Das nordische Modell und seine Auswirkungen auf Sexarbeitende

(Bild: unsplash)

In Raum St.Gallen hat sich ein Verein die Einführung des nordischen Modells zum Ziel gemacht. Dieses steht allerdings in der Kritik: bei kantonalen Behörden, Verbänden und Sexarbeitenden.

Seit 1999 gilt in Schwe­den ein Sexkauf­ver­bot. Es soll Frei­er kri­mi­na­li­sie­ren, Men­schen­han­del ein­däm­men und be­trof­fe­ne Per­so­nen schüt­zen. Schwe­dens Bei­spiel folg­ten Nor­we­gen und Is­land, da­nach wei­te­re eu­ro­päi­sche Staa­ten so­wie Ka­na­da und Is­ra­el mit ähn­li­chen Mo­del­len. Nun meh­ren sich Stim­men in der Schweiz, die ein sol­ches Ge­setz for­dern.

Im letz­ten Ju­li hat sich auch in St.Gal­len der Ver­ein Norm182 – an­ge­lehnt an den Ar­ti­kel 182 des schwei­ze­ri­schen Straf­ge­set­zes, der sich mit Men­schen­han­del be­schäf­tigt – ge­grün­det. Der Ver­ein be­treibt Ver­net­zungs- und Öf­fent­lich­keits­ar­beit, kan­to­nal und na­tio­nal, mit dem Ziel, das so­ge­nann­te «nor­di­sche Mo­dell» aus Schwe­den schweiz­weit ein­zu­füh­ren und da­mit «dem zu­neh­men­den Nach­schub der Wa­re Frau ei­nen Rie­gel vor­zu­schie­ben».  

Das sagt Mag­da­le­na Fäss­ler, ehe­ma­li­ge Prä­si­den­tin der Grün­li­be­ra­len Par­tei der Stadt St.Gal­len und Vor­stands­mit­glied des Ver­eins Norm182. Sie fügt an: «Die Pro­sti­tu­ti­on ist die letz­te Bas­ti­on des Pa­tri­ar­chats.» Be­ruf­lich kom­me sie als Po­li­zis­tin häu­fig in Kon­takt mit be­trof­fe­nen Frau­en und wis­se Be­scheid über die Si­tua­tio­nen, in de­nen sie sich oft be­fän­den: «Das hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten in be­sorg­nis­er­re­gen­der Wei­se ver­än­dert. Vie­le Frau­en wer­den der Pro­sti­tu­ti­on zu­ge­führt und ha­ben aus öko­no­mi­scher Sicht kei­ne an­de­re Wahl.» Haupt­pro­blem ist folg­lich die Nach­fra­ge: «Oh­ne die Frei­er gä­be es kei­ne Pro­sti­tu­ti­on und oh­ne Pro­sti­tu­ti­on gä­be es kei­ne Men­schen­han­dels­op­fer.» Mag­da­le­na Fäss­ler ist über­zeugt, dass der Men­schen­han­del von den Ge­set­zen in der Schweiz pro­fi­tiert und sich das Schleu­sen von Frau­en durch die Ein­füh­rung des nor­di­schen Mo­dells nicht mehr loh­nen wür­de.

Begrifflichkeiten

Sex­ar­beit und Pro­sti­tu­ti­on / Frei­er:in­nen

Das Sex­wor­kers­coll­ec­ti­ve, die Fach­stel­le Ma­ria Mag­da­le­na und die Dach­ver­bän­de spre­chen von Sex­ar­beit, weil die­se nicht gleich­zu­set­zen sei mit Men­schen­han­del, Zwang oder se­xu­el­ler Ge­walt. Der Ver­ein Norm182, die Mit­te-Frau­en und wei­te­re Ver­bän­de, die sich für das nor­di­sche Mo­dell aus­spre­chen, ver­wen­den den Be­griff Pro­sti­tu­ti­on. Aus­ser­dem ge­brau­chen sie mehr­heit­lich das ge­ne­risch männ­li­che Wort Frei­er, wäh­rend Be­trof­fe­ne, Ver­bän­de und Fach­stel­len von Frei­er:in­nen oder Kund:in­nen spre­chen.

