Seit 1999 gilt in Schweden ein Sexkaufverbot. Es soll Freier kriminalisieren, Menschenhandel eindämmen und betroffene Personen schützen. Schwedens Beispiel folgten Norwegen und Island, danach weitere europäische Staaten sowie Kanada und Israel mit ähnlichen Modellen. Nun mehren sich Stimmen in der Schweiz, die ein solches Gesetz fordern.
Im letzten Juli hat sich auch in St.Gallen der Verein Norm182 – angelehnt an den Artikel 182 des schweizerischen Strafgesetzes, der sich mit Menschenhandel beschäftigt – gegründet. Der Verein betreibt Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit, kantonal und national, mit dem Ziel, das sogenannte «nordische Modell» aus Schweden schweizweit einzuführen und damit «dem zunehmenden Nachschub der Ware Frau einen Riegel vorzuschieben».
Das sagt Magdalena Fässler, ehemalige Präsidentin der Grünliberalen Partei der Stadt St.Gallen und Vorstandsmitglied des Vereins Norm182. Sie fügt an: «Die Prostitution ist die letzte Bastion des Patriarchats.» Beruflich komme sie als Polizistin häufig in Kontakt mit betroffenen Frauen und wisse Bescheid über die Situationen, in denen sie sich oft befänden: «Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in besorgniserregender Weise verändert. Viele Frauen werden der Prostitution zugeführt und haben aus ökonomischer Sicht keine andere Wahl.» Hauptproblem ist folglich die Nachfrage: «Ohne die Freier gäbe es keine Prostitution und ohne Prostitution gäbe es keine Menschenhandelsopfer.» Magdalena Fässler ist überzeugt, dass der Menschenhandel von den Gesetzen in der Schweiz profitiert und sich das Schleusen von Frauen durch die Einführung des nordischen Modells nicht mehr lohnen würde.
Die Internationale Arbeitsorganisation ILO spricht von weltweit rund 27,6 Millionen Menschen, die 2022 Opfer von Menschenhandel wurden. Davon waren rund 39,4 Prozent Frauen, 12 Prozent Kinder und rund 48,6 Prozent Männer. 17,3 Millionen wurden im privaten Sektor ausgebeutet – in der Schweiz beispielsweise oft im Bau- und im Kosmetiksektor. 6,3 Millionen Menschen wurden zu kommerzieller sexueller Ausbeutung und knapp 4 Millionen von staatlichen Einrichtungen zu bestimmten Arbeiten gezwungen. Die ILO sowie auch internationale Organisationen wie Anti-Slavery International und Amnesty International kommen ausserdem zum Schluss, dass sich Menschenhandel weltweit besser bekämpfen lässt, wenn das Sexgewerbe entkriminalisiert ist.
Kritik aus St.Gallen am nordischen Modell
Die St.Galler Fachstelle Maria Magdalena bietet Sexarbeitenden Beratung zu Gesundheits- und arbeitsrechtlichen Fragen. Teamleiterin Laura Burkhardt ist überzeugt: Um Sexarbeitende wirksam zu schützen und zu unterstützen, brauche es klare gesetzliche Rahmenbedingungen, sichere Arbeitsorte, Zugang zu Gesundheits- und Sozialdiensten, soziale Absicherung, Schutz vor Gewalt sowie die Einbindung und Entstigmatisierung der Betroffenen. «Aus unserer Sicht ist dies nur durch die vollständige Entkriminalisierung von Sexarbeit möglich.»
Damit positioniert sich die kantonale Fachstelle Maria Magdalena klar gegen das nordische Modell. «Es greift zu kurz, weil es patriarchale Strukturen nicht abbaut, sondern verfestigt. Wirkliche Veränderung gelingt nur durch sexuelle Bildung, die Selbstbestimmung, Konsens und Vielfalt fördert.» Burkhardt verweist auf Studien und Erfahrungen, die belegen würden, dass ein Sexkaufverbot weder zu sichereren Arbeitsbedingungen für die Sexarbeitenden noch zur Verringerung von Ausbeutung führe, sondern im Gegenteil die Risiken für sexuell übertragbare Krankheiten, Gewalt und prekäre Lebensumstände steigere. «Ausserdem erschweren repressive Massnahmen das Vertrauensverhältnis der Sexarbeitenden zu Fachpersonen und verhindern so den Zugang zum Hilfssystem.»
