Vom umstrittenen Religionsführer Bhagwan Shree Rajnesh gebe es die Überlieferung, dass er bei den Bauarbeiten für seine Ashrams immer nur Frauen auf die Bagger gelassen habe. Weil diese nach seiner Überzeugung den Boden pfleglicher behandelten als Männer. Hat einmal jemand erzählt. Wenns denn wahr ist.
Ob wahr oder nicht: An die Geschichte lässt sich anknüpfen. Zum einen: Wenn es um Baustellen geht, haben fast alle eine Anekdote auf Lager. Zum zweiten: Beim Thema «Frau auf dem Bau» herrscht Funkstille, zumindest heutzutage und hierzulande. Bei einem Umbau neulich bei uns war unter allen Handwerkern gerade einmal die Malerin weiblich. Zimmerleute, Sanitär, Gipser und alle anderen: freundlich, professionell, männlich – selbst die Stromer mit ihrem nifeligen Job. Oder zum dritten schliesslich: Bauen und Bodenzerstörung… Bagger, die sich in den Humus hauen, durchbohrter Fels für Erdwärme, Teer statt Grün, Landschaftszersiedlung… Jede Baustelle ist auch eine Wunde.
Wo fängt es an? Die Kulturgeschichte der Baustelle wäre erst noch zu schreiben. Sie würde vielleicht beim Turmbau zu Babel beginnen, dem ersten und göttlich abgestraften Hochbau-Projekt der biblischen Überlieferung. Das Echo auf die gebauten oder nie gebauten antiken «Weltwunder» kommt tausende Jahre später von Bert Brecht und seinen Fragen eines lesenden Arbeiters:
«Wer erbaute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon, Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war, Die Maurer?»
Von den Bauhütten der mittelalterlichen Kathedralen wäre zu reden, Jahrhundertbaustellen, an denen Generation um Generation weiterbaute, teils bis heute. Das gewaltige Dammbau- und Landgewinnungsprojekt in Goethes Faust II würde hineingehören, ebenfalls eine grandiose Geschichte des Scheiterns, und weitere Bausteine für eine auch noch zu schreibende Literaturgeschichte der Baustelle fände man in der Arbeiterliteratur des «Sozrealismus».
«Dem Vernehmen nach hatten mit dieser Sache die zwölf Mann der Baugruppe III zu tun, ferner zwei Frauen, ein Junge, ein Hund, ein Benzinkanister und ein junger Hilfsarbeiter, der stumm war. Aber das waren zunächst Gerüchte. Fest stand nur eins: ein Mann war getötet worden, am 21. Oktober, auf einer Strassenbaustelle in den Wäldern vor dem Pass nach Fahris, Bezirk Morneck, rund neunzehn Kilometer nordwestlich von Jammers (Jura).»
So beginnt einer der seltenen Baustellenromane der Schweizer Literatur, Der Stumme, Erstling von Otto F. Walter aus dem Jahr 1963. Walter, selber Buchhändler, Verleger, Autor, also kein Büezer, hat dem Eisenleger Ferro 30 Jahre später im Roman Die verlorene Geschichte dann noch einmal eine Stimme gegeben: Polo Ferro, starke Hände, schwere Zunge und zu viel Kraft für ein unbeschädigtes Leben. Bei Walter werden der schwere Dreck und der Krampf, der Ernst und die Sprachlosigkeit auf der Baustelle beklemmend spürbar.
Nachfolger könnte man in der Schweizer Gegenwartsliteratur vermutlich an einer schwieligen Hand abzählen. Andreas Niedermann, Pedro Lenz oder die junge Ostschweizerin Julia Sutter mit ihrer Kurzgeschichte Kool ganz nah über einen Autobahn-Bauingenieur würden jedenfalls nicht fehlen in der Literaturgeschichte der Schweizer Baustelle. Zum Glück bereits gewürdigt ist die italienische Einwanderergeschichte der Ostschweiz, im wunderbaren Buch Grazie a voi.
Ebenfalls noch zu erforschen: die Psychologie der kindlichen und erwachsenen Baustellenfaszination, Stichworte Sandkasten, Lego, Kindertraum vom eigenen Bagger… Felix Lehner, der Sitterwerk-Gründer und städtische Kulturpreisträger (mehr zu ihm im Kulturteil des Novemberhefts) erzählt im Dokfilm Feuer und Flamme, als Kind habe er schlecht gelesen und geschrieben, aber stunden- und tagelang fasziniert Baustellen gekuckt. Dort kann man etwas lernen.
Dazu passt eine weitere Anekdote, die neulich ein Bekannter erzählt hat und die in der zu schreibenden Kulturgeschichte der Baustelle einen Ehrenplatz haben wird: In einem Altersheim in seiner Nachbarschaft sei während rund zwei Jahren kein einziger der betagten Bewohner gestorben. Auf den Grund der ungewöhnlichen Vitalität sei man erst nach und nach gekommen: Neben dem Heim gab es während dieser Zeit eine grosse Baustelle. Täglich passierte dort Neues, Aufregendes und Unterhaltendes – ein Lebenselixir offensichtlich für die Insassen und Grund genug, noch eine Weile am Leben zu bleiben. Die Geschichte ist so schön, dass sie nur wahr sein kann.
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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