Lokalchauvinisten regt euch auf! Ruth Schweikert beschrieb einmal im Heft Obacht Kultur ihre Beziehung zum Appenzellerland. Sie benutzte dabei die unmögliche Formulierung «ins Appenzell». In der kleinen Geschichte ging es um die jährliche Fastenkur ihrer Mutter im Appenzellerland, wie sie als Kind glaubte, die aber in Wirklichkeit im Thurgau stattfand, wie sie später merken musste. Jetzt ist der Text von Ruth Schweikert aus dem Jahr 2008 in der Appenzeller Anthologie neu abgedruckt worden.
Richtiges Appenzell oder irgendein anderes Land, fremd oder einheimisch ist hier nicht das Kriterium. Ein Quantum Unbestimmtheit überlagert die Textsammlung von 1900 bis heute, was schon der Titel Ich wäre überall und nirgends des ziegelsteinschweren Bandes zur literarischen Appenzeller Landschaft zeigt. Das Titelmotto ist dem Debut-Roman Notstrom von Peter Morger entnommen.
Ein Highlight jagt das andere
An die 200 Autorinnen und Autoren kommen in der Anthologie zu Wort. Sie erzählen Geschichten oder dichten, hinterlassen Notizzettel, recyceln oder imaginieren Literatur und gestalten Schriftbilder wie der Art-brut-Maler Hans Krüsi:
Da jagt ein Highlight das andere. Die sachverständige Herausgeber-Gruppe stöberte in jahrelanger Arbeit Texte in den entlegensten Veröffentlichungen auf, wählte passende Ausschnitte aus und gliederte sie themenbezogen in zehn Kapitel, wie: «Ankommen, abhauen, fremdgehen», «Lieben und scheiden» oder «Würfe, Krämpfe, Rebellionen».
Ich wäre überall und nirgends. Appenzeller Anthologie – Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung, Appenzeller Verlag Schwellbrunn 2016, Fr. 48.–
Buchvernissage: Freitag, 28. Oktober, 19 Uhr, Zeughaus Teufen
literaturland.ch
Eine Besonderheit des Buches sind die Listen, mit denen die Kapitel jeweils beginnen. Das dürfte als literarische Alternative speziell für Best-List-Affine gedacht sein. Witzig und lehrreich zugleich! In der Liste 8 beim Kapitel Sprachen und Zungen geht es um die Qualitäten der Milch: Von «chächi Milch» über «chüewaa’mi Milch» und das ganze Alphabet hindurch weiter bis zu «ziitegi Milch». Eine andere Liste zählt Fremdwörter im Appenzeller Dialekt auf, die mit «-ieren» aufhören, oder behandelt wie in Liste 5 Tätigkeiten, die mit dem Weben zu tun haben.
Ob sich die Anthologie eine Gesamtschau nennen kann, darf diskutiert werden. Die Auswahl der Autoren und Autorinnen und der Textausschnitte durch die Herausgeber-Gruppe ist subjektiv. Richtig ist, dass zum Beispiel die Finanzanlage-Literatur eines bekannten, ambitiösen Ex-Bankiers aus Teufen nicht in die Appenzeller Anthologie gehört. Hingegen hätte es das Gedicht Für St.Gallen und Umgebung von H.K. aus Gais aus dem Jahr 1978, erschienen damals in der Zeitschrift «Steinschleuder» mit Postfachadresse in Wald AR, verdient, aufgenommen zu werden. Die Anfangszeilen lauten: «Von dort aus gehend/ und von der Nacht,/ gelange ich in 5 Stunden/ an den äussersten Rand/ meines Bettes.»