Eine solche Studie der Universitäten Leeds Beckett und Lancaster aus Grossbritannien von 2019 resümiert zudem, dass es kein «nordisches Modell» als solches gebe, weil es in diversen nordischen Ländern nur teilweise umgesetzt werde. Grundlegend und in all den Ländern vorhanden sei hingegen das Bedürfnis der Unterstützenden, Ausbeutung zu verhindern. Weiter führe das nordische Modell – soweit es als solches bezeichnet werden kann – eher zu einer Verschärfung der bereits existierenden Problematik. Das Modell trägt gemäss der Studie auch nicht zur Gleichstellung der Geschlechter bei, da für die vorgängige Evaluation nicht berücksichtigt wurde, dass auch Transpersonen und Männer im Gewerbe arbeiten und auch Paare und Frauen Kund:innen sein können.

(Bild: Yoshiko Kusano für ProCoRe)
Auch Dachverbände wie ProCoRe und das Sexworkerscollective aus der Schweiz, der deutsche Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., die European Sex Workers Rights Alliance und das Global Network of Sex Work Projects sind sich einig: Das nordische Modell verschärft die prekäre Lage und die Gefahr für Sexarbeitende. Dort, wo es implementiert wurde, hat die Stigmatisierung zugenommen. Daneben hat das Gesetz den Wettbewerb verschärft, Sexarbeiterinnen haben bei Verhandlungen mit Kunden weniger Macht. Sie müssen sich verstecken, um ihrer Arbeit nachzugehen, und das Risiko für Gewalt und Ausbeutung steigt.
Stigmatisierung und Geringschätzung
Maya ist Sexarbeiterin. Und sie ist Mitglied im Sexworkerscollective, einem von Sexarbeiter:innen verwalteten Kollektiv. «Wenn ein Sexkaufverbot eingeführt wird, leben wir gefährlicher und die Stigmatisierung des Berufes wird noch schlimmer», sagt sie. Maya und ihre Kolleg:innen kämpfen für Entstigmatisierung, für Respekt und Anerkennung ihres Berufes, gegen die Geringschätzung und das gesellschaftliche Vorurteil, dass man als sexarbeitende Person am «Tiefpunkt» angekommen sei. Viele ihrer Kolleg:innen schätzen den Beruf aufgrund der Freiheiten, die er bietet. Maya könnte einen anderen Beruf wählen, tut es aber nicht.
Laura Burkhardt von der Fachstelle Maria Magdalena in St.Gallen bestätigt diese Aussagen. Die Gründe für Sexarbeit seien vielfältig: Sie reichen von ökonomischen Motiven, die Möglichkeit flexibler Arbeitszeiten bis hin zu mangelnden Alternativen. Statistiken dazu seien aber rar, weil die Forschung durch Stigma und Zugangshürden schwierig sei.
Seit über fünf Jahren arbeitet Maya im Gewerbe, kennt viele sexarbeitende Menschen. Natürlich gebe es Gewalt und auch Personen, die der Arbeit nicht freiwillig nachgehen würden, und diese sollten unbedingt Unterstützung bekommen, sagt Maya. Aber ein Sexkaufverbot verschlimmere die Situation nur noch. Sie erzählt auch von Erlebnissen von Kolleg:innen aus Schweden, wo das Modell als Vorwand diene, um Migrant:innen auszuschaffen.
Bereits heute werden in der Schweiz Sexarbeitende, die als Selbständigerwerbende angemeldet sind, gebüsst, wenn sie beispielsweise die AHV nicht korrekt abrechnen. Dabei werden Personalien geprüft und Personen ohne gültige Arbeitsbewilligung zusätzlich strafrechtlich belangt. Einige der Sexarbeitenden können sich mit dem Beruf etwas aufbauen, manche können in keinem anderen Beruf arbeiten: «Mit dem nordischen Modell nimmt man vielen Personen die Existenzgrundlage und verschärft die prekären Umstände, in denen viele Leben», sagt Maya.
Freiwilligkeit oder keine andere Wahl?
