, 7. Dezember 2014
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Das Leben kann nicht leben

Das ist das Wunderbuch des Jahres: Roger Perrets Anthologie Moderne Poesie in der Schweiz leuchtet die widerständigen und nächtlichen Seiten der Literatur der letzten 113 Jahre aus.

Im Thurgau
Bäume,
die in den Tag treten
und sich verlieren
am Horizont.

Weiss, zögernd
ein paar Häuser
in einem wandernden Himmel.

Lippoldswilen, Hugelshofen,
Ottoberg: Namen, lächelnd,
die mit sich allein sind.

Apfelbäume,
rhythmisch,
sich immer neu erfindend.

 

Diese schöne, etwas harmlose Thurgau-Stimmung hat die Basler Autorin Elisabeth Meylan eingefangen, erschienen 1973. Es ist das ostschweizerischste aller Gedichte im Band Moderne Poesie in der Schweiz. Und es hat dort eine pfiffige Nachbarschaft gefunden, die erahnen lässt, wie inspiriert dieses Lyrik-Wunderbuch zusammengefügt worden ist. Der Vers auf der gegenüberliegenden Seite nämlich ist von Jörg Steiner und beginnt so:

 

Schweizeräpfel sind
nicht irgendwelche Äpfel;
sie gehören der
schweizerischen Alkoholverwaltung.

 

Wenn ein Gedichtherausgeber, wie hier, Äpfel mit Äpfeln vergleicht, so hat er damit zum einen schon viel erreicht: Aufmerksamkeit und Amüsement. Und er hat, zum andern, einen Ehrgeiz: Zusammenhänge und Zusammenklänge aufzuzeigen in Gedichten, die aus über hundert Jahren und nicht nur aus allen vier Sprachregionen stammen, sondern teils auch von ausländischen oder grenznahen Autorinnen und Autoren.

Von Wölfli bis Anaconda

Der Kanon des Schönen, Wahren und Guten ist zwar längst brüchig geworden. Aber Roger Perrets Blick geht tiefer und weiter als der aller früheren helvetischen Lyrik-Anthologien. Und dies geografisch wie inhaltlich und formal. «Poesie» wählt er deshalb als Überbegriff, weil darin, anders als im Wort «Lyrik», auch gedichtnahe Prosa enthalten ist und insbesondere die Grenze zu gemalten und gezeichneten «Gedichten» fliessend wird. Er umfasst Maler-Dichter wie Paul Klee oder Meret Oppenheim, Schriftbilder und Textornamente von Adolf Wölfli oder Blaise Cendrars, Martin Disler oder Vahé Godel, aber auch Rocksongs von Sophie Hunger, Stephan Eicher oder Endo Anaconda. Die «ideale Anthologie», so Perret, müsste sowieso neben der Poesie auch Musik, Kunst, Film, Tanz oder Architektur miteinbeziehen, damit Texte in ihrem Kontext und Inspirationsraum kenntlich würden.

Da gehört auch die Tagespolitik mit hinein – jetzt grad beim Blättern in den über 600 Seiten ist der Blick an einer Wortjongliererei des Basler Anagramm-Spezialisten Thomas Brunnschweiler hängen geblieben:

 

Christoph Blocher

Christoph Blocher
behorcht Ohrclips,
bespricht Loch roh,
blich Chorstrophe,
schob ehrlich Port,
schob herrlich Top,
hobelt Chorpirsch,
locht Bohrers Chip,
bohrte Pirschloch,
hebt Chors Ohrclip,
erschlich BH-Porto,
bohrt episch Chlor,
lobt Horchers Chip,
Herbstlich roch Po.

 

So schweift man ständig ab in diesem Buch. Zurück also zu Perrets Ein- und Neuordnungen. Seine besondere Sympathie gilt den Suchenden, Wütenden, Verzweifelnden der Schweizer Literatur.

«Zeitlich beginnt die Geschichte der modernen Poesie in der Schweiz mit einer Frau. Sie beginnt mit Constance Schwartzlin-Berberat, die um 1900 in einer psychiatrischen Klinik als schizophrene Patientin lebte und um diese Zeit ungewöhnliche Texte verfasste. Sie beginnt mit einer Frau, die sich nicht als Dichterin verstand, und sie beginnt mit einem Werk, das nicht an die Öffentlichkeit gerichtet war.»

