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Das Kunstmuseum und «seine» Künstler

Tut das St.Galler Kunstmuseum genug für die «einheimischen», in der Region tätigen Künstlerinnen und Künstler? Und wie ist das Verhältnis zwischen Museum und Off-Szene? Fragen an die Fachleute – und Erinnerungen an eine «Vision».
Von  Peter Surber

«Von innen erstrahlen – nach aussen leuchten». So ist die Hochglanzbroschüre betitelt, im Untertitel wird es dann konkreter: «Perspektiven für ein neues Kunstmuseum St.Gallen». Auf der übernächsten Seite folgt die «Vision: Kunst sinnlich erleben – rund um die Uhr». Das Kunstmuseum soll zum «einzigartigen Künstler-Kunst-Museum» erweitert werden und mit Tonhalle und Theater einen schweizweit einmaligen «Kulturplatz» bilden, den «kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt der Stadt St.Gallen». Ergänzt wird das Museum durch das «brodelnde Kulturlabor in der Lokremise, das als eigenständiger Satellit künstlerisches Neuland erforscht und Experimentelles ermöglicht». Alles zusammen, so die Vision, wird zum «innovativen Kompetenzzentrum für bildende Kunst in der Ostschweiz».

Zehn Jahre ist das her. 2007 ist die Broschüre erschienen, als Abschluss jenes viel diskutierten «Marktplatzes der Ideen», den der damalige Leiter des kantonalen Amts für Kultur, Hans Schmid, ins Leben gerufen hatte. Eine illustre Arbeitsgruppe unter HP Müller, dem verstorbenen ehemaligen Kunstvereins-Präsidenten und Stiftungsrat St.Galler Museen, mit den Direktoren Roland Wäspe und Koni Bitterli, Ingrid Adamer (PR-Verantwortliche) und Stefanie Kasper (Kunstvermittlerin) skizzierte darin das «Künstler-Kunst-Museum» als Ort, wo Kunstschaffende ganze Räume als «je eigene Künstlerprojekte» gestalten. «Reichtum und Vielfalt aktueller künstlerischer Haltungen» sollten darin zum Ausdruck kommen und das traditionelle Museum «konsequent als Haus der Kunstschaffenden grundlegend neu definiert» werden.

Benvenuti!
Lorenzo Benedetti und Nadia Veronese im Gespräch mit Kristin Schmidt: 1. März, 19.30 Uhr, Frongartenstrasse 9, St.Gallen

Zehn Jahre später hat das Kunstmuseum das ganze Gebäude im Stadtpark inklusive Untergeschoss zur Verfügung. Als «Haus der Kunstschaffenden» dürfte es jedoch kaum jemand wahrnehmen – noch nicht. Vielmehr gibt es rundherum zahlreiche andere, wechselnde Off-Räume, die dem heimischen Kunstschaffen ihre Aufmerksamkeit widmen oder die von Künstlerinnen und Künstlern gleich selber ins Leben gerufen wurden und werden.

Hiltibolds Auferstehung «für eine starke Kunstszene»

Der jüngste dieser wildwuchernden Kunsttriebe nennt sich Hiltibold. Er treibt in zwei Nischen im St.Galler Goliathquartier sein Unwesen; als erstes Kunstduo stellten Josef Felix Müller und Beni Bischof aus, Anfang Februar ging es mit Elisabeth Nembrini und Salome Schmuki weiter, ab 2. März sind Birgit Widmer und Felix Stickel am Werk. Im Dreiwochentakt sind je zwei Kunstschaffende am Werk. «Für eine starke Kunstszene in St.Gallen!» lautet der unzweideutige Slogan der Hiltibold-Erfinderinnen Marianne Rinderknecht und Anita Zimmermann.

Ein weiterer Kunst-Trieb soll möglicherweise noch dieses Jahr zum Spriessen kommen; Initiant ist eine Gruppe um den Künstler Peter Kamm und den Ausstellungsmacher Felix Boekamp, mehr dazu später im Text. Es gab, auch im Januar, die Kurzzeit-Ausstellung junger Kreativer mit dem Titel «Atolor», mehr dazu hier. Es gibt den Kunstraum von Jiajia Zhang an der Lämmlisbrunnenstrasse und vis-a-vis den niederschwelligen Projektraum 4½. Die nicht-kommerzielle Galerie vor der Klostermauer ist in neuer, lebendiger Form auferstanden. Es gibt den Ausstellungsraum der Fachstelle Kultur im Lagerhaus, es gibt die Kunsthalle St.Gallen mit einem stärker international als regional orientierten Programm, und es gibt natürlich Nextex, den Ausstellungsraum der Visarte-Ost, der sich neu im Kulturkonsulat an der Frongartenstrasse eingenistet hat und der nach dem «Rauhnächte»-Start aktuell mit einem italienischen Programm unter dem Titel «Salve!» weitermacht. Kurzum: Viel los, allein in der Stadt St.Gallen…

