Jaro. Es ist der Zaubersatz im Text, Jaro hat ihn von seinem Grossvater gelernt: Alles halb so wichtig.
In kreisenden Erinnerungen holen die beiden Geglücktes und Verpasstes in die Nacht zurück. Vor allem Verpasstes. Und Hanna, immer wieder. Hanna, mit der Jaro einmal geschlafen hat. Wars gut? Sag nichts! Es sind Männer-Geschichten, viel Bier, viel Sentimentalität, ein Schuss Eifersucht, Frauen, alte Verletztheiten, Lachen und Schweigen und nicht (oder vielleicht doch) Darüberredenwollen.
Jetzt kommen die Nachtgestalten von Prag nach St.Gallen. Beim hiesigen freien Ensemble Theater am Tisch haben sie Geistesverwandte gefunden: Marcus Schäfer und Oliver Losehand sprechen und spielen die beiden Freunde, Marcel Elsener und Peter Lutz begleiten mit E-Gitarren. Und Jurek Edel hat Mahlers Bilder aus der Graphic Novel animiert.
Dank ihm fliegt der Heli tatsächlich und landet hinter den schwarzen Häuserfassaden. Mal leuchtet ein einsames Fenster auf und erlischt wieder. Der Rauch der Zigaretten schwebt durch die Nacht, dass man ihn zu riechen glaubt. Und die Wisente ziehen in ihrem langsamen Schritt durch den kahlen Wald.
Ein Wisentbulle müsste man sein, dann wäre man der glücklichste Mensch, sagt Max. «Darauf pissen die Eulen», sagt Jaro.
Am Wortlaut digital statt live
Geplant war das Projekt zuerst für das Wortlaut-Festival Ende März 2021. Die Pandemie verunmöglichte es jedoch und verbannte das ganze damalige Festivalprogramm ins Netz – so entstand die auf Youtube zugängliche Fassung des Stücks. Diesen Donnerstag kommen die Nachtgestalten jetzt doch noch live, in der St.Galler Lokremise auf die Bühne.
Nachtgestalten, 30. September, 21 Uhr, Lokremise St.Gallen
lokremise.ch
«Es gibt kein Entkommen», sagt Max, von Beruf Historiker, einmal. Der Satz gilt vermutlich dem Tod oder dem Ende der Geschichte, vielleicht auch der Männerfreundschaft. Er gilt aber auch der faschistischen Vergangenheit. In die privaten Erinnerungen schiebt Autor Rudiš zunehmend politische Bezüge ein. Max erzählt etwa von der «Havelliste», welche die «Rechten» und «Nazischweine» neuerdings über die kritischen Geister im Land anlegen. Er erinnert an die Zyklon-B-Fabrik in Kolin, wo das Gas für Theresienstadt produziert wurde, und an die Tötung der Grosseltern im KZ.
Darauf dann halt nochmal ein Budweiser. Obwohl das auch nichts hilft. «Noch ein Bier, und wir hätten alle Probleme der Welt gelöst», sagt einer der beiden einmal. «Aber dieses letzte Bier fehlt immer.»
«Es gibt kein Entkommen»: Das Nachtgestalten-Quartett Elsener, Lutz, Schäfer, Losehand (von links). (Bild: pd)
Das St.Galler Wortlaut-Festival 2021 ist digital – und trotzdem regional wie selten. Eine der neueren Ostschweizer Stimmen, die es zu entdecken gibt, ist Maya Olah. Sie präsentiert ihren Text «Im Hallenbad» am nächsten Sonntag als Video-Essay aus dem Volksbad.
Was wir scheinen ist der erste Roman der Literaturwissenschaftlerin Hildegard E. Keller. In der fiktionalen Biografie verbringt sie mit Hannah Arendt den Sommer 1975 im Tessin und lässt Erinnerungen und Freundschaften noch einmal aufleben. Keller liest dieses Wochenende am digitalen Wortlaut-Festival.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.