Kategorie
Autor:innen
Jahr

Das Appenzellerland im Kopf

Wer in den 600 Seiten der Anthologie «Ich wäre überall und nirgends» liest, hat seine Appenzell-Klischees rasch vergessen: Literarische Texte von 1900 bis heute eröffnen Welten. Am Freitag ist Buchpremiere in Teufen.
Von  Wolfgang Steiger , 

Lokalchauvinisten regt euch auf! Ruth Schweikert beschrieb einmal im Heft Obacht Kultur ihre Beziehung zum Appenzellerland. Sie benutzte dabei die unmögliche Formulierung «ins Appenzell». In der kleinen Geschichte ging es um die jährliche Fastenkur ihrer Mutter im Appenzellerland, wie sie als Kind glaubte, die aber in Wirklichkeit im Thurgau stattfand, wie sie später merken musste. Jetzt ist der Text von Ruth Schweikert aus dem Jahr 2008 in der Appenzeller Anthologie neu abgedruckt worden.

Richtiges Appenzell oder irgendein anderes Land, fremd oder einheimisch ist hier nicht das Kriterium. Ein Quantum Unbestimmtheit überlagert die Textsammlung von 1900 bis heute, was schon der Titel Ich wäre überall und nirgends des ziegelsteinschweren Bandes zur literarischen Appenzeller Landschaft zeigt. Das Titelmotto ist dem Debut-Roman Notstrom von Peter Morger entnommen.

Ein Highlight jagt das andere

An die 200 Autorinnen und Autoren kommen in der Anthologie zu Wort. Sie erzählen Geschichten oder dichten, hinterlassen Notizzettel, recyceln oder imaginieren Literatur und gestalten Schriftbilder wie der Art-brut-Maler Hans Krüsi:

kruesibild

Da jagt ein Highlight das andere. Die sachverständige Herausgeber-Gruppe stöberte in jahrelanger Arbeit Texte in den entlegensten Veröffentlichungen auf, wählte passende Ausschnitte aus und gliederte sie themenbezogen in zehn Kapitel, wie: «Ankommen, abhauen, fremdgehen», «Lieben und scheiden» oder «Würfe, Krämpfe, Rebellionen».

Ich wäre überall und nirgends. Appenzeller Anthologie – Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung, Appenzeller Verlag Schwellbrunn 2016, Fr. 48.–

Buchvernissage: Freitag, 28. Oktober, 19 Uhr, Zeughaus Teufen

literaturland.ch

Eine Besonderheit des Buches sind die Listen, mit denen die Kapitel jeweils beginnen. Das dürfte als literarische Alternative speziell für Best-List-Affine gedacht sein. Witzig und lehrreich zugleich! In der Liste 8 beim Kapitel Sprachen und Zungen geht es um die Qualitäten der Milch: Von «chächi Milch» über «chüewaa’mi Milch» und das ganze Alphabet hindurch weiter bis zu «ziitegi Milch». Eine andere Liste zählt Fremdwörter im Appenzeller Dialekt auf, die mit «-ieren» aufhören, oder behandelt wie in Liste 5 Tätigkeiten, die mit dem Weben zu tun haben.

Ob sich die Anthologie eine Gesamtschau nennen kann, darf diskutiert werden. Die Auswahl der Autoren und Autorinnen und der Textausschnitte durch die Herausgeber-Gruppe ist subjektiv. Richtig ist, dass zum Beispiel die Finanzanlage-Literatur eines bekannten, ambitiösen Ex-Bankiers aus Teufen nicht in die Appenzeller Anthologie gehört. Hingegen hätte es das Gedicht Für St.Gallen und Umgebung von H.K. aus Gais aus dem Jahr 1978, erschienen damals in der Zeitschrift «Steinschleuder» mit Postfachadresse in Wald AR, verdient, aufgenommen zu werden. Die Anfangszeilen lauten: «Von dort aus gehend/ und von der Nacht,/ gelange ich in 5 Stunden/ an den äussersten Rand/ meines Bettes.»

