, 13. November 2021
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Das «H» in HSG steht für den Habitus

Wer sich dem exklusiven Charakter der Universität St.Gallen nähert, lernt von der ungebrochenen Aktualität Pierre Bourdieus. Seit ich an der HSG studiere, bin ich Teil einer Maschinerie, die von der Illusion der Chancengleichheit lebt: Die Erzählung von höchsten Leistungsansprüchen handelt bei näherem Hinsehen von sozialer Selektivität. Und führt zu Papierkorbarbeiten. von Oliver Kerrison

Illustrationen: Stephan Dybus

Unter Studierenden der Universität St.Gallen gilt eine Regel, die nirgendwo festgehalten, aber allen bekannt ist. Die Regel besagt: Der tannengrüne Kapuzenpullover mit den Aufschriften «University of St.Gallen» und dem Gründungsjahr «Est. 1898» darf erst gekauft und getragen werden, wenn das Assessmentjahr bestanden ist. Der Hoodie, der Assoziationen zu US-amerikanischen Eliteuniversitäten weckt, verspricht Ausdruck von Fleiss und Ehrgeiz zu sein, von einer Institution, an der Studierenden nichts geschenkt wird.

1898 als bodenständige Handelsakademie gegründet, versteht sich die Universität St.Gallen längst als eine der führenden Wirtschaftshochschulen Europas. Zu ihren Alumni zählen eine Vielzahl von Wirtschaftspersönlichkeiten, die gerne auf die HSG verweisen – und auf die vonseiten der HSG gerne verwiesen wird. Derzeit sind an der HSG 9435 Studierende eingeschrieben, denen ein hohes Gehalt winkt: Laut Bundesamt für Statistik verdienen HSG-Masterabsolvierende fünf Jahre nach dem Abschluss jährlich CHF 114’000 (Median) – der Spitzenwert unter den Schweizer Universitäten.

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«Herzliche Gratulation!», schreibt der Studiensekretär. «Sie wurden aufgrund Ihrer hervorragenden Bewerbungsunterlagen vom Zulassungsausschuss ausgewählt. Wir freuen uns, Ihnen einen Studienplatz an der Universität St.Gallen anbieten zu können.» Wer an der HSG studieren will, sieht sich mit hohen Zugangshürden konfrontiert: Das Assessmentjahr ist das Nadelöhr für eine Zulassung zum Bachelorstudium, auf Masterstufe variieren die Auflagen je nach Studiengang. Von mir wird für eine Aufnahme im Masterprogramm Management, Organisation, Kultur ein universitärer Bachelorabschluss mit Mindestnotenschnitt 5,0 erwartet, zudem ein Bewerbungsessay, ein Motivationsschreiben und ein Lebenslauf.

Warum tue ich mir das an? Vielleicht, weil mein Bildungsweg gefühlt unten ansetzte, ich ihn als eine Art Level-zu-Level-Spiel verinnerlichte: von der Berufslehre via Fachhochschule an die Universität. «Was macht man damit?», hörte ich in meiner Familie, die kaum Universitätsabschlüsse kennt, mir aber stets finanzielle Unterstützung zusicherte. Die HSG weiss darauf viele Antworten, alle handeln von Erfolg. Mich reizen verschiedene Universitäten und Studiengänge, doch würde es sich nach einer verpassten Gelegenheit anfühlen, den HSG-Studienplatz auszuschlagen. Schliesslich wurde ich ja ausgewählt. Also bestätige ich. Der Rektor schreibt: «Zusammen mit fast 9000 Studierenden, mehr als 3300 Mitarbeitenden in Forschung, Lehre und Administration sind Sie nun auch Teil der HSG-Gemeinschaft.»

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Offenkundig spricht die HSG ihre Studierenden als zukünftige Führungspersönlichkeiten an, hingegen wird der Begriff der Elite vermieden. Doch der Akt der Auslese, der entlang einer Selektion in Assessment- und Bewerbungsverfahren die leistungsstarken von weniger leistungsstarken Studierenden separieren soll, deutet die Verbindung an: Elite meint nach Wortherkunft das Auserwählte, das Bessere. Spätestens im Lichte der Französischen Revolution zum Ende des 18. Jahrhunderts mutiert der Elitebegriff zum Kampfbegriff des Bürgertums gegen Adel und Klerus. Einher geht damit die konsequente Forderung nach einer aufgrund von Leistung und nicht durch Abstammung bestimmten Führungsauslese.