Die In­ter­na­tio­na­le Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on ILO spricht von welt­weit rund 27,6 Mil­lio­nen Men­schen, die 2022 Op­fer von Men­schen­han­del wur­den. Da­von wa­ren rund 39,4 Pro­zent Frau­en, 12 Pro­zent Kin­der und rund 48,6 Pro­zent Män­ner.  17,3 Mil­lio­nen wur­den im pri­va­ten Sek­tor aus­ge­beu­tet – in der Schweiz bei­spiels­wei­se oft im Bau- und im Kos­me­tik­sek­tor. 6,3 Mil­lio­nen Men­schen wur­den zu kom­mer­zi­el­ler se­xu­el­ler Aus­beu­tung und knapp 4 Mil­lio­nen von staat­li­chen Ein­rich­tun­gen zu be­stimm­ten Ar­bei­ten ge­zwun­gen. Die ILO so­wie auch in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen wie An­ti-Slavery In­ter­na­tio­nal und Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal kom­men aus­ser­dem zum Schluss, dass sich Men­schen­han­del welt­weit bes­ser be­kämp­fen lässt, wenn das Sex­ge­wer­be ent­kri­mi­na­li­siert ist.

Kri­tik aus St.Gal­len am nor­di­schen Mo­dell

Die St.Gal­ler Fach­stel­le Ma­ria Mag­da­le­na bie­tet Sex­ar­bei­ten­den Be­ra­tung zu Ge­sund­heits- und ar­beits­recht­li­chen Fra­gen. Team­lei­te­rin Lau­ra Burk­hardt ist über­zeugt: Um Sex­ar­bei­ten­de wirk­sam zu schüt­zen und zu un­ter­stüt­zen, brau­che es kla­re ge­setz­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, si­che­re Ar­beits­or­te, Zu­gang zu Ge­sund­heits- und So­zi­al­diens­ten, so­zia­le Ab­si­che­rung, Schutz vor Ge­walt so­wie die Ein­bin­dung und Ent­stig­ma­ti­sie­rung der Be­trof­fe­nen. «Aus un­se­rer Sicht ist dies nur durch die voll­stän­di­ge Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von Sex­ar­beit mög­lich.»

Da­mit po­si­tio­niert sich die kan­to­na­le Fach­stel­le Ma­ria Mag­da­le­na klar ge­gen das nor­di­sche Mo­dell. «Es greift zu kurz, weil es pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren nicht ab­baut, son­dern ver­fes­tigt. Wirk­li­che Ver­än­de­rung ge­lingt nur durch se­xu­el­le Bil­dung, die Selbst­be­stim­mung, Kon­sens und Viel­falt för­dert.» Burk­hardt ver­weist auf Stu­di­en und Er­fah­run­gen, die be­le­gen wür­den, dass ein Sexkauf­ver­bot we­der zu si­che­re­ren Ar­beits­be­din­gun­gen für die Sex­ar­bei­ten­den noch zur Ver­rin­ge­rung von Aus­beu­tung füh­re, son­dern im Ge­gen­teil die Ri­si­ken für se­xu­ell über­trag­ba­re Krank­hei­ten, Ge­walt und pre­kä­re Le­bens­um­stän­de stei­ge­re. «Aus­ser­dem er­schwe­ren re­pres­si­ve Mass­nah­men das Ver­trau­ens­ver­hält­nis der Sex­ar­bei­ten­den zu Fach­per­so­nen und ver­hin­dern so den Zu­gang zum Hilfs­sys­tem.»

Ei­ne sol­che Stu­die der Uni­ver­si­tä­ten Leeds Be­ckett und Lan­cas­ter aus Gross­bri­tan­ni­en von 2019 re­sü­miert zu­dem, dass es kein «nor­di­sches Mo­dell» als sol­ches ge­be, weil es in di­ver­sen nor­di­schen Län­dern nur teil­wei­se um­ge­setzt wer­de. Grund­le­gend und in all den Län­dern vor­han­den sei hin­ge­gen das Be­dürf­nis der Un­ter­stüt­zen­den, Aus­beu­tung zu ver­hin­dern. Wei­ter füh­re das nor­di­sche Mo­dell – so­weit es als sol­ches be­zeich­net wer­den kann – eher zu ei­ner Ver­schär­fung der be­reits exis­tie­ren­den Pro­ble­ma­tik. Das Mo­dell trägt ge­mäss der Stu­die auch nicht zur Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter bei, da für die vor­gän­gi­ge Eva­lua­ti­on nicht be­rück­sich­tigt wur­de, dass auch Trans­per­so­nen und Män­ner im Ge­wer­be ar­bei­ten und auch Paa­re und Frau­en Kund:in­nen sein kön­nen.