Partisaninnen des Kunstbetriebs

Gerade nicht aktiv, aber in bester Erinnerung ist die Guerilla Galerie. Nadia Veronese hat sie zusammen mit Kathrin Dörig erfunden. 2009 war das, erzählt Nadia Veronese im Gespräch; die Stadt hatte im Palace eben Galeristin Wilma Lock für ihre langjährige Ausstellungstätigkeit geehrt, man stand zusammen und stellte fest: Da fehlt etwas. Da fehlt ein Raum für regionale, zeitgenössische Positionen. Statt zu klagen, wurde gehandelt: Schon wenige Wochen später öffnete die erste Guerilla Galerie im Plattenladen BRO (mit Beni Bischof), es folgten diverse weitere Ausstellungen, meist bloss ein Wochenende lang, an wechselnden Orten, in der Käsehalle, im Kiosk an der Rorschacherstrasse, im nachmaligen Kaffeehaus im Linsebühl, in einer Garage und, ein ganzes Jahr lang, an der Jägerstrasse. «Wir konnten schnell reagieren», sagt Nadia Veronese. «Und es gab schon immer leerstehende Räume.»

Als Selbsthilfeaktion will sie die Guerilla-Ausstellungstätigkeit nicht in erster Linie verstanden wissen. Im Vordergrund stand für die Initiantinnen die Lust am Ausstellen, daran, «neue, nicht fürs Ausstellen gedachte Räume zu besetzen und wieder freizugeben». Heute, sagt Nadia Veronese, seien Hausbesitzer und -besitzerinnen stärker als früher sensibilisiert dafür, dass sich eine solche künstlerische Zwischennutzung lohnen kann. «Es braucht Offenheit. Ich will eine lebendige Stadt. Und solche Aktionen tragen dazu bei.» Damit soll denn auch noch nicht Schluss sein – mit den neuen beruflichen Engagements der beiden Guerilleras hat sich die so aufwendige wie ehrenamtliche Tätigkeit allerdings reduziert. «Aber es wird wieder eine Guerilla-Ausstellung geben», verspricht Nadia Veronese.

Sie selber ist heute als Kuratorin im Kunstmuseum St.Gallen tätig. Die kürzlich beendete Ausstellung Loredana Sperini hat sie betreut, als nächstes folgt Georg Gatsas im November. Tut das Kunstmuseum – auch wenn es kein Künstler-Kunst-Museum mehr sein will – genug für die Einheimischen?

Wie das heimische Schaffen gefördert wird

St.Gallens Programm sei erklärtermassen stark international ausgerichtet, was dem Kunstmuseum, anders als einer Galerie oder einem Ausstellungsraum auch über die Landesgrenzen Ausstrahlung verleihen soll, sagt Nadia Veronese – aber ebenso zentral sei das Anliegen, hiesige zeitgenössische Kunst in diesem Kontext zu zeigen. Kunst aus St.Gallen sei im Sammlungsbestand durch Erwerbungen und Schenkungen recht gewichtig vertreten. «Dafür tun wir sehr viel.» Als schlagkräftigstes regionales Instrument nennt Veronese den Manor-Preis, der alle zwei Jahre vergeben wird; jüngster Preisträger ist Georg Gatsas, zuvor war es Beni Bischof (davor Francisco Sierra usw.). Wer ausgewählt wird, profitiere von einer umfassenden Künstlerförderung, sagt Veronese: Neben dem Preis gibt es eine Einzelausstellung und einen Katalog. Daneben findet alle drei Jahre das Heimspiel statt, die jurierte Werkschau der (weit gefassten) Region in Kunstmuseum, Kunsthalle und Nextex.

Und es gibt die Sammlungsausstellungen, meist den Sommer über. Mit wem immer man über das Kunstmuseum spricht: Diesen Sammlungsausstellungen gilt das uneingeschränkte Lob. In «The Dark Side of the Moon» etwa, letzten Sommer, kombinierte Co-Direktor Koni Bitterli Meisterwerke aus dem Depot mit Arbeiten von Josef Felix Müller oder Mona Hatoum. In «Post Post Minimal» kam die Sammlung Ricke in Dialog mit Roman Signer, Valentina Stieger, Kilian Rüthemann und anderen. Dieses Jahr kommt der 1996 verstorbene Rheintaler Ferdinand Gehr zu Ehren, im Kontext von Arp und Matisse.

Nadia Veronese zählt weitere Förderaktivitäten auf. Das Monatsposter: Jeweils ein Jahr lang gestaltet ein Künstler oder eine Künstlerin aus der Region ein Werbeplakat des Museums, aktuell ist es Barbara Signer. Der Kunstverein erwirbt jeweils die Originale für seine Sammlung, und Kunst findet so aus dem Museum heraus den Weg auf die Gasse. Oder, im Januar erstmals durchgeführt: das Vermittlungs-Tool «Zeichnen mit Lika Nüssli». Im Zusammenhang mit der nächsten Ausstellung im Keller – Caro Niederers «Good Life Ceramics», ab Oktober 2017 – soll das Museum sogar zum Teehaus werden. Veronese wünscht sich das Museum als «Ort, wo man sich trifft». Generell soll es im Untergeschoss spielerischer statt «klassisch» zu und her gehen. «Es werden spezielle Ausstellungen sein – das ist ja die Chance des Provisoriums.»