Das Land neu ausrufen
Die Kritik bitte nicht falsch verstehen: Die Lektüre der Appenzeller Anthologie bereitet grosses Lesevergnügen. Schon im Einleitungstext erfreuen Leitsätze wie diese: «Wir werden das Land neu ausrufen» und «Diese Wörter liegen noch immer über der Landschaft»; alle sind dem Roman Einladung an die Waghalsigen von Dorothee Elmiger entnommen. Oder wer den tollen Preisträgertext Ein Satz über einen, der auf einer Telefonzelle steht aus dem Schreibwettbewerb Literaturland 2016 von Ralph Bruggmann noch nicht kennt und nicht auf dem Bildschirm lesen möchte, findet ihn im Kapitel «Mystik und Miststock» auf gutem altmödigem Papier gedruckt vor. Aus «Lieben und scheiden» stammt dieses Bild-Text-Blatt von Gerhard Falkner/Werner Meier:
Ich wäre überall und nirgends bietet auch Abzweigungen zu Seitengängen, die weiter zu verfolgen wären, wie etwa zum eigenwilligen Innerrhoder Publizisten J.B. Rusch, zum karibischen Schriftsteller Edgar Mittelholzer mit afrikanisch/appenzellischen Vorfahren oder zu Otto Ascher, dessen Beschreibung der Flucht vor der Judenverfolgung in Wien und Rettung dank dem mutigen Einsatz von Polizeihauptmann Grüninger und der Internierung in Schönengrund in die Geschichtsbücher gehört.
Linien – und Brüche
Es gibt Linien zum Verfolgen: Die in Stuttgart geborene Irmgard Rotach beschreibt ein beispielhaftes Gespräch über das Frauenstimmrecht mit dem Vetter ihres Mannes im Stickerhaus auf dem Sitz bei Schwellbrunn während dem gemeinsamen Feuermachen im Kachelofen. Ihr Mann ist ein Enkel des Herisauer Mundartschriftstellers Walter Rotach, dessen Kurzgeschichte Min Fründ, de Leberle, am Johrmart aus den 1920er-Jahren ich überaus mag und die es durch einen Hintereingang als Fragment in die Anthologie geschafft hat (Heinrich Altherr: Die Mundarten Innerrhodens, des Hinter-, Mittel- und Vorderlandes).
Aber auch Brüche sind festzustellen, etwa dass die verhältnismässig reiche Tradition an Literatur zur Arbeitswelt in der Textilindustrie im Appenzellerland in der heute vorherrschenden Dienstleistungsindustrie noch kaum eine Entsprechung gefunden hat.
Traurige Eckpfeiler
Zwei Hauptfiguren, Robert Walser und Peter Morger, bilden eine Brücke vom Anfang zum Schluss des Buches. Der eine verbrachte 38 Jahre in der Irrenanstalt von Herisau, der andere zerbrach an den prekären Lebensumständen des nur halb erfolgreichen Schriftstellers und geplagten Journalisten.
Appenzell Ausserrhoden ist ein seltsamer Kanton, der sein literarisches Erbe mit diesen traurigen Protagonisten als Eckpfeiler feiern muss. Umso mehr ist die Initiative der Ausserrhodischen Kulturstiftung zu einer so umfassenden Anthologie zu begrüssen und die enorme Arbeit der Herausgeber-Gruppe zu verdanken. Sie hat zu einer vielfältigen und höchst unterhaltsamen Würdigung des heimischen Literaturschaffens geführt.
Buchvernissage mit Maultrommeln
«Die Texte dieses Buchs reden von einem Appenzellerland, das am Rand der Schweiz liegt und mitten in der Welt ist und das neu zu entdecken sich lohnt», schreiben die Herausgeber. Das wird gefeiert: Die Buchvernissage findet am Freitag, 28. Oktober 2016 um 19 Uhr im Zeughaus Teufen statt, mit Landammann Matthias Weishaupt (AR), Landammann Roland Inauen (AI), den Schauspielern Philipp Langenegger und Anna Blumer, Maultrommelmusik von Peter Weber und Michel Mettler, Worten der Herausgeber und Liedern mit dem Chor Wald. Anschliessend: Essen und Trinken.
Dieser Beitrag erscheint im Novemberheft von Saiten.
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Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
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