(Bild: Yoshiko Kusano für ProCoRe)

Auch Dach­ver­bän­de wie Pro­Co­Re und das Sex­wor­kers­coll­ec­ti­ve aus der Schweiz, der deut­sche Be­rufs­ver­band ero­ti­sche und se­xu­el­le Dienst­leis­tun­gen e.V., die Eu­ro­pean Sex Workers Rights Al­li­ance und das Glo­bal Net­work of Sex Work Pro­jects sind sich ei­nig: Das nor­di­sche Mo­dell ver­schärft die pre­kä­re La­ge und die Ge­fahr für Sex­ar­bei­ten­de. Dort, wo es im­ple­men­tiert wur­de, hat die Stig­ma­ti­sie­rung zu­ge­nom­men. Da­ne­ben hat das Ge­setz den Wett­be­werb ver­schärft, Sex­ar­bei­te­rin­nen ha­ben bei Ver­hand­lun­gen mit Kun­den we­ni­ger Macht. Sie müs­sen sich ver­ste­cken, um ih­rer Ar­beit nach­zu­ge­hen, und das Ri­si­ko für Ge­walt und Aus­beu­tung steigt.

Stig­ma­ti­sie­rung und Ge­ring­schät­zung

Ma­ya ist Sex­ar­bei­te­rin. Und sie ist Mit­glied im Sex­wor­kers­coll­ec­ti­ve, ei­nem von Sex­ar­bei­ter:in­nen ver­wal­te­ten Kol­lek­tiv. «Wenn ein Sexkauf­ver­bot ein­ge­führt wird, le­ben wir ge­fähr­li­cher und die Stig­ma­ti­sie­rung des Be­ru­fes wird noch schlim­mer», sagt sie. Ma­ya und ih­re Kol­leg:in­nen kämp­fen für Ent­stig­ma­ti­sie­rung, für Re­spekt und An­er­ken­nung ih­res Be­ru­fes, ge­gen die Ge­ring­schät­zung und das ge­sell­schaft­li­che Vor­ur­teil, dass man als sex­ar­bei­ten­de Per­son am «Tief­punkt» an­ge­kom­men sei. Vie­le ih­rer Kol­leg:in­nen schät­zen den Be­ruf auf­grund der Frei­hei­ten, die er bie­tet. Ma­ya könn­te ei­nen an­de­ren Be­ruf wäh­len, tut es aber nicht.

Lau­ra Burk­hardt von der Fach­stel­le Ma­ria Mag­da­le­na in St.Gal­len be­stä­tigt die­se Aus­sa­gen. Die Grün­de für Sex­ar­beit sei­en viel­fäl­tig: Sie rei­chen von öko­no­mi­schen Mo­ti­ven, die Mög­lich­keit fle­xi­bler Ar­beits­zei­ten bis hin zu man­geln­den Al­ter­na­ti­ven. Sta­tis­ti­ken da­zu sei­en aber rar, weil die For­schung durch Stig­ma und Zu­gangs­hür­den schwie­rig sei.

Seit über fünf Jah­ren ar­bei­tet Ma­ya im Ge­wer­be, kennt vie­le sex­ar­bei­ten­de Men­schen. Na­tür­lich ge­be es Ge­walt und auch Per­so­nen, die der Ar­beit nicht frei­wil­lig nach­ge­hen wür­den, und die­se soll­ten un­be­dingt Un­ter­stüt­zung be­kom­men, sagt Ma­ya. Aber ein Sexkauf­ver­bot ver­schlim­me­re die Si­tua­ti­on nur noch. Sie er­zählt auch von Er­leb­nis­sen von Kol­leg:in­nen aus Schwe­den, wo das Mo­dell als Vor­wand die­ne, um Mi­grant:in­nen aus­zu­schaf­fen.

Be­reits heu­te wer­den in der Schweiz Sex­ar­bei­ten­de, die als Selb­stän­dig­er­wer­ben­de an­ge­mel­det sind, ge­büsst, wenn sie bei­spiels­wei­se die AHV nicht kor­rekt ab­rech­nen. Da­bei wer­den Per­so­na­li­en ge­prüft und Per­so­nen oh­ne gül­ti­ge Ar­beits­be­wil­li­gung zu­sätz­lich straf­recht­lich be­langt. Ei­ni­ge der Sex­ar­bei­ten­den kön­nen sich mit dem Be­ruf et­was auf­bau­en, man­che kön­nen in kei­nem an­de­ren Be­ruf ar­bei­ten: «Mit dem nor­di­schen Mo­dell nimmt man vie­len Per­so­nen die Exis­tenz­grund­la­ge und ver­schärft die pre­kä­ren Um­stän­de, in de­nen vie­le Le­ben», sagt Ma­ya.