Das Land neu ausrufen

Die Kritik bitte nicht falsch verstehen: Die Lektüre der Appenzeller Anthologie bereitet grosses Lesevergnügen. Schon im Einleitungstext erfreuen Leitsätze wie diese: «Wir werden das Land neu ausrufen» und «Diese Wörter liegen noch immer über der Landschaft»; alle sind dem Roman Einladung an die Waghalsigen von Dorothee Elmiger entnommen. Oder wer den tollen Preisträgertext Ein Satz über einen, der auf einer Telefonzelle steht aus dem Schreibwettbewerb Literaturland 2016 von Ralph Bruggmann noch nicht kennt und nicht auf dem Bildschirm lesen möchte, findet ihn im Kapitel «Mystik und Miststock» auf gutem altmödigem Papier gedruckt vor. Aus «Lieben und scheiden» stammt dieses Bild-Text-Blatt von Gerhard Falkner/Werner Meier:

08-05_falkner_gerhard_meier_werner

Ich wäre überall und nirgends bietet auch Abzweigungen zu Seitengängen, die weiter zu verfolgen wären, wie etwa zum eigenwilligen Innerrhoder Publizisten J.B. Rusch, zum karibischen Schriftsteller Edgar Mittelholzer mit afrikanisch/appenzellischen Vorfahren oder zu Otto Ascher, dessen Beschreibung der Flucht vor der Judenverfolgung in Wien und Rettung dank dem mutigen Einsatz von Polizeihauptmann Grüninger und der Internierung in Schönengrund in die Geschichtsbücher gehört.

Linien – und Brüche

Es gibt Linien zum Verfolgen: Die in Stuttgart geborene Irmgard Rotach beschreibt ein beispielhaftes Gespräch über das Frauenstimmrecht mit dem Vetter ihres Mannes im Stickerhaus auf dem Sitz bei Schwellbrunn während dem gemeinsamen Feuermachen im Kachelofen. Ihr Mann ist ein Enkel des Herisauer Mundartschriftstellers Walter Rotach, dessen Kurzgeschichte Min Fründ, de Leberle, am Johrmart aus den 1920er-Jahren ich überaus mag und die es durch einen Hintereingang als Fragment in die Anthologie geschafft hat (Heinrich Altherr: Die Mundarten Innerrhodens, des Hinter-, Mittel- und Vorderlandes).

Aber auch Brüche sind festzustellen, etwa dass die verhältnismässig reiche Tradition an Literatur zur Arbeitswelt in der Textilindustrie im Appenzellerland in der heute vorherrschenden Dienstleistungsindustrie noch kaum eine Entsprechung gefunden hat.

Traurige Eckpfeiler

Zwei Hauptfiguren, Robert Walser und Peter Morger, bilden eine Brücke vom Anfang zum Schluss des Buches. Der eine verbrachte 38 Jahre in der Irrenanstalt von Herisau, der andere zerbrach an den prekären Lebensumständen des nur halb erfolgreichen Schriftstellers und geplagten Journalisten.

Appenzell Ausserrhoden ist ein seltsamer Kanton, der sein literarisches Erbe mit diesen traurigen Protagonisten als Eckpfeiler feiern muss. Umso mehr ist die Initiative der Ausserrhodischen Kulturstiftung zu einer so umfassenden Anthologie zu begrüssen und die enorme Arbeit der Herausgeber-Gruppe zu verdanken. Sie hat zu einer vielfältigen und höchst unterhaltsamen Würdigung des heimischen Literaturschaffens geführt.

anthologiebild2

Buchvernissage mit Maultrommeln

«Die Texte dieses Buchs reden von einem Appenzellerland, das am Rand der Schweiz liegt und mitten in der Welt ist und das neu zu entdecken sich lohnt», schreiben die Herausgeber. Das wird gefeiert: Die Buchvernissage findet am Freitag, 28. Oktober 2016 um 19 Uhr im Zeughaus Teufen statt, mit Landammann Matthias Weishaupt (AR), Landammann Roland Inauen (AI), den Schauspielern Philipp Langenegger und Anna Blumer, Maultrommelmusik von Peter Weber und Michel Mettler, Worten der Herausgeber und Liedern mit dem Chor Wald. Anschliessend: Essen und Trinken.

Dieser Beitrag erscheint im Novemberheft von Saiten.

 

 

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2