, 16. Oktober 2021
keine Kommentare

Das Knattern der Generatoren

Aus dem Oktoberheft: die Flaschenpost aus dem syrischen Homs, wo die Vögel erst langsam wieder zurückkehren. von Judika Peters

Mit einem kleinen Zittern bleibt die Nadel stehen. Für einen Moment ist es ganz still, nur ein paar Kinder sind auf der Strasse zu hören. Dann geht in der Ferne knatternd ein einsamer Generator an. In diesem Viertel von Homs, das während des Konflikts als Oppositionshochburg galt, kann sich eigentlich niemand einen Generator leisten.

Samer sitzt vor seiner Nähmaschine, neben ihm ein Haufen zugeschnittener Stoffstücke. Seine Frau reicht uns Tee. In vier Stunden sollte es wieder für zwei Stunden Strom geben, so dass die Stücke zu Kissenbezügen vernäht werden können. Doch verlässlich ist der Rhythmus nicht. Das gilt besonders für diesen Stadtteil, der lange heftig umkämpft und dabei stark zerstört worden war. Diesel ist teuer, nur die Wenigsten können sich die Schwarzmarktpreise leisten.

So folgt der Tagesrhythmus bei Samer und Alia dem An und Ab des Stroms. Wie in allen syrischen Haushalten. Als ich kürzlich bei einem syrischen Kollegen war, kam während des Abendessens der Strom zurück und alles schlug in Geschäftigkeit um. Es wurde gekocht, Schulaufgaben wurden unters Licht geholt, Mobiltelefone und batteriebetriebene Lampen aufgeladen und Wassertanks gefüllt.

Früher hatte Samer im Erdgeschoss unter seiner Wohnung eine Schneiderei mit mehreren Angestellten und Kunden aus ganz Homs. Während der über zweijährigen Belagerung des Stadtzentrums durch die syrischen Regierungstruppen schlug eine Granate ein. Samer und seine Familie waren zu diesem Zeitpunkt schon zu Verwandten in einen anderen Stadtteil geflüchtet. Als sie zurückkamen, war das Geschäft komplett zerstört, die Metallläden an den Fenstern von der Explosion in grossen Wellen ausgebaucht, die Wohnung über dem Geschäft zum Teil eingestürzt. Was nicht zerstört war, wurde geplündert. Sogar Fenster und Türen.

Mit der Unterstützung einer internationalen Organisation hat sich Samer vor einem Jahr eine Nähmaschine gekauft und versucht nun, mit Auftragsarbeiten über die Runden zu kommen. Er hofft, dass er die mit Plastikplanen notdürftig abgedichteten Aussenwände seiner Wohnung irgendwann wieder aufbauen kann. Wenn alles gut läuft.

Egal, wer das Sagen hat

Aber eigentlich läuft hier gar nichts gut. Zwar ist der Syrienkonflikt durch andere Aktualitäten aus den Schlagzeilen verschwunden. Nach wie vor schlagen aber an den verbleibenden Fronten in der nördlichen Provinz Idlib täglich Granaten ein, während der Rest des Landes in Ruinen sitzt und alles knapp ist. Strom, Diesel, Wasser, Brot.

Nach über zehn Jahren Konflikt, Zerstörung und Kriegswirtschaft serbelt das Land vor sich hin. Covid, die katastrophale Situation im wirtschaftlich eng mit Syrien verflochtenen Libanon und die internationalen Sanktionen machen alles noch schlimmer. Darunter leidet vor allem die Bevölkerung und nicht jene, die man eigentlich sanktionieren will.

Trotz Jahren des Kriegs und der Zerstörung finden Samer und Alia, dass es nie schlimmer war als heute. Die hoffnungslose wirtschaftliche wie politische Lage, der Kollaps sämtlicher öffentlicher Dienste und die Perspektivlosigkeit wirken erstickend. Präsident Bashar Al-Assad liess sich im Mai für weitere sieben Jahre wählen. Sein Regime sitzt wieder fest im Sattel.

Wen Samer und Alia gewählt haben, fragen wir nicht. Auch nicht, ob sie überhaupt wählen gingen. Die letzten 50 Jahre haben die Leute gelehrt, was welche Konsequenzen haben kann. Die Träume, die Teile der Syrer:innen zu Beginn des Aufstands hatten, sind längst geplatzt. Zu gross war das Leid der letzten zehn Jahre, zu bitter die Enttäuschungen, zu schwer der tägliche Kampf um grundlegende Dinge.

Meine Arabischlehrerin versteht nicht, wieso «der Westen» ständig auf der Demokratie rumreitet, als ob sich dieses Konzept über jede beliebige Region stülpen liesse und als ob die Versuche dazu der syrischen Bevölkerung bisher irgendetwas gebracht hätten. Ihr und vielen anderen ist es längst egal, wer das Sagen hat. Was die Leute brauchen, sind Wasser, Strom und ein Krankenhaus.