Frei­wil­lig­keit oder kei­ne an­de­re Wahl?

Aber wie ver­hält sich Frei­wil­lig­keit zum Man­gel an Al­ter­na­ti­ven? Beim Ver­ein Norm182 hat man dar­auf ei­ne Ant­wort: «Der Be­griff Frei­wil­lig­keit hat im Kon­text der Pro­sti­tu­ti­on ei­gent­lich nichts zu su­chen. Ei­ne Frau aus Af­gha­ni­stan ver­kauft ihr Kind auch ‹frei­wil­lig›, weil sie schlicht kei­ne an­de­re Mög­lich­keit hat, die Fa­mi­lie zu er­näh­ren», sagt Mag­da­le­na Fäss­ler. Sie spricht von Stu­di­en und ver­weist auf Be­rich­te des eu­ro­päi­schen Par­la­ments, die das nor­di­sche Mo­dell als funk­tio­nie­ren­de Lö­sung zur Ein­däm­mung von Men­schen­han­del und se­xu­el­ler Aus­beu­tung se­hen. Dem­nach be­fän­den sich laut Fäss­ler «90 Pro­zent der Pro­sti­tu­ier­ten in ei­ner vul­ner­ablen Si­tua­ti­on» und wie­der­um 70 Pro­zent die­ser Frau­en sei­en von Men­schen­han­del be­trof­fen.

(Bild: Yoshiko Kusano für ProCoRe)

Ge­mäss dem Be­richt des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments geht es bei den 70 Pro­zent um ei­ne Schät­zung aus den Nie­der­lan­den. Dort sol­len «von rund 30’000 Per­so­nen in der Pro­sti­tu­ti­on wohl bis zu 70 Pro­zent ge­walt­sam ge­zwun­gen oder durch ei­nen ‹Lo­ver­boy› da­zu ver­lei­tet» wor­den sein. Die 90 Pro­zent be­zie­hen sich auf ei­ne iri­sche Stu­die, wo­nach 90 Pro­zent der Sex­ar­bei­ten­den aus­stei­gen wol­len wür­den, ih­nen aber kei­ne Un­ter­stüt­zung ge­bo­ten wer­de. Im sel­ben Be­richt wird fest­ge­stellt, dass bei ei­ner Be­fra­gung in Deutsch­land rund 41 Pro­zent der Sex­ar­bei­ten­den an­ga­ben, Ge­walt zu er­le­ben, wäh­rend rund 35 Pro­zent der be­frag­ten Frei­er an­ga­ben, über­zeugt zu sein, dass sie mit dem Kauf auch das Recht hät­ten, frei über die Sex­ar­bei­ten­den ver­fü­gen zu kön­nen. Dass die bei­den Zah­len ver­linkt sind, ist an­zu­neh­men. Ge­walt an Frau­en ist al­ler­dings nicht nur ein Pro­blem des «Mi­lieus», son­dern ein ge­samt­ge­sell­schaft­li­ches (Sai­ten hat im Ju­ni­heft aus­führ­lich be­rich­tet.)

Mag­da­le­na Fäss­ler kennt Per­so­nen mit Schick­sa­len, wie das­je­ni­ge von Mer­ly Ås­bo­gård. Mer­ly be­zeich­net sich selbst als ehe­ma­li­ge Pro­sti­tu­ier­te. Im März hat sie in Zü­rich an ei­nem Po­di­um zum nor­di­schen Mo­dell teil­ge­nom­men – ne­ben ei­nem be­kann­ten und auch kri­tisch dis­ku­tier­ten schwe­di­schen Po­li­zis­ten. Sie setzt sich für das Mo­dell ein, weil sie selbst zur Pro­sti­tu­ti­on ge­zwun­gen wur­de. Fäss­ler sagt, Per­so­nen wie Ma­ya, die frei­wil­lig die­ser Ar­beit nach­ge­hen, wür­den höchs­tens zehn Pro­zent aus­ma­chen. Da­bei be­zieht sie sich auch auf ih­re be­ruf­li­che Er­fah­rung. «Der Gross­teil sind 18- bis 35-jäh­ri­ge Frau­en, die aus den ärms­ten Ge­gen­den Eu­ro­pas und Süd­ame­ri­kas stam­men. Sie wür­den nie öf­fent­lich über ihr Schick­sal be­rich­ten, das wä­re schlicht le­bens­ge­fähr­lich für sie.» Der­weil wur­de die Ver­an­stal­tung in Zü­rich vom Sex­wor­kers­coll­ec­ti­ve und Pro­Co­Re scharf kri­ti­siert. We­gen des The­mas, aber auch weil kei­ne ak­ti­ven Sex­ar­bei­ten­den, da­für der Po­li­zist Hägg­ström ein­ge­la­den wur­den.