Aber wie verhält sich Freiwilligkeit zum Mangel an Alternativen? Beim Verein Norm182 hat man darauf eine Antwort: «Der Begriff Freiwilligkeit hat im Kontext der Prostitution eigentlich nichts zu suchen. Eine Frau aus Afghanistan verkauft ihr Kind auch ‹freiwillig›, weil sie schlicht keine andere Möglichkeit hat, die Familie zu ernähren», sagt Magdalena Fässler. Sie spricht von Studien und verweist auf Berichte des europäischen Parlaments, die das nordische Modell als funktionierende Lösung zur Eindämmung von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung sehen. Demnach befänden sich laut Fässler «90 Prozent der Prostituierten in einer vulnerablen Situation» und wiederum 70 Prozent dieser Frauen seien von Menschenhandel betroffen.

(Bild: Yoshiko Kusano für ProCoRe)
Gemäss dem Bericht des Europäischen Parlaments geht es bei den 70 Prozent um eine Schätzung aus den Niederlanden. Dort sollen «von rund 30’000 Personen in der Prostitution wohl bis zu 70 Prozent gewaltsam gezwungen oder durch einen ‹Loverboy› dazu verleitet» worden sein. Die 90 Prozent beziehen sich auf eine irische Studie, wonach 90 Prozent der Sexarbeitenden aussteigen wollen würden, ihnen aber keine Unterstützung geboten werde. Im selben Bericht wird festgestellt, dass bei einer Befragung in Deutschland rund 41 Prozent der Sexarbeitenden angaben, Gewalt zu erleben, während rund 35 Prozent der befragten Freier angaben, überzeugt zu sein, dass sie mit dem Kauf auch das Recht hätten, frei über die Sexarbeitenden verfügen zu können. Dass die beiden Zahlen verlinkt sind, ist anzunehmen. Gewalt an Frauen ist allerdings nicht nur ein Problem des «Milieus», sondern ein gesamtgesellschaftliches (Saiten hat im Juniheft ausführlich berichtet.)
Magdalena Fässler kennt Personen mit Schicksalen, wie dasjenige von Merly Åsbogård. Merly bezeichnet sich selbst als ehemalige Prostituierte. Im März hat sie in Zürich an einem Podium zum nordischen Modell teilgenommen – neben einem bekannten und auch kritisch diskutierten schwedischen Polizisten. Sie setzt sich für das Modell ein, weil sie selbst zur Prostitution gezwungen wurde. Fässler sagt, Personen wie Maya, die freiwillig dieser Arbeit nachgehen, würden höchstens zehn Prozent ausmachen. Dabei bezieht sie sich auch auf ihre berufliche Erfahrung. «Der Grossteil sind 18- bis 35-jährige Frauen, die aus den ärmsten Gegenden Europas und Südamerikas stammen. Sie würden nie öffentlich über ihr Schicksal berichten, das wäre schlicht lebensgefährlich für sie.» Derweil wurde die Veranstaltung in Zürich vom Sexworkerscollective und ProCoRe scharf kritisiert. Wegen des Themas, aber auch weil keine aktiven Sexarbeitenden, dafür der Polizist Häggström eingeladen wurden.
Unterstützungs- und Ausstiegsangebote
Um betroffene Personen effektiv zu unterstützen und zu schützen, brauche es in erster Linie Entstigmatisierung, sagt Maya: «Dann steigt der Respekt für das, was Sexarbeit ist: ein Job.» Diese Diskussion müsse in der Mitte der Gesellschaft stattfinden, weil auch Sexarbeit dort stattfinde. Es sei nicht alles perfekt, aber Verdrängung sei genau das Problem. Laura Burkhardt von der Fachstelle Maria Magdalena plädiert zudem für Rahmenbedingungen: «Sexarbeit muss, wie jede andere Erwerbsarbeit, unter sicheren, geregelten und menschenwürdigen Bedingungen möglich sein. Wer etwas gegen Ausbeutung tun will, muss Arbeitsrechte stärken – nicht die Nachfrage kriminalisieren.» Daneben brauche es Unterstützungsangebote, die den Sexarbeiter:innen Alternativen bieten und sie dabei unterstützen, ihre Rechte wahrzunehmen.
Solche Unterstützungsangebote beinhalte aber auch das Modell, für welches sich der Verein Norm182 einsetzt, sagt Magdalena Fässler. «Das nordische Modell ist ein Vier-Säulen-System. Eine Säule beinhaltet die Entkriminalisierung der Frauen. Sie müssen keinerlei Repression befürchten. Die zweite Säule sind echte staatliche Ausstiegshilfen. Die dritte Säule beschreibt die Prävention durch Aufklärung und die vierte Säule beinhaltet das Sexkaufverbot.»
