Das Gesetz, dieses allmächtige, unerreichbare, undurchschaubare, gnadenlos zuschlagende Kafka-Gesetz, lässt auch dem St.Galler Ka keine Chance: Am Ende sticht ihm einer der beiden Wächter das Messer ins Herz, blutspuckend stirbt er vorne am Bühnenrand. Anders als bei Josef K. im Roman-Original wissen wir aber, was sich Ka zuschulden kommen lassen hat. Über Lautsprecher sind seine Straftaten jeweils in flagranti verkündet worden, mit den einschlägigen Artikeln aus dem Schweizerischen Strafgesetzbuch: Gewalt und Drohung gegen Beamte, Vorteilsnahme, Bestechung, Urkundenvernichtung, Raufhandel mit Todesfolge, Angriff gegen die sexuelle Unversehrtheit.
Ein kapitaler Sündenkatalog – und ein irritierender Bruch mit dem Original. Autorin Anita Augustin, die die St.Galler Bühnenfassung nach dem Roman von Franz Kafka erstellt hat, holt Kafkas so minutiös beschriebenen wie zugleich komplett grundlosen «Prozess» in scheinbar rationale hiesige Verhältnisse herab. Ka’s Bank heisst «Gallus & Söhne», Ka ist Chief Officer, Nora Bürstner, im Original seine Zimmernachbarin, hier seine Arbeitskollegin.
Beide werden an Ka’s 30. Geburtstag zum Auftakt des Stücks als Mitarbeiter des Jahres ausgezeichnet. Fräulein Bürstner erhält einen Coop-Gutschein, Ka drei Monatslöhne, eine IWC-Uhr und zwei Freitage. Und wird, am Ende einer gespenstisch choreografierten Gratulations-Polonaise, aus heiterem Himmel verhaftet.
Ka (Fabian Müller) und seine Peiniger (Christian Hettkamp und Frederik Rauscher).
Havarierte Mischwesen
Was als schlechter Witz daherkommt, nimmt groteske und immer befremdlichere Züge an. Mit der Ratio ist auch die St.Galler Inszenierung rasch am Ende, eine surreale Mechanik bemächtigt sich der Figuren und selbst der Bühne: Stilisierte Bürohäuschen fahren vor und wieder weg, der Untersuchungsrichter taucht mit einem gellenden Lachanfall aus dem Unterboden auf, später tanzen Schuhpaare wie von Geisterhand geführt im Atelier des Malers.
Und zu den Schauspielern aus Fleisch und Blut gesellen sich Puppen, gebaut und geführt von Absolventen der Berliner Ernst Busch-Hochschule für Schauspielkunst: Mischwesen mit grossen Köpfen, kopflosen Rümpfen, kurzen Beinchen oder klappernden Prothesen. Mal sind sie von Puppenspielern geführt, mal tragen die Spieler selber Masken und bilden bedrohliche Chöre.
Ka (Fabian Müller), bedrängt von den Advokaten (Jemima Milano, Lilith Maxion, Josephine Buchwitz, Bianka Drozdik) und von Kullich (Eileen von Hoyningen Huene, Maximilian Tröbinger, Evi Arnsbjerg Brygmann).
Verkörpern die Masken die grinsende Fratze der Bürokratie, so die Frauenfiguren den Abgrund der Erotik. Sie gleichen sich wie stets bei Kafka, all die Elsas, Lenis, Ernas und Helenes: «verdorben», aufgetakelt mit Highheels oder Krokodillederstiefeln, obsessiv zu Diensten.
Beklemmende Traumlogik
Dienstfertig ist auch Ka’s wuschelhaariger Helfer Kullich, Kullich und Kullich. Er ist die fantastischste Figur im Puppenpersonal, geführt von bis zu vier Spielerinnen. Kullich bedrängt Ka eifrig mit Siri-Stimme, informiert und gestikuliert, bricht auseinander, setzt sich neu zusammen.
Eine weitere, krüpplig kleinwüchsige Puppenfigur ist der hündische Kaufmann Block, eine dritte Bertram. Dieser stellt (wie der namenlose Student im Roman) der Frau des Gerichtsdieners nach, gleicht in seinem Anzug aber dem Angeklagten Ka und erweist sich mehr und mehr als dessen Alter ego. Auf dem Höhepunkt seiner Wut über die Undurchschaubarkeit des Prozesses erschlägt Ka die Bertram-Puppe. Und nährt den Verdacht, dass das ganze zahlreiche Personal auf der Bühne ein Spiegel der multiplen Hauptfigur Ka sein könnte. Das würde zur Traumlogik des Stücks passen, die auch Ka selber vergeblich ins Spiel bringt: «Man kann doch nicht für seine Träume verurteilt werden.»
