«Als ich hier ankam, fand ich mich in der absoluten Stille wieder, nur das Zirpen von Grillen und Kuhglocken sind zu hören», erzählt der im doch etwas lauteren Berlin-Kreuzberg lebende Medienkünstler Marco Barotti begeistert. «It’s so beautiful», sagt er in italienischem Akzent. Mit seiner Begeisterung ist Barotti nicht alleine: Alle der rund 20 teilnehmenden Kunstschaffenden des «Klang Moor Schopfe»-Festivals schwärmen übereinstimmend von der hügeligen Landschaft und den von der Sonne knallig grün leuchtenden Wiesen.
Saxophonistin Mette Rasmussen im Hochmoor.
Die kommenden zehn Tage zeigen die Gäste aus Dänemark, Luxemburg, Österreich oder den USA in einem der zwölf schmucken, von der Witterung teilweise arg gezeichneten Schopfe ihre anregenden, verspielten, aber auch nachdenklichen Klanginstallationen. Eingeladen nach Gais hat sie der Musiker und Klangkünstler Patrick Kessler, der dieses Jahr «Klang Moor Schopfe» bereits zum zweiten Mal nach 2017 kuratiert. Diskussionen, Workshops, Konzerte, DJ-Sets und Gastronomie im Schützenhaus runden das Kunstereignis in der Natur ab.
Eröffnet hat das Festival am Donnerstagabend die im norwegischen Trondheim lebende dänische Improvisationskünstlerin Mette Rasmussen mit einer abstrakten Saxophon-Performance. Durch ihre physische Präsenz und vielfältig-kreative Spielarten, kombiniert mit gesprochenen Textfragmenten, schaffte Rasmussen eine einzigartige Atmosphäre. Das Echo der lauten Töne hallte durch das offene Tor des Schützenhauses zu den Wäldern und wieder zurück zum Publikum. «Ich wusste nicht, dass es ein Echo gibt», sagt Rasmussen, die wenige Stunden zuvor in Gais angekommen ist, nach ihrem Konzert. «Die akustische Kombination, hier der schalltote Raum, draussen die langen Echos, waren ein extrem spannender und lustiger Kontrast für mich.»
Mit Kunst gegen den Plastik-Kollaps
Das Gaiser Hochmoor ist ein fragiles Ökosystem und in seiner Form weltweit wohl ziemlich einmalig. Die Gegend ist der ideale Ort, den drohenden Umweltkollaps und den enthemmten Ressourcenverschleiss auf dem Planeten künstlerisch zu thematisieren und noch stärker ins Bewusstsein zu rufen.
Marco Barotti: Clams (Bild: Kasimir Höhener)
Mit seiner Installation «ClamDas Gaiser Hochmoor ist ein fragiles Ökosystem und in seiner Form weltweit wohl ziemlich einmalig. Die Gegend ist der ideale Ort, den drohenden Umweltkollaps und den enthemmten Ressourcenverschleiss auf dem Planeten künstlerisch zu thematisieren und noch stärker ins Bewusstsein zu rufen.s» thematisiert Marco Barotti beispielsweise die globale Plastikverschmutzung in Gewässern. 79 transparente Jakobsmuscheln aus recyceltem Plastik reagieren vibrierend und akustisch auf einen hochsensiblen Sensor, der etwa 150 Meter entfernt in einem Brunnen verschiedenste Parameter der Wasserqualität misst. Die Daten werden in Echtzeit in den Schopf übertragen und dort von einem Computer in Klänge umgewandelt und hörbar gemacht.
5G und die Insekten
Auch andere Künstler stellen den Einfluss des Menschen auf die Umwelt ins Zentrum ihrer Arbeiten und beschäftigen sich mit der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Die Genfer Klangkünstlerin Julie Semoroz thematisiert die Folgen von Handyantennen auf Insekten. «Wir haben herausgefunden, dass 4G und vor allem das neue 5G massiven Einfluss auf das Verhalten von Insekten haben», sagt sie. In ihrer Installation lässt Semoroz die Besucher eintauchen in die Geräuschwelt von Insekten und macht diese Lebewesen so für uns Menschen hör- und erlebbar.
Die Genferin Julie Semoroz beschäftigt sich im Schopf mit den Auswirkungen von Handystrahlen auf Insekten.
«Klang Moor Schopfe» stellt künstlerisch wichtige Fragen über das Verhältnis zwischen Mensch zur Natur. Wie verletzlich ein Ökosystem letztendlich ist, wird deutlich, wenn man sich bewusst in einem solchen aufhält und sich damit auseinandersetzt. Abgerundet wird das Naturerlebnis mit einem täglichen fein kuratierten Programm.
Den heutigen Abend bespielen der dänische Künstler Jacob Kirkegaard mit einer Sound-Performance sowie der in Gais lebende deutsche Künstler Albert Oehlen mit einem DJ-Set. Morgen erzählen die Künstlerinnen und Künstler des Kollektivs «Atacama × Amazon × Alps» in einer Diskussionsrunde über ihre Arbeit, die sie in die Schweizer Alpen, den brasilianischen Regenwald und in die Wüste Chiles gebracht hat.
klangmoorschopfe.ch
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Kunstausstellung