«Das Regionale kommt eher zu kurz»

Wer sich die vorhin genannten Namen anhört, von Roman Signer über Beni Bischof bis zu Caro Niederer, könnte allerdings auch kritisch anmerken: Das sind überregional bereits «sichere Werte». Ursula Badrutt, Leiterin der Kulturförderung im St.Galler Amt für Kultur und Kunsthistorikerin, könnte sich in Ergänzung dazu vorstellen, dass das Museum «eigenwilliger auswählt» und sich «getraut, Künstlerinnen und Künstler berühmt zu machen», die das noch nicht sind. Das heisse nicht: «mehr Region», sagt sie. Und schon gar nicht: weniger hohe qualitative Ansprüche. Aber es würde heissen: mehr Mut. Wie dies etwa das Kunsthaus Glarus vorbildlich vormache.

«Das Regionale kommt eher zu kurz.» So heisst die Diagnose von Stefan Rohner. Der im März zurücktretende Präsident des Nextex- und Visarte-Ost-Vorstands lobt seinerseits die Sammlungsausstellungen, findet insgesamt das Kunstmuseums-Programm gut – aber würde sich eine stärkere Beachtung für die, wie er sagt, «unglaublich vitale» regionale Kunstszene wünschen. Die Museumsleiter sollten mehr Atelierbesuche machen und sich ansehen, was «ihre» Künstler machen. Das Heimspiel alle drei Jahre reiche als Inspirationsquelle nicht, sagt Rohner. Und dass die Lokremise nicht jener «brodelnde» Kunstort ist, der vor zehn Jahren in der «Vision» fürs künftige Künstler-Kunst-Museum beschrieben worden war, schmerzt Stefan Rohner. «Es müssten ja nicht immer Koryphäen sein, die dort gezeigt werden.» Die im Februar startende Ausstellung in der Lokremise, «Body Doubles», verspreche allerdings eine «sehr spannende Konstellation» mit Werken von Hans Josephsohn und Franz West. «Solche Kombinationen brauchen mehr Mut, aber ich finde sie auf jeden Fall spannender als Einzel-Positionen.»

Ein neuer Off-Raum in St.Fiden?

«Wer ist das: die Regionalen?» Peter Kamm hört sich das Stichwort stirnrunzelnd an. Der St.Galler Künstler, dessen Steinskulpturen im Museum mehrfach zu sehen waren, kann der Diskussion um die Region nicht viel abgewinnen. An Ausstellungsmöglichkeiten gebe es nach seiner Einschätzung keinen Mangel. Zudem: «Ein Museum ist kein Off-Space. Und einen Raum wie den Oberlichtsaal des Kunklerbaus zum Klingen zu bringen, ist ein sehr hoher Anspruch.». Entscheidend ist für ihn, dass es gelingt, die Qualität und die finanzielle Ausstattung des Museums sicherzustellen. «Ich bin froh, wenn es ein paar gute Ausstellungen gibt und wenn die Museumsleitung den Nerv und das Durchhaltevermögen behält.» Dafür brauche es zum einen genügend dotierte Ankaufskredite und zum andern den politischen Willen, das Untergeschoss des Museums umzubauen. Für die Lokremise mit ihrem halbierten Ausstellungsbudget hätte Kamm einen unkonventionelleren Vorschlag: Das Kinok soll einen zusätzlichen Vorführraum erhalten.

Off, nämlich in St.Fiden in einer früheren Apotheke, ist ein Projektraum geplant, den Peter Kamm und seine Mitstreiter wenn möglich 2017 eröffnen wollen. Hervorgegangen ist die Idee aus den zwei Ausstellungen zum enzyklopädischen Bildwerk des Kunsthistorikers Aby Warburg, die im Kulturraum am Klosterhof in St.Gallen 2013 und 2016 zu sehen waren. Die damaligen Ausstellungsmacher vom Hamburger Salon 8 sind auch jetzt dabei: Roberto Ohrt, Axel Heil und Felix Boekamp sowie Ausstellungsgestalter Johannes Stieger. Der Projektraum könnte laut Konzept eine Lücke in der Kulturlandschaft der Region schliessen – mit kulturhistorischen Ausstellungs- und Diskussionsthemen, für die nach dem Ende des Kulturraums am Klosterhof nirgends mehr Platz ist, weder im Kunstmuseum noch im Historischen Museum oder der Kunsthalle.

An Assoziationen, was da zu zeigen oder aufzuarbeiten wäre, fehlt es nicht. Kamm nennt aus dem Stegreif den deutschen Pop-Art-Künstler Uwe Lausen und dessen Verbindungen zu St.Gallen oder den dänischen Künstler Asger Jorn und seine Arbeiten für die Erker-Galerie. Überhaupt die Erker-Geschichte… «Es besteht die Gefahr, dass all dies verschwindet», sagt Kamm. Der multidisziplinär gedachte Projektraum, für den Kanton und Stadt Startbeiträge zugesichert haben, wäre zwar nicht viel mehr als ein Tropfen ins Meer des Verschwindens – aber immerhin.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten und ist hier leicht aktualisiert.

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