, 5. Juli 2015
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Das Klischee der zahlengenialen Autisten

Der St.Galler Autismusverlag leistet Pionierarbeit: Er gibt nicht nur Bücher über die Behinderung heraus, sondern beschäftigt auch betroffene Menschen. Und verhilft ihnen damit zu einem erfüllten Leben.

Beim Autismusverlag an der Wiesenstrasse in St.Gallen arbeitet seit kurzem auch ein 3D-Zeichner. Er sei genial, sagt seine Vorgesetzte Simone Russi. Der Beweis für die Kreativität ihres neuen Angestellten liegt vor ihr auf dem Tisch: Ein Löffel – frisch ab Drucker, mit präziser Ausbuchtung. Das Werk zeigt aber auch auf, welches die Schwierigkeiten des Zeichners sind, der wie fast alle Mitarbeiter des Autismusverlages vom Aspergers-Syndrom betroffen ist: Löffel sind eigentlich nicht seine Kernaufgabe. Vielmehr wurde er engagiert, um nach Vorlage didaktisches Lernmaterial zu produzieren. Sich zu fokussieren, falle ihm aber noch etwas schwer, sagt Russi. «Er braucht ganz klare Anweisungen, damit er arbeiten kann.»

«Wir wollten eigentlich nie so gross werden»

Darauf reagiert haben Russi und ihr Partner Florian Scherrer mit Pragmatismus – wie immer eigentlich, seit das alles angefangen hat mit dem Verlag. Sie stellten ihm einen Assistenten zur Seite. «Dieser achtet auf die Genauigkeit», sagt Russi. «Während unser Zeichner seine Kreativität einbringen kann. Das ist doch eine optimale Aufgabenteilung.»

Sie lacht – weil es immer ähnlich abläuft: «Wir hatten nie vor, so gross zu werden, wie wir es heute sind», sagt sie. «Wir haben einfach immer auf die aktuellen Herausforderungen reagiert, und sind so immer weiter gewachsen.» Der 3D-Drucker eröffnet dem Autismusverlag ein neues Feld: Simone Russi, hauptberuflich als Heilpädagogin tätig, will die Materialen nicht nur selber bei ihrer Arbeit einsetzen, sondern bald auch vertreiben.

Hauptsächlich aber gibt der Autismusverlag natürlich Bücher heraus. Stolze 13 Titel zählt das Sortiment inzwischen. Es sind vor allem amerikanische Fachbücher, die in St.Georgen ins Deutsche übersetzt, gedruckt, ringgebunden und vertrieben werden. Auch zwei Autobiografien und ein Bilderbuch hat der Verlag veröffentlicht.

Dabei hatte es 2012 sehr bescheiden begonnen: Russis Freund Florian Scherrer wollte eigentlich nur ein Buchkapitel übersetzen lassen. «Ich brauchte den Text für ein Seminar», sagt er, der damals – bevor sich seine Arbeitsräume langsam in ein Verlagsbüro verwandelten – Sozialtrainings für Menschen mit einer autistischen Wahrnehmung leitete. Weil sich bei einem seiner Teilnehmer eine grosse sprachliche Begabung zeigte, beauftragte Scherrer ihn mit der Übersetzungsarbeit. Doch der Jugendliche liess es nicht bei dem einen Kapitel bleiben, sondern übersetzte gleich das ganze Buch. Was nun also anfangen mit diesem Manuskript? Ein Freund habe ihn ermutigt, die Übersetzung einfach gleich selbst herauszubringen, erzählt Scherrer. «Also haben wir uns um die Rechte gekümmert und dann einfach mal losgelegt, mit einfachsten Mitteln.»

Herumtappen im Dunkeln

So begann, was in der Beschäftigung von heute sieben Teilzeitangestellten mündete. Die Anstellung trägt für die vom Asperger-Syndrom Betroffenen, die eine eher leichte Form von Autismus haben, sehr viel zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben bei. Das zeigt sich etwa am Beispiel von Iris Köppel. Die 46-jährige ist ausgebildete Pädagogin; das Asperger-Syndrom diagnostizierte man bei ihr erst, als sie 39 war. Für die junge Frau bedeutete das: jahrelanges Herumtappen im Dunkeln – mit verheerenden Folgen.

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Iris Köppel an der Ringbinder, Bild: zvg

Der Alltag als Primarlehrerin belastete Köppel stark, doch das ständige Gefühl der Überforderung wurde mit der falschen Diagnose – Depression – übersetzt. Köppel liess sich zur Rhythmik-Lehrerin ausbilden – und scheiterte nach einigen Jahren auch in diesem Beruf. Es folgten verschiedene Klinikaufenthalte. Vor sieben Jahren kam dann endlich die erlösende Diagnose.

«Menschen mit Asperger sind normal bis überdurchschnittlich intelligent», erklärt Scherrer. Sie verarbeiten Reize anders als ihre Umwelt. Hektische, unübersichtliche Situationen belasten sie deshalb übermässig, und flexibles Reagieren fällt den meisten Autisten schwer. «Deshalb brauchen Asperger-Betroffene eine Arbeitsumgebung, die ihrer Wahrnehmung entspricht. Von Vorteil sind kleine Teams und klare Aufgaben» – zwei Dinge, die der Autismusverlag seinen Angestellten bietet.

Als Fachmann ist Scherrer ein wichtiger Begleiter für die Menschen mit autistischer Denkweise. Bezahlt wird diese Unterstützung mit dem Assistenzbeitrag, den die Angestellten von der IV erhalten. Der Verlag wiederum bezahlt seinen Angestellten einen IV-ergänzenden Lohn.

Im ersten Arbeitsmarkt tätig

Eine Behinderten-Institution ist der Autismusverlag dennoch nicht: Die Löhne der Mitarbeitenden werden nicht subventioniert, sondern durch den Buchverkauf und die Übersetzungsaufträge erwirtschaftet. Der Verlag setzt sich damit zwar finanziellen Schwierigkeiten aus – Simone Russi leistet Gratis-Arbeit und in den Büroräumen ist es längst zu eng geworden – dennoch sind Scherrer und Russi von ihrem Konzept überzeugt.

«Wir wollen unsere Freiheiten behalten», sagt Scherrer, «und das Potential unserer Mitarbeiter voll ausschöpfen.» Als subventionierte Institution hätte der Verlag viele Auflagen zu erfüllen. «Wir dürften unsere Mitarbeiter etwa keine paar Stunden unbeaufsichtigt lassen. Das widerspricht unserer Vorstellung einer gleichberechtigten Zusammenarbeit.»

Schweizweit gibt es nur sehr wenige auf Autisten zugeschnittene Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt. Einzigartig ist der Autismusverlag aber noch aus einem anderen Grund: Vergleichbare Initiativen gibt es nur in der Technikbranche, vor allem in der Informatik. Dabei sei das verbreitete Bild der zahlengenialen Autisten falsch, sagt Russi. «Menschen mit einer autistischen Wahrnehmung haben genauso vielfältige Begabungen wie der Rest der Menschheit. Deshalb braucht es auch für sie verschiedenste berufliche Perspektiven.»

Iris Köppel unterstreicht diese Aussage: «Es braucht unbedingt mehr solche Projekte», sagt sie. Die Arbeit beim Autismusverlag habe ihrem Alltag die für sie so wichtige Struktur zurückgegeben – und sie wird wertgeschätzt: «Iris ist für uns unersetzbar», sagt Russi. «Sie ist pädagogische Fachperson und Betroffene in einem. Nennen Sie mir jemanden, der diese Arbeit hier besser machen könnte.»

 

Infos: autismusverlag.ch

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