Dieser Text sollte einmal so anfangen: Endlich kein Fussball, endlich wieder mal ein Abend frei, endlich raus aus der Aktivismus-Spirale unserer hochtourigen Freizeitwelt! Und siehe da: Es geht. Dank dem Virus.
Inzwischen ist aus dem reduzierten Spass ein anschwellender Ernst geworden. Drum fängt der Text jetzt so an:
Das Filmfestival Fribourg ist, wie viele andere grosse und kleinere Anlässe, abgesagt. Die Begründung bringt es auf den Punkt: Es sei derzeit nicht möglich, ein solches Festival durchzuführen, das die Sicherheitsanforderungen erfüllt «und gleichzeitig die Qualität und die gesellige Atmosphäre beibehält, die wichtige Werte des FIFF sind».
Sich begegnen, sich nahekommen, Austausch Aug in Aug: Das ist nicht nur für das so internationale wie intime Fribourger Festival eine zentrale «raison d’être». Es gilt für zahllose Kultur- und Sportveranstaltungen landauf landab ebenso.
Warum gehe ich ins Kleintheater? Weil der dort auftretende Comedian lustig ist, aber auch weil ich Bekannte treffe. Warum drängt sich das Publikum an der Vernissage und schaut sich die Ausstellung nicht später in Ruhe an? Weil man sich sieht und gesehen wird. Warum ins Grüningerstadion? Kaum bloss, weil der SC Brühl gut spielt, und wegen der Wurst. Und warum ziehen Festivals seit Jahren wie kein anderes Format? Weil dort Kultur in einem Umfeld zu erleben sind, das eine Art gesellschaftliches «Gesamtkunstwerk» bildet und wo man anderen Interessierten nahe kommt.
Distanzieren statt partizipieren?
Jetzt aber gerät genau diese Nähe unter Verdacht. Jetzt wird zur Gefahrenzone, was uns eben noch beglückt hat. «Social distancing» ist die Devise, seit gestern offiziell vom Bundesrat ausgegeben. Was Menschen anderen Menschen nahebringt, ist zugleich verdächtig als potentieller Übertragungsweg für das Virus. Wer sich schützen will, bleibt am besten für sich. Die neue Verhaltensregel lautet, rabiat zugespitzt: Bleib mir vom Leib! Komm mir nicht zu nah! Weg mit dir!
Das Virus trifft damit einen bisher kaum diskutierten, heiklen Punkt. Ein halbes Jahrhundert nach `68 ist Offenheit, Kollegialität, sind flache Hierarchien, Teamkultur, Partizipation und Kollaborationen in den meisten gesellschaftlichen Feldern zur Selbstverständlichkeit geworden. All das sind unspektakuläre, in den Alltag eingegangene Symptome einer Haltung, die auf Miteinander, auf Beziehung und Verbindlichkeit, auf Vertrauen, auf informelles gemeinsames Tun setzt.
Unspektakulär ist diese Realität, solange sie funktioniert. Mit dem Virus aber klopft der Zweifel an die bisher weit offen stehende Tür des gemeinschaftlichen Unterwegsseins. Sich schützen, desinfizieren, Distanz halten, auf Abstand gehen: Das ist die Bewegung in die genau andere Richtung. Mit vorderhand ungewissem Ziel. Home office statt leibhaftige Begegnung? Einbunkern statt austauschen?
Aids und Rechts-Terror
Mit seiner Fähigkeit, den zeitgemäss wunden Punkt zu treffen, ist Covid-19 allerdings nicht allein, wie ein Blick zurück auf frühere Bedrohungen zeigt.
Aids in seinen Anfängen in den Achtzigerjahren: Das war eine ungeheure Provokation, weil das Virus vor allem schwule Männer traf, aber auch, weil es den Traum von Promiskuität und freier Liebe generell in Frage stellte. Religiöse und konservative Kreise hatten keine Mühe, die Krankheit und ihre Übertragung als Fingerzeig einer wie auch immer fantasierten «natürlichen» Ordnung darzustellen.
Und der islamistische und rechte Terror der letzten Jahre: Seine bevorzugten Schauplätze waren und sind Menschenansammlungen, der öffentliche Verkehr, Märkte, Konzerthallen. An diesen Orten trafen die Terroristen die offene Gesellschaft zielgenau an ihrem empfindlichsten Punkt – entsprechend vehement ging und geht es denn auch darum, gerade diese Offenheit, inklusive Verletzlichkeit, zu verteidigen gegen die Fanatiker der Abschottung und des Ausschlusses.
Das Coronavirus trägt den Keim der Bedrohung nun auf beiden Ebenen in sich. Es hat aktuell Auswirkungen sowohl auf das individuelle wie auf das kollektive Verhalten. Es schränkt die Intimität und Offenheit von Mensch zu Mensch ein, und es stellt die grenzenlose Mobilität, das freie Zusammensein, all die Plattformen, Tribünen und Schauplätze der (privilegierten) globalisierten Freizeit- und Arbeitsgesellschaft zumindest vorübergehend in Frage.
Die beste Immunabwehr: Beziehungen
Wie damit umgehen? Vernünftige Stimmen mahnen zur Gelassenheit. Die weitaus meisten Krankheitsverläufe sind mild und undramatisch. Von Pest und Cholera sind wir Jahrhunderte entfernt. Panikreaktionen haben mit der Virus-Realität nichts zu tun.
Die «Warnung», die der Corona-Erreger mit sich trägt, soll man trotzdem ernst nehmen: Er zeigt, wie anfällig das gesellschaftliche Immunsystem insgesamt auf dieser durchlässigen, global vernetzten und dicht bevölkerten Erde heutzutage ist.
Dagegen kann man allerdings etwas tun: Man kann sich Mühe geben, seine individuellen Widerstandskräfte zu stärken. Und es lohnt sich, trotz Virus das verbindliche Miteinander weiter zu pflegen. Im Wissen darum, dass ein stabiles Beziehungsnetz die allerbeste Immunabwehr ist.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.