 

ein GEBET      das Leben dies ist kann nicht leben

 

Das ist eine der Inschriften in den «Cahiers» von Constance Schwartzlin-Berberat. Adolf Wölfli, zeitgleich in der Waldau einquartiert, gehört ebenso selbstverständlich auch in das Buch wie andere Aussenseiter-Künstler, Aloïse, Louis Soutter, Andreas Walser, Hermann M.. Dieser Einbezug der art brut ist eines von Perrets zentralen Anliegen, wie er es im Nachwort im sechzehnten von insgesamt «28 unsystematischen Sätzen» programmatisch erläutert. «Das Nacht- Buch der Schweizer Literatur muss noch geschrieben werden.»

In ein solches Nacht-Buch gehört zum Beispiel Francis Giauque (1934–1965). Die Texte des Jurassiers erschienen erst posthum (1965 verübte er Selbstmord). Es sind Schreie aus dem Dunkel, anklagend und hellsichtig schildern sie das Leben hinter «verschlossenen Türen» und «vermauerten Gesichtern», wie es im Gedicht «Cliniques» heisst. Oder Sonja Sekula, Jahrgang 1918, 1963 ebenfalls durch Selbstmord aus der Dunkelwelt geschieden. Von ihr gibt es im Buch neben anderen diesen Text:

 

Bist du, Ich bin … Ich bin die Grüne, die Dunkelschwester … bin das schrille Rufen der Kranken, bin die Angst, bin Lärm und Schmerz, selbst das Lächeln, bin das Boot im Moor, das lange Warten, die Selbstsuchung, ach nimm meine Hand, sie ruhig, denn ich leide, denn ich suche, sinnlos und auf zornige trübe Weise.

 

Der Blick des Herausgebers auf das Widerständige, Unangepasste bleibt auch in der Ostschweiz hängen. So findet sich ein kurzes, quasi-schwedisches Wortbüschel des im Thurgau lebenden Jürg Schoop «Dod var syttini» in Nachbarschaft mit anderen Wortvirtuosen: Gedichten von Christian Uetz und Felix Philipp Ingold oder einem Auszug aus der Sprechoper Die Entsorgung von all dem Zeug der St.Gallerin Andrea Martina Graf.

Sprachspielereien wie diese nehmen breiten Raum ein – von den Dadaisten bis zur konkreten Poesie. Insgesamt steht das Ungeglättete, das Experiment, der Aufbruch in sprachliches und formales Neuland im Vordergrund: die «unreine Poesie» (ein Wort von Pablo Neruda). Perret schätzt einen Albin Zollinger, einen Hans Morgenthaler, einen Alexander Xaver Gwerder. Den «innigen» Hermann Hesse mag der Herausgeber hingegen nicht, sondern bringt stattdessen seine satirische «Schweinerei» – auf die dann gleich zwei Affen-Gedichte von Robert Walser und Hans Morgenthaler antworten. Denen kräht wiederum Adolf Wölflis Hahn hintennach.

Ein anderes Beispiel: Nicht fehlen darf natürlich Klaus Merz – aber in dieser Sammlung voller Überraschungen teilt er die Seiten mit seinem 1983 gestorbenen, behinderten Bruder Martin, der mit zwei Texten gewürdigt wird, darin der schönen Zeile «Wir leben mitten unter Wolken».

Gedichte machen Politik

Lyrik? Vorgestrig oder gestrig? Im Gegenteil. Gedichte haben ihre eigene Sprengkraft. Das kann man in diesem Buch etwa im Kapitel «Der Hügel der finsteren Finsternis» nachlesen, an Texten, die sich mit dem Faschismus auseinandersetzen, dieser wilden «Kesslete», wie es in einem verstörenden Text von Annemarie von Matt von 1940 heisst. Man findet die Stimmen, die zu unserer Zeit und gegen unsere Zeit reden, aber auch kreuz und quer durchs Buch verteilt. Stimmen, zum Beispiel, zur Flucht. So ist ein Gedicht von Aglaja Veteranyi betitelt, der 2002 vierzigjährig aus dem Leben geschiedenen Artistin und Autorin:

 

Die Flucht

Das Kind packt die Puppe in den Koffer.
Die Mutter packt das Kind in den Koffer.
Der Vater packt Mutter und Haus in den Koffer.