Sich das zu Leistende leisten können

Ab Anfang der 1960er-Jahre weist der Soziologe Pierre Bourdieu auf die Ungleichverteilung der Bildungschancen im französischen Universitätssystem hin. Insbesondere hebt er Reproduktionsmechanismen hervor, die mit einem spezifischen Habitus einhergehen. Der Habitus meint ein verinnerlichtes Ensemble aus Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, die sich aus sozialen und ökonomischen Prägungen ergeben, vereinfacht: der Stallgeruch einer Person.

Bei der Habitusformation komme bestimmten Bildungstiteln eine besondere Wichtigkeit zu, macht Bourdieu an der empirischen Auseinandersetzung mit den «grandes écoles», den französischen Elitehochschulen, fest. Deren wesentliche Funktion sei es, eine gesellschaftlich allgemein anerkannte Elite zu reproduzieren. Insbesondere im Kontext von Grossunternehmen bezeichnet Pierre Bourdieu die Abschlüsse der renommierten Hochschulen, die sich durch spezifische Strukturen und strenge Zulassungsbedingungen auszeichnen, als Zugangsberechtigung zu Spitzenpositionen.

Der Bildungserfolg, der sich gemäss Bourdieus Analysen vorrangig auf die ökonomische und kulturelle Kapitalausstattung des Elternhauses zurückführen lasse, sorge bei öffentlichen Bildungsinstitutionen, die prinzipiell allen offenstehen, für die wesentliche Legitimität. Nicht zuletzt wirke sich dies auf das Selbstverständnis einer neuen Wirtschaftselite aus, so Bourdieu: Ihre Überzeugung sei, dass der eigene Machtanspruch nicht auf Reichtum oder Herkunft, sondern auf Intelligenz und Kompetenz beruhe.

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Auf das kompetitive Bewerbungsverfahren folgt ein herzlicher Empfang in St.Gallen. Namensschilder liegen bereit, es herrscht eine geradezu familiäre Atmosphäre. Es wird viel gelacht. In der Vorstellungsrunde – zwei Minuten pro Person, eine Powerpoint-Folie – sprechen zielstrebige und wortgewandte Mitstudierende über ihre Studienabschlüsse, Projekte und Praktika. Die interdisziplinäre Ausrichtung des Studiengangs ist in diesem Ausmass ein HSG-Sonderfall; es kommen Sozialwissenschaftlerinnen, Rechtswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen zusammen.

Trotz unterschiedlicher Studienhintergründe gibt es Gemeinsamkeiten. Die Kleidung ist leger, aber gepflegt. Die Berufsziele sind vielfältig, aber ambitioniert. Es herrscht eine offene Stimmung, ein Miteinander, man geht aufeinander zu. Das Abendessen, das wie die mehreren Begrüssungsapéros vom Studiengang offeriert wird, dauert bis in die Nacht. Tags darauf geht es beizeiten weiter. Die Bereitschaft, früh aufzustehen, hart zu arbeiten, pünktlich, strukturiert und gut gelaunt zu sein, wird hier nicht bloss eingefordert, sondern auch vorgelebt. So zumindest erlebe ich es von den vier Professoren und ihren drei Assistentinnen in den Pflichtkursen des ersten Semesters. Und ja, die einseitige Rollenverteilung nach Geschlecht wird unter Studierenden diskutiert, doch so wirklich dazu durchringen, den Missstand zu thematisieren, mag sich letztlich niemand. Auch ich nicht.

