Das Kartontäfelchen liegt noch in der verstaubten Vitrine: «Lutherbibel, Basel, 1734». Die Bibel aber ist weg wie auch alle anderen bibliophilen Kostbarkeiten – seit mutmasslich 200 Jahren ist das Regal leer. Damals wurde das Kloster St.Gallen aufgehoben und mit ihm die Dependance des Fürstabts in Wil, der Hof. «Äbtestadt» heisst Wil zwar bis heute. Doch hier, im einstigen Schmuckstück des Hofs, der Äbtekapelle, wo die Bücherschätze standen (darunter offenbar auch reformierte…), rieselt Stuck von der Decke, die Säulen lösen sich von der Wand, die Puttos an der Decke trauern.
Die 3. Etappe kommt
Das soll aber nicht in alle Ewigkeit so bleiben. Die Kapelle im zweiten Stock gehört mit diversen weiteren Räumen in den oberen Stockwerken zu den bisher noch unrenovierten Partien des Hofs. Ihre Sanierung steht bevor; acht Architekturbüros sind engagiert im Planerverfahren; eine erste Präsentation findet dieser Tage statt.
Die Aufgabe ist komplex. Das gewaltige Gebäude mit dem Volumen von rund 40 Einfamilienhäusern, mit 800jähriger Geschichte und dem Rang eines Bauwerks von nationaler Bedeutung, ist in zwei Etappen 1994-1998 und 2008-2010 teilweise erneuert worden. Erdgeschoss und erster Stock mit Gastronomie und Bibliothek oder das Turmgeviert mit Lift und Treppe bis zum Dachstock kombinieren Alt und Neu bereits überzeugend. Ein gewaltiger Kontrast zu den «Baustellen», wie Jacques Erlanger die oberen Etagen nennt. Dort hat er sein Büro.
In St.Gallen kennt man Erlanger vom Sitterwerk und von der Militärkantine her. Jetzt ist er von der Stiftung Hof zu Wil mit einem Teilzeitpensum für eine befristete Zeit von 21 Monaten als «Mister Hof» angestellt, mit mehreren Aufgaben. Zum einen sollen die bestehenden Nutzungen sichtbarer werden; Restaurant, Säle, Stadtbibliothek und Museum sind im erneuerten Teil untergebracht; oben bieten die Volkshochschule und ein Malatelier Kurse an. Zum andern ist eine «behutsame Zwischennutzung» geplant mit dem Ziel, die Räume zu brauchen und ihr Potential auszuloten, wie Erlanger sagt. Und damit Hof und Bevölkerung von Wil näher zusammenzubringen. Ein Nutzungskonzept besteht, es ist auf der Website hofzuwil.ch aufgeschaltet. Sieben Aktivitätsfelder werden dort definiert mit dem übergeordneten Ziel: «Leben im Denkmal».
Ganz ohne Haken ist auch die Zwischennutzung nicht. Die feuerpolizeilichen Vorschriften müssen eingehalten werden, mehr als 50 Leute pro Veranstaltung sind nicht möglich, und wer durchs Haus geht, versteht auch warum: Hier und dort tut sich ein Loch auf, die Balken biegen und die Böden krümmen sich.
Ein Traum von einem Dachstock
Aber umgekehrt haben die Räume viel Charakter und den Charme des Provisorischen – allen voran der gewaltige, selber mehrstöckige Dachstock, die frühere Kornschütte, leer bis auf die prächtige Malzputzmaschine der früheren Hofbrauerei aus dem Jahr 1904.
«Ganz viele Dinge» sollen hier stattfinden, sagt Jacques Erlanger. Er sieht sich nicht als Kurator, sondern als Ermöglicher. Und erhofft sich aus der Wiler Bevölkerung viele Anstösse und Projekte, die sich im Idealfall auf die Lokalität direkt beziehen. Oben im holzreichen Dachstock fällt das Stichwort: «La belle au bois dormant». Der französische Titel des Märchens vom Dornröschen passt perfekt zum Haus. Wie Erlanger hofft auch Simone Bernet im Namen der Fachstelle Kultur der Stadt Wil, dass die Bevölkerung ihren teilweise noch schlafenden Hof «wachküsst». Ideen seien ab sofort gefragt. «Wir fangen rollend an. Die Räume haben Geduld».
Jacques Erlanger und Simone Bernet, Leiterin der Fachstelle Kultur ad interim, im zweiten Stock des Hofs zu Wil.
«Mehr Raum für Innovationen»
Braucht Wil mehr Kultur? «Kultur braucht vor allem mehr Raum und Platz für Innovationen», sagt die Leiterin der Fachstelle Kultur, Kathrin Dörig. Vieles passiere schon; es gebe etablierte Institutionen, darunter Tonhalle, Kunsthalle, Gare de Lion, Rock am Weier, Momoll-Theater und eine Vielzahl von kulturell tätigen Vereinen. Und es gebe Vernetzungsinitiativen wie den jährlichen Kulturapéro oder die 2018 von der Fachstelle Kultur zusammen mit Thurkultur geplante «Kulturbühne». Thurkultur ist die regionale, kantonsüberschreitende Förderplattform, die für freie Projekte zuständig ist. Ihre Mittel sind allerdings nicht grossartig, nachdem eine Mehrheit der 22 angeschlossenen Gemeinden, die Metropole Wil mit ihren immerhin 23‘000 Einwohnern mit eingeschlossen, bloss den Minimalbeitrag von 1 Franken pro Einwohner leisten will – und einen Antrag auf Erhöhung abgelehnt hat.
Für den Besucher von aussen dominiert jedenfalls eher die putzige Altstadt mit dem ehrfurchtgebietenden Hof als ein pulsierendes Kulturleben das Bild der Stadt. Sinnig also, dass genau hier neues Leben ins alte Gemäuer kommen soll. Was für ein Budget für die Zwischennutzung im Hof zur Verfügung stehen wird, sei zwar noch offen, sagt Jacques Erlanger, und hänge auch von seiner Arbeit ab. Aber das Ziel ist klar: «Leben in den Hof!».
Kontakt für Interessierte hier.
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
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Zumthor plant in Wildhaus
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Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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