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Das Ego-Virus

Das Coronavirus stellt öffentliche Anlässe in Frage. Und unser persönliches Verhalten. Es trifft damit einen Punkt, der besonders wehtut: Eine ganze Generation hat auf Nähe, auf Beziehung, auf Kollaborationen gesetzt – und soll jetzt auf «soziale Distanz» gehen.
Von  Peter Surber

Dieser Text sollte einmal so anfangen: Endlich kein Fussball, endlich wieder mal ein Abend frei, endlich raus aus der Aktivismus-Spirale unserer hochtourigen Freizeitwelt! Und siehe da: Es geht. Dank dem Virus.

Inzwischen ist aus dem reduzierten Spass ein anschwellender Ernst geworden. Drum fängt der Text jetzt so an:

Das Filmfestival Fribourg ist, wie viele andere grosse und kleinere Anlässe, abgesagt. Die Begründung bringt es auf den Punkt: Es sei derzeit nicht möglich, ein solches Festival durchzuführen, das die Sicherheitsanforderungen erfüllt «und gleichzeitig die Qualität und die gesellige Atmosphäre beibehält, die wichtige Werte des FIFF sind».

Sich begegnen, sich nahekommen, Austausch Aug in Aug: Das ist nicht nur für das so internationale wie intime Fribourger Festival eine zentrale «raison d’être». Es gilt für zahllose Kultur- und Sportveranstaltungen landauf landab ebenso.

Warum gehe ich ins Kleintheater? Weil der dort auftretende Comedian lustig ist, aber auch weil ich Bekannte treffe. Warum drängt sich das Publikum an der Vernissage und schaut sich die Ausstellung nicht später in Ruhe an? Weil man sich sieht und gesehen wird. Warum ins Grüningerstadion? Kaum bloss, weil der SC Brühl gut spielt, und wegen der Wurst. Und warum ziehen Festivals seit Jahren wie kein anderes Format? Weil dort Kultur in einem Umfeld zu erleben sind, das eine Art gesellschaftliches «Gesamtkunstwerk» bildet und wo man anderen Interessierten nahe kommt.

Distanzieren statt partizipieren?

Jetzt aber gerät genau diese Nähe unter Verdacht. Jetzt wird zur Gefahrenzone, was uns eben noch beglückt hat. «Social distancing» ist die Devise, seit gestern offiziell vom Bundesrat ausgegeben. Was Menschen anderen Menschen nahebringt, ist zugleich verdächtig als potentieller Übertragungsweg für das Virus. Wer sich schützen will, bleibt am besten für sich. Die neue Verhaltensregel lautet, rabiat zugespitzt: Bleib mir vom Leib! Komm mir nicht zu nah! Weg mit dir!

Das Virus trifft damit einen bisher kaum diskutierten, heiklen Punkt. Ein halbes Jahrhundert nach `68 ist Offenheit, Kollegialität, sind flache Hierarchien, Teamkultur, Partizipation und Kollaborationen in den meisten gesellschaftlichen Feldern zur Selbstverständlichkeit geworden. All das sind unspektakuläre, in den Alltag eingegangene Symptome einer Haltung, die auf Miteinander, auf Beziehung und Verbindlichkeit, auf Vertrauen, auf informelles gemeinsames Tun setzt.

Unspektakulär ist diese Realität, solange sie funktioniert. Mit dem Virus aber klopft der Zweifel an die bisher weit offen stehende Tür des gemeinschaftlichen Unterwegsseins. Sich schützen, desinfizieren, Distanz halten, auf Abstand gehen: Das ist die Bewegung in die genau andere Richtung. Mit vorderhand ungewissem Ziel. Home office statt leibhaftige Begegnung? Einbunkern statt austauschen?

Aids und Rechts-Terror

Mit seiner Fähigkeit, den zeitgemäss wunden Punkt zu treffen, ist Covid-19 allerdings nicht allein, wie ein Blick zurück auf frühere Bedrohungen zeigt.

Aids in seinen Anfängen in den Achtzigerjahren: Das war eine ungeheure Provokation, weil das Virus vor allem schwule Männer traf, aber auch, weil es den Traum von Promiskuität und freier Liebe generell in Frage stellte. Religiöse und konservative Kreise hatten keine Mühe, die Krankheit und ihre Übertragung als Fingerzeig einer wie auch immer fantasierten «natürlichen» Ordnung darzustellen.

Und der islamistische und rechte Terror der letzten Jahre: Seine bevorzugten Schauplätze waren und sind Menschenansammlungen, der öffentliche Verkehr, Märkte, Konzerthallen. An diesen Orten trafen die Terroristen die offene Gesellschaft zielgenau an ihrem empfindlichsten Punkt – entsprechend vehement ging und geht es denn auch darum, gerade diese Offenheit, inklusive Verletzlichkeit, zu verteidigen gegen die Fanatiker der Abschottung und des Ausschlusses.

Das Coronavirus trägt den Keim der Bedrohung nun auf beiden Ebenen in sich. Es hat aktuell Auswirkungen sowohl auf das individuelle wie auf das kollektive Verhalten. Es schränkt die Intimität und Offenheit von Mensch zu Mensch ein, und es stellt die grenzenlose Mobilität, das freie Zusammensein, all die Plattformen, Tribünen und Schauplätze der (privilegierten) globalisierten Freizeit- und Arbeitsgesellschaft zumindest vorübergehend in Frage.

Die beste Immunabwehr: Beziehungen

Wie damit umgehen? Vernünftige Stimmen mahnen zur Gelassenheit. Die weitaus meisten Krankheitsverläufe sind mild und undramatisch. Von Pest und Cholera sind wir Jahrhunderte entfernt. Panikreaktionen haben mit der Virus-Realität nichts zu tun.

Die «Warnung», die der Corona-Erreger mit sich trägt, soll man trotzdem ernst nehmen: Er zeigt, wie anfällig das gesellschaftliche Immunsystem insgesamt auf dieser durchlässigen, global vernetzten und dicht bevölkerten Erde heutzutage ist.

Dagegen kann man allerdings etwas tun: Man kann sich Mühe geben, seine individuellen Widerstandskräfte zu stärken. Und es lohnt sich, trotz Virus das verbindliche Miteinander weiter zu pflegen. Im Wissen darum, dass ein stabiles Beziehungsnetz die allerbeste Immunabwehr ist.

 

 

 

 

 

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Martin Josef Manser,  

„Gesellschaftliches Gesamtkunstwerk“. Warum gehe ich ins Kleintheater, an die Vernissage, die Ausstellung, ins Grüningerstadion und warum an Festivals? Auch, weil ich es nicht aushalte einfach nichts zu tun und zu hause zu sein?! Aus dem Fenster schauen oder vor dem Haus auf der Bank zu sitzen war früher ganz normal. Auch so kam man mit Menschen, Natur und anderem in Kontakt. Und ja, manchmal langweilte man sich auch - und hielt es aus...

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