Sie gehören nicht richtig dazu. Emil, der Vater, wirft es sich und seiner Frau Sofia selber vor. Eine «Tschinggenfamilie» seien sie, keine rechten Schweizer. Den Kindern verbietet er, zuhause mit der Mutter italienisch zu reden. Rosa, die jüngere Tochter, muss sich von den andern Kindern Schlötterlinge anhängen lassen.
Emil hat Sofia im Wirtshaus kennengelernt, wo sie als Serviertochter arbeitet. Sofia war als Kind mit ihren Eltern in die Schweiz gekommen. Sie musste zuhause bleiben, wenn Vater und Mutter morgens aus dem Haus zur Arbeit gingen. «Sei brav, cara figlia, auch dieser Tag geht vorbei», sagt die Mutter. Sie sagt es jeden Tag. Sofia klammert sich an ihren Teddy, sie weiss nur, dass es schlimm wäre, wenn man sie entdecken würde. «Dann müsste sie zurück nach Italien und würde ihre Eltern nie mehr sehen.»
Unerwünschte «Gastarbeiter:innen»
Sofia ist eines der illegalen Kinder, wie es sie in der Zeit der grossen Einwanderungswellen aus Südeuropa vor und nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Regime des Saisonnierstatuts zahlreich gab in der Schweiz – ein fragwürdiges Kapitel der Schweizer Ausländerpolitik. Und eines, das hier im Roman nachwirkt ins Private hinein.
Einmal hört Rosa ihre Eltern streiten. Die Mutter schimpft auf Italienisch, droht, ihre Mädchen zurückzunehmen nach Italien. Es ist die Zeit der ersten Schwarzenbach-Initiative von 1970, die Zahl der Ausländer:innen soll auf zehn Prozent beschränkt werden, und Emil will trotz seiner italienischen Frau Ja stimmen. «Mach dein Krüzli dort, wo du willst», flucht Sofia.
Ein politisches «Erbgut», das bisher noch wenig literarisch aufgearbeitet worden ist. Mehr dazu wird an der St.Galler Lesung von heute Mittwoch abend zu hören sein. Mit dabei ist die Autorin Melinda Nadj Abonji, Gründungsmitglied des Vereins «Tesoro». Er vertritt die Interessen der ausländischen Arbeiterfamilien, die zwischen 1934 und 2002 vom Schweizerischen Statut A (Saisonnier) und B (Jahresaufenthalter) betroffen waren. Die St.Galler Stadtpräsidentin und Seconda Maria Pappa spricht zur Begrüssung.
Bettina Scheiflinger: Erbgut. Verlag Kremayr & Scheriau Wien 2022, Fr. 31.90
Die Politik dringt im Roman Erbgut in die Familiengeschichte ein, allerdings eher in Episoden am Rand. Im Kern erzählt Bettina Scheiflinger, Jahrgang 1984, in Wil aufgewachsen und in Wien lebend, eine Familiengeschichte über drei Generationen hinweg, mit dem Müttern und Töchtern im Zentrum.
Die Ich-Erzählerin wächst als Tochter von Rosa und Arno in der Schweiz auf, mit Eltern, die beide einen je eine eigene Migrationsgeschichte haben: die italienische Nonna auf der mütterlichen Seite und die Kärntner Familie ihres Vaters. Auch Arno ist kein richtiger Hiesiger, das Mädchen wird in der Schule schon mal ausgelacht für den komischen österreichischen Dialekt ihres Vaters.
Erzähl-Patchwork
Im Roman entwirren sich diese Familienverhältnisse erst nach und nach. Scheiflinger erzählt nicht chronologisch, sondern kreuz und quer durch die Generationen aus verschiedenen Perspektiven – ein Erzählmuster, das etwas Monotones hat und zugleich einen Sog erzeugt, dem man beim Lesen mehr und mehr erliegt.
Lesungen:
26. Oktober, 19.30 Uhr, Parfin de Siècle St.Gallen, veranstaltet vom Literaturhaus Wyborada
27. Oktober, 19.30 Uhr, Gare de Lion Wil
bettinascheiflinger.com
Neben der Ich-Figur lösen sich die Stimmen und Erlebnisse von Sofia, von Rosa und von Johanna, der Kärtner Omi in raschem Wechsel ab. Die Männer haben, mit Ausnahme von Arno, eine Nebenrolle; neben Emil wirft vor allem Franz seine Schatten, der Kärtner Opi, der im Krieg mit den Nazis kollaboriert hat, im Lager war und für seine Kinder nur Schläge übrig hat.
Die Mütter tragen auf ihren Schultern die Last der Familiengeschichte und im Bauch die gewollten oder unerwünschten Schwangerschaften. Und die Ich-Erzählerin schleppt diese Last auf ihre Weise mit – suchend im Beruf, unstet in ihren Männerbeziehungen, nomadisch in karg eingerichteten Wohnungen. Mit ihrer eigenen Geburt setzt der Roman ein, mit der Geburt ihres Kindes endet er. Und sagt damit zugleich: das «Erbgut» wird weiter wirken.
Ein Viertel der Bevölkerung hat ausländische Wurzeln, darf in der Politik aber keine solchen schlagen. Kann sich «Volksvertreter» nennen, wer nur drei Viertel der Gesellschaft repräsentiert? Eigentlich nicht, findet Nino Cozzio, der Secondo im St.Galler Stadtrat. Die Saiten-Statistik gibt ihm Recht.
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.