Bei Maria Magdalena sind Beratungs- und Unterstützungsangebote ein grosser Bestandteil der Arbeit. 53 Prozent der Beratungen finden in den Erotikbetrieben statt, weitere Anfragen und Beratungen finden übers Telefon und auf der Beratungsstelle statt. Viele dieser Beratungen drehen sich um gesundheitliche Themen, einige um Rechtsfragen. Auf der Homepage von Maria Magdalena finden sich Tipps und Links zum korrekten Anmelden eines Salons oder Informationen zur Tätigkeit als selbstständig erwerbende Person. Rund 60 Prozent der Personen, die sich bei der kantonalen Fachstelle gemeldet haben, kommen aus der Stadt St.Gallen, weitere 11 Prozent aus Wil und die restlichen Anfragen verteilen sich auf die Region.

(Bild: Lady Kate für ProCoRe)
Auch Sexarbeiterin Maya betont im Gespräch die Wichtigkeit solcher Anlaufstellen. Sie seien es, die effektiv Gewaltprävention und Schulungen durchführen und bei denen sich Personen melden können, wenn sie illegal in der Branche arbeiten oder von Zwang oder Gewalt betroffen sind. So wie die Beratungsstelle Isla Victoria mit Standorten Winterthur und Zürich. Maya fürchtet, dass mit der Einführung des nordischen Modells solche Fachstellen schliessen würden, weil die Sexarbeit nicht mehr existieren dürfte. «Natürlich gibt es Leute, die helfen wollen, es gibt aber leider auch welche, beispielsweise radikale Feminist:innen, die das Sexkaufverbot, sprich das nordische Modell, als Hilfe bezeichnen. Wenn alles rund um deinen Job jedoch illegal ist, erhältst du keine Hilfe, sondern hast noch mehr Hürden. Was sie als Hilfe bezeichnen, ist sehr schädlich für uns.»
Weil die Bibel es verbietet?
Was aber, wenn es gar nicht um die Hilfe ginge, sondern darum, etwas zu verstecken, was nicht existieren darf? Sexarbeit ist schliesslich ein Tabuthema. Interessant ist, dass bei sehr vielen Organisationen und Allianzen, die das nordische Modell fordern, anscheinend die Kirche mitmischt. So beispielsweise bei End Demand Switzerland. Eine Organisation, die sich im März 2024 mit der Frauenzentrale Zürich und der waadtländischen NGO Perla zur «Porta Alliance» zusammengetan hat. Die Allianz setzt sich ebenfalls für das Modell ein (und gegen Ausbeutung).
Die Suche nach Informationen zur Organisation End Demand Switzerland verliert sich rasch auf kryptischen, offenbar katholischen Internetseiten. Die in Zürich gegründete Porta Alliance wird derweil neben der EVP auch von der freikirchlichen Organisation Heartwings und dem christlichen Verein Bloved unterstützt. Auch Norm182 wird mit Jascha Müller von einem EVP-ler präsidiert. Magdalena Fässler sagt, sie selbst sei bekennende Atheistin und der Verein Norm182 kein religiöser.
Im April dieses Jahres hat auch die nationale Frauensektion der Mitte-Partei (ehemals CVP) ein Grundlagenpapier zum Thema «Prostitution» verabschiedet. Gemäss diesem sollen unter anderem Gesetze und notfalls die Verfassung «zum Schutz der Prostituierten» angepasst, «Freier und Zuhälter stärker in die Verantwortung» genommen oder «wirkungsvolle Hürden» geschaffen werden, um den «Einstieg in die Prostitution zu erschweren». Während in der Schweiz noch von Volksinitiativen und kantonalen Gesetzen zur Einführung des nordischen Modells gemunkelt wird, geht Schweden einen Schritt weiter. Weil sich nämlich die Sexarbeit mittlerweile stetig digitalisiert, tritt dort bald das Verbot von virtueller Sexarbeit in Kraft. «Das hat nichts mit Schutz zu tun», findet Maya, «Das ist einer der sichersten Wege, um Geld verdienen zu können.»