Das Ausland packt Vater mit Koffer in den Koffer.
Schickt alles zurück.

Es verstecken sich im Wald:

1 Puppe
1 Kind
1 Mutter
1 Vater
1 Haus
2 Koffer
1 Flucht

 

Ein Jahrzehnt später kommt das Echo dazu (hier leicht gekürzt) vom Westschweizer Journalisten, Dramatiker und Spoken-Wort-Poeten Antoine Jaccoud:

 

Fremdenverkehr

Es het keni Schwarze ds Adubode.
Es het keni Schwarze im Hoch-Ybrig.
Es het keni Schwarze ds Wänge.
Es het keni Schwarze ds Ängubärg.
Es het keni Schwarze ds Kanderschtäg.
Es het keni Schwarze ds Zinal.
Es het keni Schwarze ds Grimentz.
Es het keni Schwarze ds Gschtaad.
Es het keni Schwarze ds Vercorin.
Es het keni Schwarze uf dr Lenzerheide.
Es het keni Schwarze uf dr Bettmeralp.
Es het keni Schwarze ds Frutige.
Es het keni Schwarze a dr Länk.

Ja, villech eine ds Fiesch.
Dr eint oder anger ds Verbier.
Eine ds St.Moritz.
Zwe ds Schuls.
Zwe uf der Bernina.
Drei oder vier ds Zermatt.
E chlyni Gruppe ds Château-d’Oex.
U ds Interlake het’s ei Familie.

Aber no immer kene ds Les Paccots.
Kene ds Les Mosses.
Gar kene ds Pontresina.
Ds Montana nüt.
O nid ds Leysin.
Evolène.
Veysonnaz.
Charmey.
Samedan.
Rossinière.
Und Valbella.

Si äuä auii ds Lampedusa.

(aus dem Französischen von Beat Sterchi)

 

Mein momentanes Lieblingsgedicht gehört auch in dieses Thema, es dreht die Sache allerdings ins Freundliche und stammt aus einer Haiku-Sammlung des Innerschweizer Autors Max Huwyler:

 

sehr geehrte frau
sefinasomosovic
ihr name tönt schön

 

Und die Ostschweiz? Natürlich bekommt man gleich Lust, Jaccouds Litanei der Fremdenfeindlichkeit auf unsere Verhältnisse zu übertragen. Kei Schwarzi im Wissbad. Kei Schwarzi z Oberriet. Kei Schwarzi z Schwarzebach… Aber in den Tag hinein äussern sich auch in unserer Region Autorinnen und Autoren. Niklaus Meienberg sowieso, der im Buch nicht fehlen darf, aber auch andere. Die Auswahl widerspiegelt auch hier den Hang des Herausgebers zum Nicht-Eingemitteten. Der klassisch gefestigte, spätromantische Ton eines Adrian Wolfgang Martin oder Richard Matzig hat keine Gnade gefunden. Dafür der 1979 verstorbene Joseph Kopf, der mit zwei Gedichten aus seinen kargen letzten Jahren vertreten ist.

RZ Bezug Perret.inddAus neuerer Zeit ist neben Meienberg Beat Brechbühl natürlich da, Werner Bucher, Werner Lutz, Felix Philipp Ingold, aber dem scharfen Blick des Herausgebers sind auch die weniger prominenten Namen aus unserer Region nicht entgangen: Clemens Umbricht, Dragica Rajcic, Lisa Elsässer, die Liechtensteinerin Evi Kliemand, die im Thurgau wohnhafte, rätoromanisch dichtende Tresa Rüthers-Seeli, die bereits genannte Andrea Martina Graf, Sabine Wang oder der Thurgauer Spoken-Word-Dichter Michael Stauffer.

Andere hätten auch dazu gepasst; Erica Engeler, Elsbeth Maag, Jochen Kelter, um nur drei zu nennen. Und Poetry Slam fehlt, damit kommt auch die lautstarke Ostschweizer Szene zu kurz, wenn man Pedro Lenz nicht bereits zu den St.Gallern zählen will. Der Herausgeber relativiert seine Auswahl an zeitgenössischen Stimmen immerhin: Sie sei als Vorschlag gedacht. Und vielleicht tauche ja nächstens schon «ein neuer Stern am lyrischen Himmel auf».