Das Semester nimmt rasch Fahrt auf, ich beginne Prioritäten zu setzen: Virtuelle Treffen im Rahmen von Gruppenarbeiten werden an- und private Verabredungen abgesagt. «Jeder Kreditpunkt an der HSG ist tendenziell härter verdient als an anderen Universitäten – der Stundenaufwand ist grösser», sagt ein HSG-Professor im persönlichen Gespräch. Er, der zuvor an verschiedenen Schweizer Universitäten lehrte, weiss, wovon er spricht. Und ich nun auch. Nach kurzer Zeit bin ich besser darin geworden, so scheint es mir, in meinem persönlichen Umfeld Verständnis für meine Studiensituation zu wecken – sprich: freundlich, aber klar mitzuteilen, dass ich gerade keine Zeit habe.

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Zeit, darum geht es im Kern. Einerseits um vergangene Zeit, um Geschichte. Denn spricht die Universität St.Gallen von sich selbst, so blickt sie gerne zurück: Auf die Anfänge, 1898, als der Unterricht der Höheren Schule für Handel, Verkehr und Verwaltung gemäss eigener Historiografie mit lediglich sieben Studierenden im Westflügel der Kantonsschule am Burggraben begann.

Die HSG versteht sich als etwas Gewordenes, als Ausdruck des eigenen Aufstiegs von der «Provinzklitsche», wie es ein ehemaliger HSG-Professor beschreibt, zur «renommierten, international vernetzten Hochschule», wie es heute auf der Website heisst. Doch blickt die HSG zurück, blickt sie eigentlich nach vorne. Als die Universität St.Gallen 1998 das 100-jährige Jubiläum feiert, lautet das Motto: «Zukunftswerkstatt HSG». Wer sich auf der Website nach der Studierendenzahl erkundigt, findet nicht bloss eine Zahl, sondern ein leicht aber kontinuierlich ansteigendes Entwicklungsdiagramm der jüngsten Vergangenheit von 2016 (8337 Studierende) bis 2020 (9047 Studierende). Das Vergangene dient als Richtwert, den es morgen zu übertreffen gilt.

In der institutionellen Selbstdarstellung der HSG scheint auf, worin der Historiker Valentin Groebner eine Art Vervollständigung der Geschichte durch Vergangenheitsvergewisserung sieht: «Was im Namen der Identität aufgerufen wird, ist trotz anders lautender Bekundungen deswegen nicht der Stolz auf die eigene Herkunft, sondern die Angst vor Verlust.» Die Angst davor, dass die durch ständige Wiederholung immer wieder neu hergestellte Geschichte aufhört und verschwindet, so Groebner. Um dies zu verhindern, scheint an der HSG die Erinnerungsarbeit mit Legitimität schaffenden Erzählungen von Exzellenz und Leistungsansprüchen verknüpft zu werden. Was gewisse Studierende anzieht und wiederum andere abstösst, suggeriert letztlich – sichergestellt durch Selektionsmechanismen – eine Auswahl von besonders leistungsbereiten Studierenden.

Aber was heisst das eigentlich genau? Im Kontext der Universität St.Gallen meint Leistungsbereitschaft insbesondere die Bereitschaft, für jeden Kreditpunkt einen erheblichen Zeitaufwand zu leisten. Und leisten meint dabei zweierlei: Einerseits den Willen zum Meistern der zeitaufwendigen Aufgabenstellungen, andererseits die Möglichkeit zur Schaffung freier Zeitfenster – dass man sich das zu Leistende überhaupt erst leisten kann.

Dies führt zurück zu Pierre Bourdieu, der auf den Umwandlungsprozess von ökonomischem zu kulturellem Kapital hinweist: Der Aufwand an Zeit, der durch die Verfügung über ökonomisches Kapital ermöglicht werde, sei zentral. Denn da der Erwerb kulturellen Kapitals vor allem Zeit erfordere, sei der Nachwuchs der herrschenden Klasse gleich doppelt begünstigt.

