, 25. August 2021
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Das Jazzfenster ist offen

Auf dass die St.Galler Jazzszene trotz Corona sicht- und hörbar bleibt: Der Verein Gambrinus stösst Woche für Woche auf TVO ein «Jazzfenster» auf und stellt acht Formationen vor. Letzten Sonntag startete die Reihe mit Urs C. Eigenmann.

Urs C. Eigenmann und sein QuintOrchestra bei den Filmaufnahmen. (Bilder: Peter Hummel)

Die letzte Antwort im Interview kommt wie aus der Pistole geschossen. Urs C. Eigenmann, gefragt, mit welcher Jazzgrösse er am liebsten einmal spielen würde, wenn er wählen könnte, sagt: Da gäbe es ganz viele – «aber ich würde mich nicht getrauen, mit denen zu spielen.»

Dabei hat der St.Galler Pianist in seiner fünf Jahrzehnte langen Karriere schon mit unzähligen klingenden Namen der Schweizer Jazzszene zusammengearbeitet – auch wenn er sich selber als Autodidakten sieht. Jetzt, für seinen Auftritt im «Jazzfenster», hat er ein Sextett, betitelt QuintOrchestra+, mit bewährten Mitstreitern formiert: Sänger «Tom Tom» Straumann, Saxofonist Markus Bittmann, Gitarrist Alex Steiner, Bassist Marc Ray Oxendine und Schlagzeuger Andy Leumann.

Vom ersten Ton an spürt man die Vertrautheit unter den sechs gestandenen Profis. Und lässt sich hineinziehen auf Eigenmanns der Tradition verbundene, dabei viel Raum für Improvisationen lassende Soul- und Bluesbahnen, in Stücke wie Deep inside my heart, This one song oder das bissige seelräbechohlchötzlig. Eigenmann ist dabei der Impulsgeber, ohne sich in den Vordergrund spielen zu müssen.

Die Musik hat das Wort

Das Sympathische am ersten, rund dreiviertelstündigen Filmporträt, dem sieben weitere folgen werden: Die Musik hat alle Zeit der Welt. Keine Sound-Schnipsel wie bei anderen TV-Sendungen, keine Kameramätzchen, keine Homestory – die Musik steht unspektakulär im Zentrum. Rund acht Minuten dehnt sich allein das Intro It’s time to see des QuintOrchestra+ aus.

Dabei ist an Technik nicht gespart worden. Für die acht Konzertmitschnitte und die Interviews hat der Verein Gambrinus Jazz am letzten Mai-Wochenende 35 Musikerinnen und Musiker eingeladen und ungefähr gleich viele Mitwirkende hinter den Kulissen aufgeboten, Filmer, Ton- und Lichttechniker, Spezialisten für Fotografie, Maske und Redaktion, für Raum und Catering in einer zum Studio hergerichteten Fabrikhalle an der Industriestrasse in Rorschach.

Jetzt ist das Ergebnis zu besichtigen. Jazz im Fernsehen? Das geht – es holt die Musiker nahe heran, allerdings fehlt, wie bei vielen coronabedingt audiovisuellen Musikproduktionen, das Livegefühl und der Publikumsapplaus.

Blick in das temporäre Studie in Rorschach.

«Jazzfenster» ist als Reaktion auf die Pandemie lanciert worden. Das Projekt soll den «Flurschaden», wie Jodok Kobelt es nennt, etwas mildern, den das Virus in der Kultur allgemein und in der von Gigs und Festivals lebenden Jazzszene in besonderem Mass angerichtet hat.

Als Transformationsprojekt bewilligt, finanzierte der Kanton St.Gallen 80 Prozent des Budgets von gesamthaft rund 120’000 Franken. Dass den Musikern trotzdem vorerst nur eine Grundgage von 300 Franken zugesagt wurde, war im Vorfeld teils auf Kritik gestossen. (Der Branchenverband Sonart empfiehlt Minimalgagen von 400 bis 600 Franken.)

Dank breiter Unterstützung per Crowdfunding konnte der Betrag dann auf 500 Franken erhöht werden; immer noch wenig, wenn man Probenaufwand und Professionalität mitbedenkt, und ein weiteres Indiz für die tiefen Gagen, die im Kulturbereich und vor allem für freischaffende Musiker:innen gang und gäbe sind.

Im «Fenster» stehen einmal mehr die Männer

Die weiteren Jazzfenster: bis 10. Oktober jeden Sonntag um 10 Uhr auf TVO.

tvo-online.ch/jazzfenster

jazzfenster.sg

gambrinus.ch

Ob nicht auch in Sachen Gagen das «Jazzfenster» Gelegenheit für eine kulturpolitische «Transformation» geboten hätte, ist eine der kritischen Blue Notes zum Projekt. Und ob die Auswahl der acht Formationen geglückt ist, wird die Szene und ihr Publikum am Ende der Filmreihe vermutlich mit Lust diskutieren.

