Wer hat nicht schon davon geträumt, zu fliegen. Nicht mit Gerätschaften, Maschinen oder von Schanzen herunter, sondern Arme ausbreiten und los. Einfach so, ohne Kraftanstrengung, leicht dahin. Barbara Signer und Nathalie Price Hafslund haben diesem Traum sein Bild gegeben oder vielmehr: seinen Film. Der Himmel ist gleissend blau, die Wüste hügelig und mittendrin gleitet durch die Lüfte eine junge Frau.
Auf das Woher und Wohin kommt es nicht an, einzig auf den Zustand: schwerelos, schwebend. «Komm, wir gehen mitfliegen», sagt ein Kind. Zwei Teppiche liegen bereit – vielleicht lässt sich in Bauchlage auf dem flauschigen Untergrund das Erdenschwere abwerfen oder zumindest vergessen: Das Kornhaus Rorschach wird zur Traumstation.
Leichtsinn und Tiefsinn
Und Träume wurzeln bekanntlich in der Realität. Manchmal schlagen sie von dort ins Unheimliche aus, oft ins Surreale, und manchmal könnte auch alles so gewesen sein. Zwischen diesen Polen, zwischen Alltag, Albtraum und Anderswelten, bewegen sich die Arbeiten von Barbara Signer und Nathalie Price Hafslund. Beiden Künstlerinnen gelingt die Synthese aus Leichtigkeit und Tiefsinn, aus Weltgewandtheit und Ortsbezug.
Zentrale Arbeit ist ein Kreis aus Glacéblöcken oder das, was davon inzwischen übrig ist: etwas Fett und etwas Farbstoff. Die Sommerlust ist dahin geschmolzen. Sie hat sich erst in wackelige Menhire, dann in ein pastoses Gemälde und schliesslich in eine glitschige Masse verwandelt. Ihre Zwischenstufen wirken wie zuckerzerfressene Zähne oder wie geplatzte Adern in verwesendem Fleisch, dort nämlich, wo die eigens gegossenen, roten Sorbetaugen unter der Frühsommerhitze ihre Form verloren und sich in roten Farbströmen aufgelöst haben.
«Astral Sleaze», bis 17. Juni, Kornhaus Rorschach, Sa und So 11-18 Uhr. So 10. Juni 11 Uhr: Textcollage von Ralf Bruggmann. So 17. Juni 11 Uhr. Finissage.
kulturfruehling.ch
Diese Nähe der Installation zur Malerei ist keinesfalls zufällig und setzt sich in A Picture of a Woman Looking at a Picture (Twilight Zone) von Barbara Signer fort. Der doppeldeutige Titel zitiert einerseits die in den 1950ern gestartete Fernsehserie. Andererseits spielt er an auf das Sujet der Frau inmitten moosbewachsener Steine. Sie schiebt ein Rasterbild hin und her, so dass ein Moiré-Effekt entsteht – das Bild ist also in zweifachem Sinne ein bewegtes Bild.
Bewegte Bilder thematisiert auch Natalie Price Hafslund – am letzten Ort, an den grosse Darsteller dieser Bilder gelangen. Mit der Handkamera hat sie den «Hollywood Forever Cemetery» gefilmt. Auch hier hat die Sache mehr als nur eine Seite. Die Düsternis des Todes klingt zwar durch den Verzicht auf Farbe an, aber die Old Time Music, die schnellen Bildwechsel, die wacklige Tour von Grabstein zu Grabstein nehmen dem Thema alle Schwere, und wenn plötzlich aus einer frisch ausgehobenen Grube eine Schaufel auftaucht, wirkt dies eher surrealistisch als bedrohlich.
In der Einzelschlafzelle
Barbara Signer und Nathalie Price Hafslund gelingt es, bestehende und neue Arbeiten nahtlos zu einem grossen Ganzen zusammenzufügen. Entstanden sind die früheren Werke bei einem Aufenthalt in der kalifornischen Mojave-Wüste bei Joshua Tree. Das Umfeld dort ist ein besonderes, ein künstlerisches. Andrea Zittel, in den 1990er Jahren in der Kunstwelt international präsent mit ihren Miniwohnzellen, führt dort ihre «Experiments in Living» weiter und lädt Kunstschaffende ein, die Einzelschlafzellen temporär zu bewohnen.
Barbara Signer und Nathalie Price Hafslund haben eine Zeitlang in der Wüste verbracht und sie intensiv genutzt. Viele Arbeiten tragen Spuren jener kargen Landschaft in sich. Aber sie vertragen sich auch mit dem Wasser, mit dem See: Die beiden Künstlerinnen haben in der Woche vor der Ausstellung Quartier bezogen im Kornhaus Rorschach. Sie haben ihre früheren Arbeiten analysiert, weiterentwickelt und so Rorschach etwas näher an die grosse weite Welt gerückt.
Damit ist nach der Finissage zumindest im Kornhaus vorläufig Schluss: «Astral Sleaze» ist die letzte von 17 Ausstellungen, die Elisabeth und Thomas Krucker unter dem Titel Kulturfrühling seit 2010 hier veranstaltet haben.
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.