Kategorie
Autor:innen
Jahr

Darauf pissen die Eulen

Zwei Freunde nachts in der Stadt, viel Bier, kumpelhafte und düstere Erinnerungen: Davon erzählen der tschechische Autor Jaroslav Rudiš und der Wiener Zeichner Nicolas Mahler. Das St.Galler Theater am Tisch bringt ihre Graphic Novel «Nachtgestalten» jetzt szenisch in die Lokremise.
Von  Peter Surber

Sie reden über das Ende der Geschichte. Max glaubt daran, Jaro nicht. Dann über Hanna, die sie beide geliebt haben. Sie gehen durch die dunkle Stadt, kurz ein Stop in einer Kneipe an der Ecke, weiter zur nächsten Kneipe und zum nächsten Bier. Und wieder Hanna, von der Max nicht loskommt im nächtlichen Erinnern.

«Die Stadt schläft leise und einsam», heisst einer der schönen Sätze im Buch. Aber ganz einsam ist die Stadt nicht, dank Nachtgestalten wie den beiden. Sie kommen auf der Gasse zusammen unter einem blutroten Mond. «Und du, sonst so? – Gut. – Dann ist es gut, wenn es gut ist.»

Nachtgestalten ist die Geschichte des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš und des Wiener Zeichners Nicolas Mahler betitelt. Rudiš hat die Figuren erfunden, ihre kurzen Dialoge mit dem vielen Schweigen dazwischen, und Mahler hat die schwarz-blaue nächtliche Stadt gezeichnet, durch die sich die zwei mit ihren unverwechselbaren Mahler-Silhouetten treiben lassen: Max, der lange Schmale, und Jaro, der kurze Dicke.

Es sind zwei Philosophen des Alltags, in jener Mischung von Humor und Grübelei, die es so vielleicht nur im Land des braven Soldaten Schwejk gibt. Sie trinken sich Erinnerungen zu, zum Beispiel an die Bergtour damals auf den Mont Blanc, wo der Rettungsheli Max vom Berg herunterholen musste, ihn, der das Wandern hasst, der die Natur hasst, ihn, den Stadtmenschen, der gar nie auf den Berg hochwollte. Oder an Hannas Hochzeit, die Max (oder war es Jaro?) beinah platzen liess. An die Konzerte ihrer grauenhaft schlechten Punkband, damals in Brünn, 17 Leute im Publikum oder waren es doch mehr als 20?

«Darauf pissen die Eulen», sagt Jaro. Es ist der Zaubersatz im Text, Jaro hat ihn von seinem Grossvater gelernt: Alles halb so wichtig.

In kreisenden Erinnerungen holen die beiden Geglücktes und Verpasstes in die Nacht zurück. Vor allem Verpasstes. Und Hanna, immer wieder. Hanna, mit der Jaro einmal geschlafen hat. Wars gut? Sag nichts! Es sind Männer-Geschichten, viel Bier, viel Sentimentalität, ein Schuss Eifersucht, Frauen, alte Verletztheiten, Lachen und Schweigen und nicht (oder vielleicht doch) Darüberredenwollen.

Jetzt kommen die Nachtgestalten von Prag nach St.Gallen. Beim hiesigen freien Ensemble Theater am Tisch haben sie Geistesverwandte gefunden: Marcus Schäfer und Oliver Losehand sprechen und spielen die beiden Freunde, Marcel Elsener und Peter Lutz begleiten mit E-Gitarren. Und Jurek Edel hat Mahlers Bilder aus der Graphic Novel animiert.

Dank ihm fliegt der Heli tatsächlich und landet hinter den schwarzen Häuserfassaden. Mal leuchtet ein einsames Fenster auf und erlischt wieder. Der Rauch der Zigaretten schwebt durch die Nacht, dass man ihn zu riechen glaubt. Und die Wisente ziehen in ihrem langsamen Schritt durch den kahlen Wald.

Ein Wisentbulle müsste man sein, dann wäre man der glücklichste Mensch, sagt Max. «Darauf pissen die Eulen», sagt Jaro.

Am Wortlaut digital statt live

Geplant war das Projekt zuerst für das Wortlaut-Festival Ende März 2021. Die Pandemie verunmöglichte es jedoch und verbannte das ganze damalige Festivalprogramm ins Netz – so entstand die auf Youtube zugängliche Fassung des Stücks. Diesen Donnerstag kommen die Nachtgestalten jetzt doch noch live, in der St.Galler Lokremise auf die Bühne.

Nachtgestalten, 30. September, 21 Uhr, Lokremise St.Gallen

lokremise.ch

«Es gibt kein Entkommen», sagt Max, von Beruf Historiker, einmal. Der Satz gilt vermutlich dem Tod oder dem Ende der Geschichte, vielleicht auch der Männerfreundschaft. Er gilt aber auch der faschistischen Vergangenheit. In die privaten Erinnerungen schiebt Autor Rudiš zunehmend politische Bezüge ein. Max erzählt etwa von der «Havelliste», welche die «Rechten» und «Nazischweine» neuerdings über die kritischen Geister im Land anlegen. Er erinnert an die Zyklon-B-Fabrik in Kolin, wo das Gas für Theresienstadt produziert wurde, und an die Tötung der Grosseltern im KZ.

Darauf dann halt nochmal ein Budweiser. Obwohl das auch nichts hilft. «Noch ein Bier, und wir hätten alle Probleme der Welt gelöst», sagt einer der beiden einmal. «Aber dieses letzte Bier fehlt immer.»

«Es gibt kein Entkommen»: Das Nachtgestalten-Quartett Elsener, Lutz, Schäfer, Losehand (von links). (Bild: pd)

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14