Wer an der HSG studiert – und wer rausfliegt

Wie lässt sich die Universität St.Gallen aus einer an Bourdieu anknüpfenden Perspektive greifen? Ein Forschungsteam um den kürzlich verstorbenen wissenschaftlichen Mitarbeiter und Lehrbeauftragten Stephan Egger und den inzwischen emeritierten HSG-Soziologieprofessor und Bourdieu-Schüler Franz Schultheis hat sich dieser Frage angenommen. «Simply the Best», so der Titel einer Studie zur Habitusformation und Milieusozialisation an der Universität St.Gallen, die 2013 universitätsintern vorgelegt wurde. Der Öffentlichkeit und der Wissenschaft blieb die von der HSG-Forschungskommission finanzierte Untersuchung bislang verborgen. Zeit, sich die Erkenntnisse näher anzusehen.

«Simply the Best». Habitusformation und Milieu­sozialisation an der Universität St.Gallen. Selektion – Integration – Segregation. Forschungsbericht von Stephan Egger, Franz Schultheis, Tina Willner, Anja Zwingenberger. St.Gallen, März 2013.

Zur Frage, wer eigentlich an der HSG studiert, stellen Egger u.a. fest, dass es sich um eine durchaus heterogene Ansammlung junger Menschen kleinbürgerlicher und bürgerlicher Herkunft handelt. Eine Befragung zum Beruf des Vaters verdeutlicht dabei, dass das Wirtschaftsbürgertum und die freien Berufe wie Ärzte oder Lehrer besonders stark vertreten sind. Dennoch sei die HSG nicht ausgesprochen elitär strukturiert, sondern eher als eine Ausbildungsstätte zur Rekrutierung und Reproduktion gutbürgerlicher Führungskräfte vornehmlich für die Wirtschaft einzustufen.

Bei Studierenden aus bescheidenen Verhältnissen würden sich gedämpftere und regional ausgerichtete Ambitionen für den zukünftigen Lebensweg zeigen, während Absolvierende aus gehobenen Verhältnissen entschiedenere Karrierevorstellungen hätten, vermehrt internationale Pläne hegten und sich im Verlauf des Studiums am meisten verbessern würden. Das Selbstbild der HSG als Ausbildungsstätte für den wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Führungsnachwuchs sehen Egger u.a. weitgehend bestätigt. Allerdings sei die Studierendenstruktur weniger international und elitär, als bisweilen suggeriert werde. Und für Studierende aus einfachen Verhältnissen sei sie deutlich weniger zugänglich.

Der Einfluss sozialer Merkmale auf die Selektion zeigt sich besonders im Rahmen des Bachelor-Assessmentjahres. Egger u.a. untersuchen eine ganze Reihe von Merkmalen, die in Zusammenhang mit dem Studienerfolg stehen: darunter Geschlecht, Bildungsabschluss der Eltern, Studienfinanzierung durch die Familie und die Erwerbstätigkeit während dem Studium.

Letztere fällt dabei besonders stark ins Gewicht: Je höher die Erwerbstätigkeit aufgrund materieller Zwänge, desto höher das Risiko, abzubrechen oder rauszufliegen. Insgesamt, so veranschaulichen Egger u.a., führen die Selektionseffekte zwischen dem Assessmentjahr und dem Bachelorstudium zu einer eindeutigen Homogenisierung der studentischen Profile. Die Anteile von Frauen und von Studierenden aus bildungsfernen Schichten nehmen ab, die studentische Population werde insgesamt bürgerlicher, deutscher und hinsichtlich der elterlichen Unterstützung privilegierter.

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Kurz vor Mitternacht kollabiert der Web-Server der studieninternen HSG-Plattform. Die Semesternoten werden aufgeschaltet. Ich bleibe wach, viele andere auch. «Wieso isch Note becho eifach immer unbefriedigend?», schreibt eine Kommilitonin via Whatsapp. Ihre Noten sind überdurchschnittlich gut, daran scheint es nicht zu liegen. Woran also? Vielleicht an der beschränkten Aussagekraft der Bewertungen. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Noten meist mehr über die notenvergebende Person – ihre subjektiven Präferenzen und bevorzugte Messinstrumente –, als die erbrachte Leistung aussagen.