Ob Traum oder Alptraum, Kritik an der k.u.k.-Justiz oder Vorwegnahme des Faschismus: Die Kafka-Exegese füllt bekanntlich Bibliotheken. Wer alles verstehen will, sollte sich den Ratschlag zu Herzen nehmen, den der Schutzmann in einer von Kafkas Kurzgeschichten dem Wegsuchenden gibt: «Gibs auf, gibs auf!».
Sicher ist aber: Das virtuose Handwerk der Figurenspieler bietet höchste Schaulust. Die Inszenierung von Schauspieldirektor Jonas Knecht und seinem Berliner Co-Regisseur Markus Joss fährt eine verschwenderische Fülle von Bildern, Figurenkonstellationen und Anspielungen auf, denen man als Zuschauer fasziniert folgt und sich ab und zu auch ähnlich klaustrophobisch ausgeliefert fühlt wie Protagonist Ka seinem Prozess.
Man staunt und amüsiert sich und erschrickt zugleich ob dem Zustand des Menschen: zerfallend in seine Einzelteile, prothesengeflickt, von fremder Hand gesteuert. Die Puppen und Masken sind mit ihren starren Gesichtszügen und ihrem fragil-mobilen Körper dem Menschen unter- und zugleich überlegen – nicht zuletzt darin, dass sie ausserhalb des Gesetzes stehen.
Nächste Vorstellungen: 15., 26., 31. Januar
theatersg.ch
Ka aber, von Fabian Müller leidenschaftlich gespielt, bleibt als einziger ohne Maske und hält bis zum blutigen Ende seine Rebellion aufrecht. Er wehrt sich mit Händen und Füssen gegen ein Gesetz, das angeblich gerecht ist – jedoch in Tat und Wahrheit, worüber ihn der Maler Titorelli kurz vor dem Ende aufklärt, nur Schuldige kennt und sein Urteil schon immer längst gefällt hat.
Im Labyrinth des Gerichts: Marcus Schäfer, Fabian Müller, Anna Blumer, Diana Dengler.
Freispruch
Gegenüber Kafkas Original, wo die Schuld ohne Grund bleibt, während Josef K. sie am Ende beinah freudig annimmt, bedeutet die St.Galler Inszenierung zwar eine gewisse Banalisierung. Die Entschädigung ist ein Bühnentreiben voller Überraschungen und Aufregungen, voll Bildfantasie und choreografischer Kraft. Und gewürzt mit Komik, wenn etwa Ka’s Verteidigungsrede vom anschwellenden sexuellen Gekeuche übertönt wird oder der Helfer vom «maritimen Notdienst» eifrig Reizworte ausprobiert, um Ka aus seiner Ohnmacht herauszuholen.
Einer der Namen, den der Mann versuchsweise aufruft, ist «Jonas». Das weckt zwar Ka auch nicht auf, passt aber sonst gut. Jonas K., der St.Galler Schauspieldirektor, teilt nicht nur mit Kafkas Romanfiguren die Initialen, sondern mit seinen Mitstreitern auch die Passion fürs Puppenspiel. Er hat seinerzeit selber an der «Ernst Busch» studiert; mit dieser Produktion kommt ein Stück weit sein eigener künstlerischer Prozess auf die Bühne. Das Urteil konnte man dem langen Premierenapplaus entnehmen: Freispruch.
Schauspiel: Fabian Müller, Birgit Bücker, Tobias Graupner, Anja Tobler, Marcus Schäfer, Frederik Rauscher, Christian Hettkamp, Diana Dengler, Anna Blumer, Oliver Losehand. Puppenspiel: Eva Vinke, Anastasia Starodubova, Laura Waltz, Eileen von Hoyningen Huene, Maximilian Tröbinger, Evi Arnsbjerg Brygmann, Josephine Buckwitz, Bianka Drozdik, Jemima Milano, Lilith Maxion. Musik: Andi Peter, Nico Feer. Bühne: Claudia Rohner. Kostüm: Heidi Walter, Puppen- und Objektbau: Karin Tiefensee, Ingo Mewes, Julian Jungel.
Ka (Fabian Müller) vor dem Untersuchungsrichter (Oliver Losehand), dahinter das Personal der Vorstadt.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.