Un­ter­stüt­zungs- und Aus­stiegs­an­ge­bo­te

Um be­trof­fe­ne Per­so­nen ef­fek­tiv zu un­ter­stüt­zen und zu schüt­zen, brau­che es in ers­ter Li­nie Ent­stig­ma­ti­sie­rung, sagt Ma­ya: «Dann steigt der Re­spekt für das, was Sex­ar­beit ist: ein Job.» Die­se Dis­kus­si­on müs­se in der Mit­te der Ge­sell­schaft statt­fin­den, weil auch Sex­ar­beit dort statt­fin­de. Es sei nicht al­les per­fekt, aber Ver­drän­gung sei ge­nau das Pro­blem. Lau­ra Burk­hardt von der Fach­stel­le Ma­ria Mag­da­le­na plä­diert zu­dem für Rah­men­be­din­gun­gen: «Sex­ar­beit muss, wie je­de an­de­re Er­werbs­ar­beit, un­ter si­che­ren, ge­re­gel­ten und men­schen­wür­di­gen Be­din­gun­gen mög­lich sein. Wer et­was ge­gen Aus­beu­tung tun will, muss Ar­beits­rech­te stär­ken – nicht die Nach­fra­ge kri­mi­na­li­sie­ren.» Da­ne­ben brau­che es Un­ter­stüt­zungs­an­ge­bo­te, die den Sex­ar­bei­ter:in­nen Al­ter­na­ti­ven bie­ten und sie da­bei un­ter­stüt­zen, ih­re Rech­te wahr­zu­neh­men.

Sol­che Un­ter­stüt­zungs­an­ge­bo­te be­inhal­te aber auch das Mo­dell, für wel­ches sich der Ver­ein Norm182 ein­setzt, sagt Mag­da­le­na Fäss­ler. «Das nor­di­sche Mo­dell ist ein Vier-Säu­len-Sys­tem. Ei­ne Säu­le be­inhal­tet die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Frau­en. Sie müs­sen kei­ner­lei Re­pres­si­on be­fürch­ten. Die zwei­te Säu­le sind ech­te staat­li­che Aus­stiegs­hil­fen. Die drit­te Säu­le be­schreibt die Prä­ven­ti­on durch Auf­klä­rung und die vier­te Säu­le be­inhal­tet das Sexkauf­ver­bot.»

Bei Ma­ria Mag­da­le­na sind Be­ra­tungs- und Un­ter­stüt­zungs­an­ge­bo­te ein gros­ser Be­stand­teil der Ar­beit. 53 Pro­zent der Be­ra­tun­gen fin­den in den Ero­tik­be­trie­ben statt, wei­te­re An­fra­gen und Be­ra­tun­gen fin­den übers Te­le­fon und auf der Be­ra­tungs­stel­le statt. Vie­le die­ser Be­ra­tun­gen dre­hen sich um ge­sund­heit­li­che The­men, ei­ni­ge um Rechts­fra­gen. Auf der Home­page von Ma­ria Mag­da­le­na fin­den sich Tipps und Links zum kor­rek­ten An­mel­den ei­nes Sa­lons oder In­for­ma­tio­nen zur Tä­tig­keit als selbst­stän­dig er­wer­ben­de Per­son. Rund 60 Pro­zent der Per­so­nen, die sich bei der kan­to­na­len Fach­stel­le ge­mel­det ha­ben, kom­men aus der Stadt St.Gal­len, wei­te­re 11 Pro­zent aus Wil und die rest­li­chen An­fra­gen ver­tei­len sich auf die Re­gi­on.

