, 5. Juni 2019
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Das Autobuch zur Klimakrise

Der ehemalige Fernsehmann und gebürtige Goldacher Walter Büchi holt das bis 1925 in Graubünden geltende Autoverbot in unsere Klimakrise-Zeit. Der Erzählband Das Automobilverbot zeigt, wie die «Motorkarossen» von allem Anfang an ambivalente Gefühle hervorriefen. von Daniel Klingenberg

Seltener Anblick: Ein Auto auf der Promenade in Davos im Jahr 1908. Es gab nur wenige Ausnahmen von dem geltenden Automobilverbot.

«Man ist es sich in unserem Kanton gewohnt, sich das Automobil als bluttriefendes Ungeheuer vorzustellen»: So schreibt der «Freie Rätier», eine Bündner Tageszeitung, im Jahr 1907. «Die Welt ist vollkommen überall, wo der Motor nicht hinkommt mit seinem Krawall.» So lässt Walter Büchi einen Prof. Ambast in seinem Erzählband Das Automobilverbot im Dorfsaal vor versammelten Automobilgegnern gegen die «Motorkarrossen» wettern.

Büchis zehn «Geschichten aus dem Unterengadin um 1912» kreisen alle um das bis 1925 im Kanton Graubünden geltende Autoverbot. Da die Automobilgesetzgebung bis 1933 Sache der Kantone war, hatte die Bündner Regierung im Jahr 1900 das Auto kurzerhand zur «machina non grata» erklärt.

Dieser historische Rahmen macht neugierig: Damals wie heute gibt es eine höchst ambivalente Beurteilung der Motorisierung. Schon damals gab es Kritik wegen der Umweltbelastung. Und zu Beginn des Verbrennungsmotor-Zeitalters wie in seiner jetzigen Krise gibt es Zukunftsängste. Heute bei Lastwagenfahrern, die es mit selbstfahrenden Gefährten nicht mehr braucht, damals bei Pferdeknechten: «Wenn die Automobile den Pferdezug verdrängen, braucht es auch keinen wie mich mehr», grollt der Unterengadiner Pferdeknecht Mose in der gleichnamigen Erzählung.

Der «Odolkönig» und sein Horch

Walter Büchi ist kein Autofan, der den Sieg des Automobils im Land der 150 Täler nachzeichnet. Vielmehr zeigt er, was in der Gefühlswelt der Menschen im Unterengadin passiert, wenn das Auto einfährt. Und das ist eben ambivalent.

Vor 100 Jahren lebt das Tal von der Landwirtschaft, über 70 Prozent der Erwerbstätigen haben darin ihr Auskommen. In der Erzählung «Zeiger» ködert der Dorfpolizist mit diesem Namen einen Schmiedesohn mit Sackgeld, zu schnelle Autofahrer an ihn zu verpetzen. «Ganz einfach. Wenn einer kommt, läufst du hinterher. Kannst du ganz normal mithalten, ist’s gut. Fährt er schneller als du laufen kannst, ist seine Geschwindigkeit ungesetzlich.» Der Bub errechnet sich schon sein Taschengeld, als der Dorfschmied auf die Bremse tritt: «Mein Sohn, ein Denunziant? Kommt nicht in Frage!»

Auch der Aushilfslehrer Dreiviertl erklärt seinen Schülerinnen und Schülern zwar die Vor- und Nachteile des Automobils. Aber als der begeisterte Tierbeobachter eines Mittags eine tote Eidechse «plattgemordet und ausgedorrt» auf der Strasse liegen sieht, beschleicht ihn Wehmut. «Wie viele Millionen Male hatten Eidechsen diesen uralten Weg, ohne Schaden zu nehmen, überquert? Mussten sie sich nun an die Automobile anpassen und wie sollte das gehen?»

Den 1945 geborenen Historiker Walter Büchi, der beim Schweizer Fernsehen Jugendsendungen machte und später die Kartause Ittingen mitleitete, kennt man als Biografen des «Odolkönigs» Karl August Lingner – eine Persönlichkeit, die wie das Automobil ambivalente Gefühle weckt. Lingner kauft im Jahr 1900 das Schloss Tarasp und renoviert es umfassend. Nach seinem Tod im Jahr 1916 geht das Schloss in den Besitz der Familie des Grossherzogs von Hessen über, bis hundert Jahre später der heutige Eigentümer Not Vital den stolzen Sitz kauft.

Der «Odolkönig» ist das zweite Kraftzentrum im Automobilverbot und geistert durch verschiedene Erzählungen. So lässt er als bekennender Autonarr in einer Erzählung ein Automobil an der Bündner Grenze durch Pferde abholen und im Schlepp ins Schloss bringen. «Damit wäre dem Gesetz Genüge getan.» Der «Horch-Wagen 16 PS 4 Cyl.» kommt auf sein Grundstück, wo Lingner eigens eine Strasse anlegt und angeblich nächtens in voller Automontur umherkurvt.

Walter A. Büchi: Das Automobilverbot. Waldgut-Verlag 2019, Fr. 28.90

«Motorfreier Raum» dank der direkten Demokratie

Büchis Geschichten spielen in der Zeit um 1912. Der erste Weltkrieg in den Jahren 1914 bis 1918 bringt eine Zäsur in Sachen Mobilität. War das Auto vorher eher ein Luxusgut, wird es nun als Lastwagen und Traktor zum Transportmittel und ist in den Jahren danach «auf der Überholspur», wie Stefan Hollinger in Graubünden und das Auto schreibt. Da der motorisierte «Kutschendienst» in Form des Postautos erlaubt ist, kommen auch die Pferdepost und mit ihr Berufe wie jener des Schmieds in die Krise. 1913 zogen die Pferde noch 1,8 Millionen Fahrgäste über die Bündner Pässe, fünf Jahre später ist es gerade noch ein Drittel.

Das steigert den Druck auf das Autoverbot, für das die Regierung nur wenige Ausnahmen beim Individualverkehr zuliess. Zwischen 1920 und 1925 kommt es zum Höhepunkt der Automobildebatte. Nicht weniger als sieben der insgesamt zehn Abstimmungen bis zur Aufhebung des Verbots fallen in diese Zeit. «Graubünden hat unter Kennern der Verkehrsgeschichte den exklusiven Ruf eines europaweiten Kuriosums und anachronistischen Sonderfalls», schreibt Stefan Hollinger.

Dass das Verbot so lange Bestand hatte, hängt stark mit der ausgebauten Möglichkeit des direktdemokratischen Einflusses in Graubünden zusammen – zumindest der männlichen Bevölkerung. «Sie haben noch die Möglichkeit, diesen Unfug abzustellen!», lässt Walter Büchi seinen Prof. Ambast im «festlich beflaggten» Dorfsaal sagen. «Dank der direkten Demokratie verfügen Sie über einen einzigartigen, nämlich motorfreien Raum.»

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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