Das staatliche Krankenhaus von Homs wurde 2013 dem Erdboden gleichgemacht. Noch heute fährt man im Stadtzentrum täglich am weiten Trümmerfeld vorbei. Nichts wurde wieder aufgebaut. Nur ein paar kleinere Läden stehen heute da. Die frisch gestrichenen Wände blinzeln seltsam aus den Trümmerbrocken. Und selbst wenn das Spital wieder aufgebaut würde: Es fehlen die Fachkräfte. 70 Prozent der Ärzt:innen haben das Land verlassen.

Sogar die Vögel haben Homs gemieden

Momentan scheint das warme Spätsommerlicht durch das klaffende Loch in der Wand und es ist angenehm mild, doch im Winter wird es bitterkalt in der Wohnung. Samer und seine Frau haben einen kleinen Ölofen, doch im letzten Winter konnten sie sich das Öl kaum je leisten.

Judika Peters, 1985, aus St.Gallen, arbeitet seit 2017 beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Bis September 2021 leitete sie das IKRK-Büro in Homs, Syrien. Fürs Sommerheft 2020 von Saiten hat sie eine Flaschenpost aus Rumbek, Südsudan, geschickt.

Durch das Fensterloch sieht man auf die gähnenden Fensterhöhlen und zertrümmerten Wände im Nachbarshaus. Trotzdem hängt auch dort vor einem Fenster eine Wäscheleine mit Kinderkleidern. Nach Jahren der Flucht im eigenen Land kehren viele Leute in ihre alten Wohnungen zurück, auch wenn diese zerstört sind. Andere werden nie zurückkehren. Geschätzte 13 Millionen Syrer:innen wurden durch den Konflikt vertrieben, mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Sechs bis sieben Millionen leben als Flüchtlinge im Ausland.

Von jenen, die noch hier sind, möchten viele weg. Viele meiner jungen Kolleg:innen träumen davon, eine Chance zu bekommen, um im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Meine Bekannte Maysun und ihr Mann hingegen haben sich entschieden, ihre Tochter hier aufzuziehen. Wenn alle gehen, kann es ja auch nicht besser werden. Doch sie verstehen ihre Freunde, die das anders sehen.

Wer will nicht sein eigenes Glück finden? Oder eine Familie gründen? Viele ihrer Freundinnen und Verwandten möchten heiraten, doch der Krieg hat eine ganze Generation junger Männer genommen oder ins Ausland getrieben. Andere wollen nicht heiraten, weil sie die Mittel dazu nicht haben oder unter diesen Umständen keine Familie gründen wollen.

Geheiratet wird aber auch im geschundenen Syrien – vielleicht umso mehr. Im Sommer ist Heiratssaison und fast jeden Abend hört man das obligate Hupen der Hochzeitskolonnen. Oft ist aber der Bräutigam nicht zugegen, sondern im Ausland. Vielleicht will er nicht in den Militärdienst gezwungen werden. Das Risiko ist gross, bei einem Geheimdienst vermerkt zu sein und bei der Einreise aufgegriffen zu werden. Oder es fehlt das Geld für die Reise. So werden die Hochzeitsparteien via Whatsapp und Facebook miteinander verbunden. Aus der Ferne zwischen Syrien, der Türkei oder Ägypten wird miteinander getanzt. Andere soziale Netzwerke oder Apps sind in Syrien wegen der Sanktionen gesperrt.

Wir gehen durch die kargen Zimmer und über angeknackste Treppenstufen nach unten auf die Strasse. Den Generator hört man nicht mehr. Dafür pfeifen die Vögel im anbrechenden Abend. Freunde erzählen mir, dass die Vögel erst mehrere Jahre, nachdem die Waffen verklungen sind, nach Homs zurückgekehrt sind.

Am Checkpoint werden wir lässig durchgewinkt. Die Sicherheitskontrollen sind um einiges gemässigter als zu Zeiten vor meiner Ankunft in Homs, als die einzelnen Viertel hermetisch abgeriegelt waren. Trotzdem entgeht den Geheimdiensten wohl auch heute nicht viel. Die Strasse, die sich durch die landwirtschaftlichen Gärten um den Orontesfluss zieht, füllt sich allmählich mit Leuten. Hier weht eine kühle Brise und man kann für wenig Geld Kaffee trinken, ein Eis essen oder das mitgebrachte Essen verzehren. Verständlicherweise ziehen die Homsi die Strasse ihren heissen, unbeleuchteten Wohnungen vor. Masken trägt hier niemand und die Leute sitzen dicht gedrängt. Covid ist hier ein zweitrangiges Problem.

Am Abend spielen wir im Fünf-Stern-Hotel von Homs Tennis. DieNacht ist schon hereingebrochen, aber der Platz ist beleuchtet. Als der Strom abgeschaltet und dem nächsten Viertel zugeteilt wird, ist es für einen Moment friedlich-gespenstisch dunkel auf dem Court und in den umliegenden Häusern. Doch dann gehen dröhnend die Generatoren an. In dieser Gegend können sich zumindest gewisse Leute eigene Generatoren leisten.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Gutenbergstrasse 2
Postfach 2246
9001 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Hindernisfreier Zugang via St.Leonhardstrasse 40

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

 

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 25 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!