Längst aufgegangen ist der Stern der im Thurgau lebenden gebürtigen Ungarin Zsuzsanna Gahse. Sie ist unter anderem mit einem Auszug aus «Kleine instabile Ortskunde» vertreten – lyrische Prosa mit lakonischer Überzeugungskraft:

 

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: das Wort Migration hängt nicht mit Migros zusammen, Migration heisst Wanderung. Aber Migros ist ebenfalls eine Art Fremdwort, und ohnehin fallen einem durch Fremdwörter gleich weitere Fremdwörter ein, wobei in diesem Fall die Verwechslung aufschlussreich ist, dass es immer die Fremden sind, die migrieren. Migräne.

 

Die vielsprachige Schweiz

Nicht nur das Nacht-Buch der Lyrik also schlägt dieser Band auf, sondern auch das überbordend vielgestaltige Kapitel «Einwanderungsland Schweiz». Die Gedichte sind konsequenterweise nicht nur in deutscher Übersetzung, sondern auch in ihrer Ursprungssprache wiedergegeben.

Das gilt einerseits für die zahlreichen Texte aus der Westschweiz, dem Tessin und Graubünden, die eine Weltläufigkeit auszeichnet, wie sie in der Deutschschweiz weniger spürbar scheint – Namen wie Charles-Albert Cingria, Nicolas Bouvier, Franco Beltrametti, Anne Perrier oder Edith Boissonnas klingen vielleicht in der Romandie und in Frankreich, jedoch kaum östlich von Bern.

Anderseits und besonders verdienstvoll: Man lernt allerhand weitere Sprachen. Friaulisch mit den dreisprachigen Gedichten von Leonardo Zanier. Pomatter Titsch mit Anna Maria Bacher. Albanisch mit Vaxhid Xhellili. Englisch mit Anne Blonstein und anderen eingewanderten Autorinnen. Jiddisch mit Lajser Ajchenrand. Und ausserdem diverseste einheimische Dialekte: Berndeutsch mit der «Fluechfuge» von Ernst Eggimann, Walliserisch im «Fligügittär-Güdicht» von Rolf Hermann, Obwaldner Dialekt dank der «Stammtischschimpflyrik» von Julian Dillier, Locarnese, Verzasca- und Bidogna-Dialekt, Rätoromanisch in allen Spielformen.

klaudia schifferleEs gibt viel Witz (wie rechts in der Zeichnung der Künstlerin und Musikerin Klaudia Schifferle von 1980) in diesem Buch. Und es gibt viel Tragik. Es gibt wenig «Kanonisches» und viel Unerhörtes, teils Unpubliziertes. Davon zum Schluss eine Leseprobe, zwei Gedichte von Charles Racine (1927–1995) und Renaud Nicolas Racine (1966–2011). Der Vater: Autodidakt aus Moutier, in Zürich und Paris lebend, Autor von Prosa und Lyrik, die mehrheitlich noch nicht gedruckt ist. Der Sohn: in Zürich aufgewachsen, gesundheitlich angeschlagen, mit gut dreissig Jahren erblindet, Autor eines einzigen, unter Pseudonym publizierten Gedichts und bisher unveröffentlichter Lyrik und Kurzprosa.

 

‚s ist klinisch, ich bin klinisch, dass ich
          Aklinisches
unterscheide. Ich unterscheide die Akliniken.
Weil ich klinisch bin, schreibe ich nicht.
Ich mache keine Kunst. Soll sich doch
          ein Kranker
ans Schreiben machen; sein Albtraum. (…)

Charles Racine (1955)

 

Lichter und Dichter auf offener Strasse
beobachtet
Lichter, die stehen
und Dichter, die gehen
von Insel zu ihrer Wiederinsel
und so weiter und so weiter

Renaud Nicolas Racine (2011)

 

Das Buch:
Roger Perret (Hg.): «Moderne Poesie in der Schweiz. Eine Anthologie.»
Limmat Verlag, Zürich 2013. Fr. 53.–

Titelbild: Paul Klee: «Anfang eines Gedichtes», 1938, Kleisterfarbe auf Papier auf Karton (48,3 × 62,8 cm).

Dieser Beitrag erschien 2013 im Dezember-Heft von Saiten.

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