(Bild: Lady Kate für ProCoRe)

Auch Sex­ar­bei­te­rin Ma­ya be­tont im Ge­spräch die Wich­tig­keit sol­cher An­lauf­stel­len. Sie sei­en es, die ef­fek­tiv Ge­walt­prä­ven­ti­on und Schu­lun­gen durch­füh­ren und bei de­nen sich Per­so­nen mel­den kön­nen, wenn sie il­le­gal in der Bran­che ar­bei­ten oder von Zwang oder Ge­walt be­trof­fen sind. So wie die Be­ra­tungs­stel­le Is­la Vic­to­ria mit Stand­or­ten Win­ter­thur und Zü­rich. Ma­ya fürch­tet, dass mit der Ein­füh­rung des nor­di­schen Mo­dells sol­che Fach­stel­len schlies­sen wür­den, weil die Sex­ar­beit nicht mehr exis­tie­ren dürf­te. «Na­tür­lich gibt es Leu­te, die hel­fen wol­len, es gibt aber lei­der auch wel­che, bei­spiels­wei­se ra­di­ka­le Fe­mi­nist:in­nen, die das Sexkauf­ver­bot, sprich das nor­di­sche Mo­dell, als Hil­fe be­zeich­nen. Wenn al­les rund um dei­nen Job je­doch il­le­gal ist, er­hältst du kei­ne Hil­fe, son­dern hast noch mehr Hür­den. Was sie als Hil­fe be­zeich­nen, ist sehr schäd­lich für uns.»

Weil die Bi­bel es ver­bie­tet?

Was aber, wenn es gar nicht um die Hil­fe gin­ge, son­dern dar­um, et­was zu ver­ste­cken, was nicht exis­tie­ren darf? Sex­ar­beit ist schliess­lich ein Ta­bu­the­ma. In­ter­es­sant ist, dass bei sehr vie­len Or­ga­ni­sa­tio­nen und Al­li­an­zen, die das nor­di­sche Mo­dell for­dern, an­schei­nend die Kir­che mit­mischt. So bei­spiels­wei­se bei End De­mand Switz­er­land. Ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die sich im März 2024 mit der Frau­en­zen­tra­le Zü­rich und der waadt­län­di­schen NGO Per­la zur «Por­ta Al­li­ance» zu­sam­men­ge­tan hat. Die Al­li­anz setzt sich eben­falls für das Mo­dell ein (und ge­gen Aus­beu­tung).

Die Su­che nach In­for­ma­tio­nen zur Or­ga­ni­sa­ti­on End De­mand Switz­er­land ver­liert sich rasch auf kryp­ti­schen, of­fen­bar ka­tho­li­schen In­ter­net­sei­ten. Die in Zü­rich ge­grün­de­te Por­ta Al­li­ance wird der­weil ne­ben der EVP auch von der frei­kirch­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on He­art­wings und dem christ­li­chen Ver­ein Bloved un­ter­stützt. Auch Norm182 wird mit Ja­scha Mül­ler von ei­nem EVP-ler prä­si­diert. Mag­da­le­na Fäss­ler sagt, sie selbst sei be­ken­nen­de Athe­is­tin und der Ver­ein Norm182 kein re­li­giö­ser.

Im April die­ses Jah­res hat auch die na­tio­na­le Frau­en­sek­ti­on der Mit­te-Par­tei (ehe­mals CVP) ein Grund­la­gen­pa­pier zum The­ma «Pro­sti­tu­ti­on» ver­ab­schie­det. Ge­mäss die­sem sol­len un­ter an­de­rem Ge­set­ze und not­falls die Ver­fas­sung «zum Schutz der Pro­sti­tu­ier­ten» an­ge­passt, «Frei­er und Zu­häl­ter stär­ker in die Ver­ant­wor­tung» ge­nom­men oder «wir­kungs­vol­le Hür­den» ge­schaf­fen wer­den, um den «Ein­stieg in die Pro­sti­tu­ti­on zu er­schwe­ren». Wäh­rend in der Schweiz noch von Volks­in­itia­ti­ven und kan­to­na­len Ge­set­zen zur Ein­füh­rung des nor­di­schen Mo­dells ge­mun­kelt wird, geht Schwe­den ei­nen Schritt wei­ter. Weil sich näm­lich die Sex­ar­beit mitt­ler­wei­le ste­tig di­gi­ta­li­siert, tritt dort bald das Ver­bot von vir­tu­el­ler Sex­ar­beit in Kraft.  «Das hat nichts mit Schutz zu tun», fin­det Ma­ya, «Das ist ei­ner der si­chers­ten We­ge, um Geld ver­die­nen zu kön­nen.»

sex­wor­kers.ch
ma­ria­mag­da­le­na