Notenbezogene Verzerrungseffekte sind wissenschaftlich gut dokumentiert, sie betreffen Universitäten genauso wie Primarschulen. Aber die Lernkultur an der HSG wird dadurch im Kern geprägt: Noten sind hier nicht bloss das Mass aller Dinge, sondern Ausdruck der institutionellen Daseinsberechtigung. So wird eine aufwendige Bewertungsmaschinerie in Gang gesetzt, die Messbares und weniger Messbares identifiziert, einfordert, unter Zeitdruck der Notenabgabe beurteilt und dann in objektivierter Form zurück in Richtung Studierende ausspuckt.

Schwierig zu sagen, was dies mit mir macht – aber das Studieren banalisiert es ungemein: Die Omnipräsenz der Bewertung strukturiert mein Lernverhalten, entscheidet darüber, was wichtig ist und worauf verzichtet werden kann. Sie lenkt die Aufmerksamkeit weg von inhaltlichen Interessen und hin zum Prüfungsrelevanten. Wer sich dem Prüfungsirrelevanten zuwendet oder sich dafür viel Zeit lässt, erntet verständnislose Blicke. Je länger je mehr auch von mir.

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Einiges, was die Lernkultur an der Universität St.Gallen gegenwärtig zu prägen scheint, beschreibt der Soziologe Emil Walter-Busch bereits 1975. HSG-Studierenden, so schreibt er im Studierendenmagazin «Prisma», werde erstens die Aufgabe einer eigenen Studienplanung weitgehend abgenommen. Zweitens fehle ihnen wegen der hohen Studienbelastung und des ständigen Prüfungsdrucks «sowohl die Gelegenheit wie die Motivation zur Vertiefung in ein Spezialgebiet», die echte, originelle Erkundungsarbeiten hervorbrächten.

Seminararbeiten seien hier «durchwegs relativ oberflächliche, möglichst schnell verfertigte Anwendungen gelernten Wissens, aber keine Beiträge zu seiner Problematisierung oder gar Weiterentwicklung». Walter-Busch spricht von Abhandlungen, die es sich nicht aufzubewahren lohne: «Papierkorbarbeiten». Dies führt ihn, drittens, zur Lernmotivation der Studierenden, die «ziemlich prüfungsorientiert, d.h. überwiegend ‹extrinsisch› sei». Doch gibt sich Emil Walter-Busch empathisch: «Ich verstehe, warum dies bei den gegebenen Bedingungen kaum anders sein kann.»

In Praxisnähe blühen die habituellen Leitbilder auf

Walter-Buschs Unbehagen berührt den Kern dessen, was den institutionellen Zwiespalt der Universität St.Gallen bis in die Gegenwart kennzeichnen dürfte: die Gegensätzlichkeit von Praxisorientierung und wissenschaftlicher Ausrichtung. In Selbstbeschreibungen der HSG ist diesbezüglich von einer Symbiose die Rede, die als zentrale Besonderheit gesehen wird.

Realistischerweise lassen sich, so wiederum die Studie «Simply the Best» von Egger u.a., vielmehr zwei grundsätzlich unterschiedliche Kulturen ausmachen: Einerseits bestehe die Kultur der alten Handelsakademie, in der stark praxisorientiertes Wissen von Persönlichkeiten aus der Praxis vermittelt werde. Diese Persönlichkeiten fungierten nicht nur im Sinne von Vorbildern, sondern würden zugleich eine «wirksame Vernetzung mit den Unternehmen anbahnen». Der Schwerpunkt liege dabei auf einem umsetzbaren Handlungswissen und der vornehmlich nationalen Reproduktion von Führungskräften.

Andererseits zeige sich eine Kultur, die «eine international konkurrenzfähige ‹Business School› mit höheren akademischen Ansprüchen [anstrebt], die sich in der massiv gestiegenen Bedeutung von Rankings und Akkreditierungen und der Prämierung von Forschungstätigkeit und Publikationspraxis ausspricht». Egger u.a. beschreiben die beiden Kulturen als durchaus komplementär: «Die HSG […] integriert diese gegensätzlich erscheinenden ‹Kulturen› in einer Art stillschweigendem Kompromiss, der ganz pragmatisch funktioniert und deshalb die Institution tatsächlich ‹ziemlich robust aufgestellt› erscheinen lässt.»