Die Initianten um Gambrinus-Präsident Andreas B. Müller wollten gemäss Projektbeschrieb «einen repräsentativen Querschnitt durch die aktive Szene abbilden». Altmeister wie Carlo Schöb/Peter Eigenmann, Carlo Lorenzi im Quartett Mani Nude oder Urs C. Eigenmann stehen einer mittleren Generation gegenüber, Trompeter Michi Neff und sein Ensemble oder das Freejazz-Trio Rosset Meyer Geiger.

Der jüngste Nachwuchs fehlt, und naturgemäss fehlen viele weitere Namen. Eine Fortsetzung «nach erfolgreicher Durchführung» wäre aber denkbar, schreibt Gambrinus.

Und die Frauenquote? Knapp zehn Prozent. Mit Nicole Durrer, Joana Elena Obieta und Gaby Krapf sind zwar drei exzellente Sängerinnen mit von der Partie, letztere mit Björk-Songs und dem experimentierfreudigen Trio Schnoz Jenny Caflisch hinter sich. Sonst ist das Projekt jedoch komplett in Männerhand, inklusive die ganze Technik. Auch wenn sich darin ein Stück Noch-immer-Realität im Jazz spiegelt: Da hat das «Jazzfenster» eine weitere Transformations-Chance verpasst, zeitgemässen Gender-Durchzug in die Szene zu bringen und dies auch einer breiten TV-Öffentlichkeit zu vermitteln.

Viele Hände am Werk – hier für Aismar Simón Carrillo, Pianist in Joana Elenas Latin Jazz Project.

Nützliche Hintergrundinformationen bieten dafür die Interviews. Eigenmann etwa kommt im Auftakt-Film zum «Jazzfenster» nicht nur als Pianist, sondern auch als «Lobbyist» zu Wort. Wie es dazu kam, erzählt er lachend: In jungen Jahren in Bern, wo er an der Jazzschule lernte, sei er als «Hippie» verschrien gewesen, habe es aber trotzdem gegen alle Unkenrufe geschafft, den Behörden viel Geld für eine Jazz-Reihe zu entlocken – denen hätte seine «Physiognomie» gefallen.

So kamen Chick Corea, Keith Jarrett, Gary Burton und andere Jazzgrössen nach Bern, und Eigenmann entdeckte sein Flair fürs «Weibeln», wie der Interviewer es nennt.

Netzwerker in eigener Sache

Was Urs C. Eigenmann in der Ostschweiz alles angerissen hat, kommt ebenfalls zur Sprache: sein Langzeitprojekt Off & Out, diverse wechselnde Formationen, ein Schulbandfestival und Konzerte in Flawil, die Faust-Oper mit den Puppenspielern Kurt Fröhlich und Hansueli Trüb bei Open Opera selig, den Neustart von Gambrinus Jazz im Lokal 1733, «Unzeit» im Pfalzkeller mit Jazz und Lyrik oder, sein jüngstes Projekt, «Passona» mit der Sängerin Leandra Wiesli, jetzt im September auf CD und live zu hören (13.9. Bären Speicherschwendi, 15.9. 1733 St.Gallen).

So virtuos er auf dem E-Piano die Finger laufen lässt, so inspiriert er im Schlussstück Blues for the Blues die Hammondorgel kitzelt und krault, sein Instrument jaulen und kreischen und wummern lässt – im Interview mag er es schnörkellos. Und ehrlich. Warum er all seine Projekte angezettelt hat? «Damit i selber spiele cha», sagt Urs C. Eigenmann.

 

 

2 Kommentare zu Das Jazzfenster ist offen

  • Peter Honegger sagt:

    Ich konnte letzten Sonntag, zusammen mit den Protagonisten von QuintOrchestra+ eine tolle Zeit im 1733 geniessen, und den Beitrag vom TVO auf Leinwand mit guter Soundanlage erleben.
    Danke Urs und ich hoffe auf noch auf gaaanz viel Sound and Inspiration.

  • Ihr Lieben und Besten
    Da habt ihr mir aber Hühnerhaut beschert. Ich bedanke mich ganz herzlich für diesen wohlwollenden Bericht, diesen vorgehaltenen Spiegel. Und, wie es halt so ist, ich freu mich auf die nächsten, weiteren Projekte. Das erhält jung und fröhlich. Lieber Gruss aus St.Gallen Ost, Urs

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