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Das Erbgut des Fremdseins

In Erbgut erzählt die aus Wil stammende Autorin Bettina Scheiflinger die Geschichte dreier Generationen – und damit auch ein Stück wenig aufgearbeiteter Schweizer Migrationsgeschichte. Ihren Romanerstling stellt sie heute und morgen in St.Gallen und Wil vor.
Von  Peter Surber
Bettina Scheiflinger. (Bild: Mercan Sümbültepe)

Sie gehören nicht richtig dazu. Emil, der Vater, wirft es sich und seiner Frau Sofia selber vor. Eine «Tschinggenfamilie» seien sie, keine rechten Schweizer. Den Kindern verbietet er, zuhause mit der Mutter italienisch zu reden. Rosa, die jüngere Tochter, muss sich von den andern Kindern Schlötterlinge anhängen lassen.

Emil hat Sofia im Wirtshaus kennengelernt, wo sie als Serviertochter arbeitet. Sofia war als Kind mit ihren Eltern in die Schweiz gekommen. Sie musste zuhause bleiben, wenn Vater und Mutter morgens aus dem Haus zur Arbeit gingen. «Sei brav, cara figlia, auch dieser Tag geht vorbei», sagt die Mutter. Sie sagt es jeden Tag. Sofia klammert sich an ihren Teddy, sie weiss nur, dass es schlimm wäre, wenn man sie entdecken würde. «Dann müsste sie zurück nach Italien und würde ihre Eltern nie mehr sehen.»

Unerwünschte «Gastarbeiter:innen»

Sofia ist eines der illegalen Kinder, wie es sie in der Zeit der grossen Einwanderungswellen aus Südeuropa vor und nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Regime des Saisonnierstatuts zahlreich gab in der Schweiz – ein fragwürdiges Kapitel der Schweizer Ausländerpolitik. Und eines, das hier im Roman nachwirkt ins Private hinein.

Einmal hört Rosa ihre Eltern streiten. Die Mutter schimpft auf Italienisch, droht, ihre Mädchen zurückzunehmen nach Italien. Es ist die Zeit der ersten Schwarzenbach-Initiative von 1970, die Zahl der Ausländer:innen soll auf zehn Prozent beschränkt werden, und Emil will trotz seiner italienischen Frau Ja stimmen. «Mach dein Krüzli dort, wo du willst», flucht Sofia.

Ein politisches «Erbgut», das bisher noch wenig literarisch aufgearbeitet worden ist. Mehr dazu wird an der St.Galler Lesung von heute Mittwoch abend zu hören sein. Mit dabei ist die Autorin Melinda Nadj Abonji, Gründungsmitglied des Vereins «Tesoro». Er vertritt die Interessen der ausländischen Arbeiterfamilien, die zwischen 1934 und 2002 vom Schweizerischen Statut A (Saisonnier) und B (Jahresaufenthalter) betroffen waren. Die St.Galler Stadtpräsidentin und Seconda Maria Pappa spricht zur Begrüssung.

Bettina Scheiflinger: Erbgut. Verlag Kremayr & Scheriau Wien 2022, Fr. 31.90

Die Politik dringt im Roman Erbgut in die Familiengeschichte ein, allerdings eher in Episoden am Rand. Im Kern erzählt Bettina Scheiflinger, Jahrgang 1984, in Wil aufgewachsen und in Wien lebend, eine Familiengeschichte über drei Generationen hinweg, mit dem Müttern und Töchtern im Zentrum.

Die Ich-Erzählerin wächst als Tochter von Rosa und Arno in der Schweiz auf, mit Eltern, die beide einen je eine eigene Migrationsgeschichte haben: die italienische Nonna auf der mütterlichen Seite und die Kärntner Familie ihres Vaters. Auch Arno ist kein richtiger Hiesiger, das Mädchen wird in der Schule schon mal ausgelacht für den komischen österreichischen Dialekt ihres Vaters.

Erzähl-Patchwork

Im Roman entwirren sich diese Familienverhältnisse erst nach und nach. Scheiflinger erzählt nicht chronologisch, sondern kreuz und quer durch die Generationen aus verschiedenen Perspektiven – ein Erzählmuster, das etwas Monotones hat und zugleich einen Sog erzeugt, dem man beim Lesen mehr und mehr erliegt.

Lesungen:

26. Oktober, 19.30 Uhr, Parfin de Siècle St.Gallen, veranstaltet vom Literaturhaus Wyborada

27. Oktober, 19.30 Uhr, Gare de Lion Wil

bettinascheiflinger.com

Neben der Ich-Figur lösen sich die Stimmen und Erlebnisse von Sofia, von Rosa und von Johanna, der Kärtner Omi in raschem Wechsel ab. Die Männer haben, mit Ausnahme von Arno, eine Nebenrolle; neben Emil wirft vor allem Franz seine Schatten, der Kärtner Opi, der im Krieg mit den Nazis kollaboriert hat, im Lager war und für seine Kinder nur Schläge übrig hat.

Die Mütter tragen auf ihren Schultern die Last der Familiengeschichte und im Bauch die gewollten oder unerwünschten Schwangerschaften. Und die Ich-Erzählerin schleppt diese Last auf ihre Weise mit – suchend im Beruf, unstet in ihren Männerbeziehungen, nomadisch in karg eingerichteten Wohnungen. Mit ihrer eigenen Geburt setzt der Roman ein, mit der Geburt ihres Kindes endet er. Und sagt damit zugleich: das «Erbgut» wird weiter wirken.

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