Der stillschweigende Kompromiss ist dabei, so scheint es, weniger Ausdruck einer harmonischen Wechselbeziehung als vielmehr Hinweis auf eine gegenseitige Abhängigkeit unter klarer interner Hierarchie. Wissenschaftlich, so Egger u.a., müsse die HSG-Ausbildung lediglich in ihren «aktuellen ‹technischen› Standards» sein. Für die Umsetzung der ideellen und habituellen Leitbilder massgeblich bleibe jedoch die praxisnahe Lehre der HSG und ihre faktische Nähe zur Praxis.

Kein Nebeneffekt, sondern institutioneller Sockel

«Es ist klar geworden», kommen Egger u.a. in ihrer Studie zum Schluss, «dass die HSG, trotz aller wiederkehrenden Verweise auf die notwendige ‹Leistungsstärke›, mit dieser Formel vor allem einen Komplex sozialer Leistung normativ prämiert, der sich eben gerade nicht ausschliesslich, nicht einmal vorwiegend, auf die ‹akademische› Performanz bezieht, sondern auf eine ‹Leistung an sich›, in der sämtliche Konnotationen auf soziale Kompetenzen verweisen – Auftreten, Eloquenz, Selbstsicherheit, forcierte Ambitionen». Dass damit soziale Benachteiligung einhergeht, ist kein unschöner Nebeneffekt, sondern bildet den institutionellen Sockel dieser Bildungseinrichtung: Daraus ergebe sich der tendenziell exklusive Charakter, halten Schultheis und Egger in der Schlussbemerkung fest, an dem die Glaubwürdigkeit der HSG «fast lebensnotwendig» hänge.

Die Universität St.Gallen vereint heute vieles: Sie ist Fenster in die Praxis, Studierstube, Vereinslandschaft, Kunstsammlung, Forschungsstätte. Zimmer an Zimmer wird da Sozialphilosophie, hier KMU-Unternehmensführung gelehrt. Die Institution ist durchtränkt von Ambivalenzen; begibt sich mal auf intellektuelle Schachtelsatz-Stelzen, zückt mal den griffigen Massnahmenplan. Sie bringt zusammen, was nur schwer zusammengeht – und macht daraus kein Geheimnis, sondern ein Alleinstellungsmerkmal. Im Kern ist die HSG eine gut erzählte Geschichte, die von Leistung handelt und damit soziale Selektivität meint. Die Geschichte funktioniert, weil sie in eine übergeordnete Erzählung greift, welche der Ökonom Thomas Piketty das meritokratische Märchen nennt: der Glaube daran, dass der Weg zum Bildungserfolg allen offensteht, die nur genug dafür leisten.

Wie die Universität St.Gallen künftig mit den empirischen Belegen, die gegen diesen Irrglauben sprechen, umgeht, ist letztlich eine rhetorische Frage. In zweifacher Hinsicht: einerseits eine Frage, die von der meritokratischen Rhetorik und ihrer Überzeugungskraft in Gesellschaft und Politik abhängt. Andererseits eine Scheinfrage, deren Entgegnung absehbar ist.

Zur Wahrung der institutionellen Interessen wird die breit abgestützte Einrichtung kaum um selbstlegitimierende Antworten verlegen sein. Ihre Vergangenheit sieht sie von Wandel und Veränderungsbereitschaft geprägt, drei historische Umbenennungen zeugen davon. Gegründet als höhere Schule für Handel, Verkehr und Verwaltung wird sie zunächst zur Handelshochschule, später zur Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Als daraus 1995 die Universität wird, entscheidet man sich, die Abkürzung «HSG» beizubehalten, wenn auch das «H» seither etwas verloren in der Landschaft steht. Oder doch nicht? Ist damit vielleicht der an der HSG alles überragende Habitus gemeint?

Oliver Kerrison, 1995, ist Masterstudent in Management, Organisation, Kultur an der Universität St.Gallen. Nach einer Berufslehre zum Mediamatiker studierte er erst Design-Management an der Hochschule Luzern, dann Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Philosophie an der Universität Luzern.

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